Jugend ihr keinen Reiz geraubt . So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte vergebens nach freundlichen Worten , ihn damit zu begrüßen . Er wagte es nicht , die Hand zu berühren , die sie wie unwillkührlich ihm halb entgegenreichte , aber sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke , aus der edlen und doch so demüthigen Stellung , in der er vor ihr , wie vor einem Götterbilde , sich ehrerbietig neigte . Der Edelknabe war zum Manne geworden , zum männlichschönsten , den ihr Auge je erblickte , aus dessen edlen , rein harmonischen Zügen jede Spur jenes wilden Feuers verschwunden war , von dem sie sonst so oft erschreckt worden . So hatte Ottokar ihren Jugendträumen vorgeschwebt , jetzt erblickte sie das Traumbild ins Leben gerufen , aber veredelt , verklärt , wie sie selbst in ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte . Beide schwiegen in den ersten Momenten ; Hippolit fand zuerst den Muth , dieß Schweigen zu brechen . Er brachte Briefe , Zeichnungen , Kameen , Pasten , kleine Mosaiken , die Ernesto ihm für Gabrielen mitgegeben hatte , und kramte alle die glänzenden Gaben in liebenswürdiger Geschäftigkeit vor ihr auf dem Tische aus . Von ihnen wendete sich das Gespräch auf sein Leben und seine Reisen in Italien . Er sprach viel von Ernesto , endlich wagte er es , sogar Ottokars Namen zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben mitzutheilen . Er that es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick ; ohne jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwähnen . Er sprach von ihm nur als von einem ihm sehr theueren Freunde , dem er unendlich viel verdanke . Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit , das er sich selbst auferlegt . Er hatte darin bestanden , aber jetzt vermochte er auch nicht mehr . Er erhob sich um Abschied zu nehmen , und bat nur noch um die Erlaubniß , zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrüßen zu dürfen . Hippolit hatte während seines Besuchs beinah allein gesprochen , denn Gabriele vermochte es kaum über sich , dann und wann einige Worte der Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben ; sie war ganz Auge , ganz Ohr , hingerissen vom lebhaftesten Erstaunen über die unglaubliche Veränderung , die , in weniger als zwei Jahren , wie durch ein Wunder bewirkt , ihr hier entgegenleuchtete . In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte für ihre Gedanken , blieb Gabriele lange wie in sich verloren . War das der Hippolit , welcher einst so keck und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat ? War das der wilde rohe Jüngling , dessen ungebändigten Sinn sie unlängst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen gezwungen war ? Ihr Herz regte sich laut in ungestümen Schlägen , ihre Wangen glühten vor Freude , meinte sie , über diese glückliche Verwandlung . Eine ihr unerklärliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefühle befangen , die bei dem Gedanken , ihn am Abend wieder zu sehen , in ihr ein Bangen erregte , wie sie kaum damals es empfunden hatte , als sie , ein Neuling in der Welt , zwischen Fürchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging . Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer . Der mürrische Kranke empfing ihn mit bittern Vorwürfen über seine plötzliche Abreise von Schloß Aarheim , die Hippolit mit vieler Sanftmuth ertrug . Bald fühlte sich Moritz wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen , den die Gegenwart seines ehemaligen Lieblings stets an ihm übte . Er wurde immer freundlicher , zuletzt war alles Unangenehme so weit vergessen , daß er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang , sein Haus wie ehemals als sein eignes zu betrachten . Der ihm nun wieder ganz zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an , er drang sie ihm fast auf , und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben , um dieß Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen . Er that es , ohne dabei den Blick zu Gabrielen zu erheben , die hocherröthend und schweigend der Verhandlung zuhörte , ohne die mindeste Aeußerung über sie zu wagen . Sie schämte sich innerlich ihrer Verlegenheit dabei , denn sie glaubte nun fest überzeugt seyn zu können , daß in Hippolits Gemüth keine Spur von jenem Gefühl mehr lebe , das sie einst zwang , ihn zu verbannen , und doch vermochte sie es nicht über sich , diese wunderbare , ihr selbst unerklärliche Befangenheit zu besiegen . Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens täglicher Gast . Sein Betragen blieb sich immer gleich . Immer erschien er gelassen , sanft , freundlich gegen Moritzen ; voll inniger Theilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen . Zuweilen fand er sie allein , öfter am Krankensessel ihres Gemahls , der von einem unheilbaren Asthma ergriffen , in manchen Augenblicken Todespein litt , von der er sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte . Zufolge des Ausspruchs der Aerzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Uebel kämpfen , ehe es ihn überwältigte . Einst , nicht lange nach seiner Ankunft , überraschte Hippolit Gabrielen , eben da sie zitternd vor Frost , in der unfreundlichsten Jahreszeit , bei weitgeöffneten Thüren und Fenstern den athemlosen Kranken unterstützte , der für seine gequälte Brust nur in der fürchterlichsten Zugluft einige Erleichterung fand , und sie dabei in seinem bewußtlosen Zustand fest umklammert hielt . Der Anfall ging vorüber und Hippolit gewann Zeit und Kraft , Gabrielen zu betrachten , welche , mitleidige Thränen im schönen Auge , erschöpft hinsank . Sein Herz stand still vor Entsetzen , da ihm in diesem Momente die Gefahr plötzlich entgegenstarrte , der sich dieses zarte Wesen täglich aussetzte . Und für wen ? Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblühende tiefe Röthe , das ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem