ihn mehr , kein Ohr vernimmt den Ton seiner Stimme . Und der Geist ? - Mit Entsetzen wendet sich in diesen ernsten Augenblicken die schaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg , hinweg von allen spitzfindigen Systemen der Philosophie , und umfaßt mit Innigkeit und kindlichem Glauben die trostvollen Verkündigungen der Religion . Ja , ich werde leben ! Noch sehe ich die Bedingungen meines künftigen Seyns nicht ein . Wir stehen aber vor der geschlossenen Pforte , und quälen und mühen uns ab , Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu ersinnen ; wie es aber seyn wird , ob der Blindgeborne sich eine richtige Vorstellung von den Farben hat machen können , die , wenn sein Auge geöffnet wird , mit der Wahrheit übereinstimmt ? Das ist eine Frage , die der menschliche Verstand beinahe mit Gewißheit verneinen kann . Alles , was wir mit großem Rechte erwarten können , ist , daß es dem , dessen Wille redlich war , besser gehen muß , als hier . Und war mein Wille redlich ? - Ja , er war es . Dies Zeugniß gibt dem Sterbenden sein Gewissen , und in diesen furchtbaren Augenblicken fällt jede Maske , auch die der Selbsttäuschung . Ich habe eine große Idee im Herzen getragen , ich habe ihrer Verwirklichung Alles aufgeopfert , was Menschen theuer ist . Habe ich geirrt , so trage ich die Schuld der Menschheit . Aber ich habe nicht blos mein , ich habe noch eines andern - über Alles edeln Wesens Glück auf jenem ernsten Altar geschtachtet - das Glück meines Weibes ! - Durfte ich das ? - O barmherziger Gott ! Wenn ich das nicht durfte ! - Wenn jene Idee dieses Opfers nicht werth war ! Wenn - mein Geist verliert sich in Zweifel und Unruhe , und ist in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe - aber leuchtend und siegreich erhebt sich der Gedanke wieder : Mein Wille war gut , und wie der Leitstern den Schiffer in stürmischen Nächten , führt er mich aus Angst und Dunkel heraus in lichte Klarheit und stillen Frieden . Mein Zeitliches ist besorgt . Ich habe an Constantin geschrieben , und ihm noch ein Mal mein Weib und meine Kinder empfohlen , wenn er einst das Ziel erreicht , zu dem er rasch hinstrebt . Mein Grab ist die erste Stufe , von der er sich mächtig aufwärts schwingt - so habe ich wohl ein Riecht , seinen Schutz anzusprechen . Tiridates und Calpurnia , die edlen Freunde , deren Liebe ich so viel verdanke , haben mir thätige Hülfe versprochen , sie haben sich angeboten , meine Wittwe , meine Waisen mit sich in ihr Reich zu nehmen , wenn ich es wünschte , wenn ich sie dort vielleicht sicherer glaubte . Aber Theophania sehnet sich , den Rest ihrer Tage unter Christen , an der Seite einer langgeprüften Freundin , die sie vor Jahren hat kennen lernen , zuzubringen ? Welchen Schutz kann ihr auch ein bundesverwandter König gewähren , wenn es dem blutigen Galerius einfiele , seine Wuth und Rache auch auf sie auszudehnen ? Ist wohl Bundesgenosse mehr , als ein tönender Name für Unterthan ? So wird sie in Apamäa nicht weniger sicher seyn , als in Ecbatana ; sie ist seinen Augen entrückt , das ist alle Sicherheit , die sie hoffen kann . Ich habe sie noch ein Mal gesprochen , und meine Kinder noch ein Mal gesegnet . Nächtlich und furchtbar , und dennoch , so unaussprechlich theuer kehrt die Erinnerung an diese heilige Stunde nur zu oft in meine Seele zurück . Zu oft ! denn ich soll ruhig seyn , ich soll , durch keine irdische Bande mehr gefesselt , nur der Vorbereitung auf die große Zukunft leben . Aber das Herz behauptet mit unwiderstehlicher Kraft sein Recht . Ich liebe , Phocion ! jetzt an der Schwelle der Ewigkeit liebe ich stärker als je , denn höher als je steht das Bild meines Weibes vor mir ! Gestern ward es mir vergönnt , sie zu sehen . Mit hochschlagendem Herzen trat ich den Weg an . Im Atrium erblickte ich von Weitem die Königin , aber sie floh bei meinem Anblicke in ' s Innere des Hauses . Ich folgte langsam mit heimlichem Beben , da öffnete sich die Thüre , und Theophania , bleich , zitternd , in fürchterlicher Bewegung , sank schreiend an meine Brust . Calpurnia entfloh zum zweiten Mal schluchzend , und ließ mich mit der Ohnmächtigen allein . Meine Liebe , meine Stimme brachte sie zu sich selbst , und nun begann eine Scene , deren Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreißen wird , wenn anders dort unsre Empfindungen den irdischen gleichen . Selbst tiefgebeugt , selbst von dem Anblicke Alles dessen , was ich so heiß liebte , und so bald verlassen sollte , verwundet , mußte ich Stärke für sie und mich haben , ich mußte ihr Trost zusprechen , ich mußte sie zur Ergebung bereiten . Es gelang doch . O der ernste Wille ist allmächtig , er ist der Gott in unserer Brust ! Und , Phocion ! bei dieser reinen Seele , bei diesem kindlichen Glauben an Gottes weise Fügung , bei diesem heiligen Streben nach dem Guten , um des Guten willen , war es nicht so schwer , als ich fürchtete . Sie begriff mich , sie faßte sich , sie war fähig , ihre Gedanken von sich selbst hinweg auf etwas Andres zu richten , und wieder jene schöne Gluth zu empfinden , die oft in unvergeßlichen Stunden , wenn Constantin und ich mit ihr von unsern Planen sprachen , ihre Seele begeistert hatte . Sie war nicht blos Gattin und liebendes Weib , sie war Christin im erhabensten Sinn des Worts . Ach , sterben für ein Ideal - für einen großen , Menschen beglückenden , Plan - es ist schwer , es ist groß , wenn man Geliebte zurückläßt