der Tat auch kein Hehl , denn auf die zornige Frage des Vaters , wie sie sich das hätten unterstehn können , versetzten sie unbefangen , daß nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen hingesetzt worden , und daß sie hungrig gewesen wären . Unglaublich würde Ihnen diese Aufzehrung eines Abendessens für zwölf Personen durch zwei Knaben klingen , wenn Ihnen nicht die Frugalität unsrer Genüsse bekannt wäre . Die arme Meyer dauerte mich . Es war viel zu spät , um noch einen Ersatz des verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu können . Sie wollte über den Vorfall scherzen , aber es gelang ihr übel . Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung , daß niemand Appetit verspüre , aber wer hätte dieser Behauptung nach so langwierigem Vorlesen Glauben geschenkt ? Der Künstler , welcher die nächste Verpflichtung hatte , die Anwesenden für die durch die Gefräßigkeit seiner Knaben erlittne Einbuße zu entschädigen , fand sich am ersten zurecht und sagte : Wir haben hier leider erlebt , wie die Natur , aller Ästhetik spottend , in roher Weise ihren Weg geht . Angenehmer ist es , zu sehn , wie sie sich dem Zwange zum Trotz , den ihr Narren antun wollen , unaufhaltsam die Bahn bricht , und eine solche Erfahrung habe ich heute hier gemacht . Ich fand ein junges Talent , welches man von seinem Ziele abzuleiten gedachte , und welches sich dennoch zu dem machen wird , was es ist . Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gasthofs sah , hörte ich unten auf der Straße ein lautes Schluchzen . Ein junger Mensch stand vor der Pforte des Hauses und ließ einem Kummer , der auch halb wie Zorn aussah , auf solche ungezähmte Weise freien Lauf , ohne der Umstehenden zu achten . Die prächtige Gesichtsbildung des Jünglings , seine hohe Stirn , gebogne Nase , und das reich wallende Haupthaar zogen mich an , ich ging hinunter , und fragte nach der Ursache seiner Tränen . Anfangs wollte er mir nicht Rede stehn ; ich ließ jedoch nicht ab , nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Geständnis . Er sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschützer , erzählte er . Von Kindheit an habe er die größte Lust zum Zeichnen gehabt , und alles nachgeahmt , was ihm zu Gesicht gekommen , Bäume , Tiere , Soldaten . Niemand aber sei ihm behülflich gewesen , daß er etwas lernen können . Endlich habe sich eine reiche Dame seiner angenommen ; nun sei er in ihrem Hause untergekommen , wo er aber verborgen habe leben müssen . Die Dame habe ihm gesagt , er werde ein großer Mann werden , wenn er sich ganz nach gewissen Bildern richte , die sie ihm denn auch gezeigt habe . Der Jüngling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgötter mit Eidechsenleibern , und ich wußte bald , woran ich war . Er beschrieb mir seine Pein , welche er empfunden , da er diese Mißgestalten nachbilden müssen , in so rührenden Wendungen , daß mein Anteil immer höher stieg . Indessen , sagte er , habe er doch gemerkt , daß jene Herrgötter menschliche Körper vorstellen sollten , und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt , einen wirklichen natürlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken . Zufällig habe er gehört , daß es Personen beider Geschlechter gebe , die sich wohl zu solchem Zwecke den Malern darliehen , und nun habe er nicht eher geruht , bis er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei . Da habe er denn etwas zu sehen bekommen , worüber nichts in der Welt gehe ; jegliches so ebenmäßig , fein , rund und doch straff . All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet , deren verschiedne Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden , selig vor Vergnügen , abgezeichnet habe . Heute sei er mit einer wahren Wollust bemüht gewesen , die Glieder und Formen eines wunderschönen Mädchens auf das Papier zu übertragen , als er wahrgenommen , daß man ihn belausche . Es sei hierauf ein großer Lärmen im Hause entstanden , und die Dame habe ihm , als einem schlechten liederlichen Menschen die Türe weisen lassen . Außer sich vor Ärger und Beschämung sei er nach dem Gasthofe gelaufen , um sein Brot anderweit zu verdienen , sei es auch durch Laufen und Packentragen für die Reisenden . Ich wollte den Namen jener guten Törin wissen , welcher es unbekannt zu sein scheint , daß man , um Menschen zu malen , ihre Gestalt kennenlernen muß ; mein junger Exilierter weigerte sich aber , da er aus meinen Worten abnahm , wie ich über den Vorfall denke , sie zu nennen , die immer , so fügte er hinzu , seine Wohltäterin bleibe . Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber . Ich ließ ihn seine Zeichnungen bringen , und hatte über ein urkräftiges Talent zu erstaunen , welches in Gefahr gewesen war , durch verrückte Modetorheit , wenn nicht erstickt , doch aufgehalten zu werden . Roh und unfertig waren diese Sachen , das ist richtig , aber aus jedem Punkte , aus jeder Linie leuchtete ein so tiefer Sinn für die Natur , ein so reines Schönheitsgefühl hervor , daß ich wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward . Es versteht sich , daß ich ihn nicht hierlasse , sondern mit mir nehme , obgleich ich voraussehe , daß er mich in kurzem überholen wird . - Wissen Sie vielleicht mir die altertümelnde Beschützerin zu nennen ? Denn ich muß ihr doch danken , daß ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser Bekanntschaft verholfen hat . « Achtes Kapitel » Die letzte Frage und Aufforderung hörte die Meyer nicht mehr . Sie hatte sich schon während der Erzählung , sobald deren traurige Beziehung klar ward , hochrot , eine Unpäßlichkeit vorschützend , still entfernt . Unsre Gesichter können Sie sich denken .