fiel ich ein , setzt mich desto mehr in Verwunderung , da ich nach dem Ruf , worin Demokritus steht , eher alles andere als einen Sachwalter der Götter von ihm erwartet hätte . Der war er denn auch so eigentlich nicht , versetzte Diagoras ; aber er hatte sich über diesen Punkt ein System gemacht , wobei er seine Vernunft zu retten glaubte , ohne mit den Priestern und Mystagogen , die den Glauben an ihre Götter und Mysterien zu einer Bürgerpflicht zu erheben gewußt haben , jemals in offne Fehde zu gerathen . Du würdest mich verbinden , sagte ich , wenn du mich mit seiner Denkart über diesen Gegenstand näher bekannt machen wolltest . - Dieß kann nicht besser geschehen , erwiederte Diagoras , als wenn ich dir eine Unterredung mittheile die über diese Materie zwischen uns vorfiel . Du bist , sagte Demokritus zu mir , vermuthlich der einzige Mensch in der Welt , der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat , um hinter die Geheimnisse der Priesterschaft zu kommen : darf ich fragen , was der reine Gewinn deiner Entdeckungen ist ? - Immer so viel ( war meine Antwort ) daß ich die Unkosten nicht bereue . Ich weiß nun mit einer Gewißheit69 , die ich schwerlich auf einem andern Weg erlangt hätte : daß Götter und Priester Synonymen sind ; daß alle unsre Götter ( die bloß allegorischen ausgenommen ) Menschen waren , die ihre Standeserhöhung und den ihnen angewiesenen Antheil an der Weltregierung den Priestern , durch welche sie regieren , zu danken haben ; und daß der Tartarus mit allen seinen Feuerströmen und Schreckgespenstern , so wie die Inseln der Seligen mit aller ihrer Wonne , schlaue Erfindungen sind , wodurch die Priesterschaft sich der beiden mächtigsten Leidenschaften und durch sie der Herrschaft über die Welt bemächtigt hat . Ich begreife nun wie der Götter und der Menschen Vater Zeus zu Kreta geboren und begraben seyn kann ; warum Delos die Wiege des Apollo und der Artemis ist , und woher die unendliche Menge von Söhnen und Töchtern kommt , womit unsre Götter und Göttinnen die ganze Hellas so überschwänglich bevölkert haben , daß keine alte Familie ist , die ihr Stammregister nicht mit irgend einem göttlichen Bastard anzufangen die Ehre hätte . Ich begreife nun , warum eine Religion , die in sich selbst so übel zusammenhängt , und deren höchstes Geheimniß ist daß die Götter Nicht-Götter sind , so wenig zur Veredlung der Menschheit beitragen kann . Und wenn auch das alles nicht wäre ( setzte ich hinzu ) rechnest du etwa für nichts , daß ich weiß wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wüthenden Typhon verbarg , was das alte Mütterchen Baubo der Ceres zeigte , um sie in der höchsten Betrübniß zum Lachen zu bringen , und was in dem verdeckten Korbe war , den Pallas Athene den Töchtern des Cekrops in Verwahrung gab ? - O gewiß , versetzte Demokritus lachend , zu diesen Wissenschaften hättest du schwerlich auf einem andern Wege gelangen können ; aber alles übrige war wohlfeiler zu haben . - Ich muß bekennen , sagte ich , daß mir die Wissenschaft - nichts oder was wenig besser als nichts ist , zu wissen , hoch genug zu stehen kommt ; zumal , da mir , bei aller Aufklärung die ich über unsre Mysterien erhalten habe , der Hauptpunkt noch immer unbegreiflich geblieben ist . - Was könnte dieß wohl seyn ? fragte Demokritus . - Weiter nichts , als wie es möglich ist , daß bei der unendlichen Menge von - Iniziirten , es noch einen einzigen vernünftigen Menschen geben kann , der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug , Gaukelei , Kindermährchen und Kinderpossen , wie die Religion unsrer Väter ist , noch einen Augenblick täuschen lassen kann . Denn wirklich thut die Priesterschaft ihr Möglichstes uns die Augen zu öffnen . - Ich sehe , erwiederte er , daß du mit allen deinen Nachforschungen noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist . Wir machen uns fast allemal einer Ungerechtigkeit schuldig , wenn wir irgend etwas Menschliches , sey es - Glaube , Gewohnheit , Sitte , oder - Lehre , Gesetz , Institut , eher für ganz ungereimt und verwerflich erklären , bevor wir unbefangen erforscht haben , ob es nicht in seinem Ursprung , zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt , gut , schicklich und zweckmäßig war . Ich bin gänzlich deiner Meinung , daß der Gebrauch , den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien macht , die Verachtung , die du dagegen gefaßt hast , mehr als zu sehr rechtfertigt : nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung schickliche Mittel zu einem löblichen Zweck gewesen zu seyn , und um dieser Ursache willen einige Schonung zu verdienen . Die undurchdringliche Finsterniß , die auf der ältesten Geschichte aller Völker liegt , hat mich nicht abgeschreckt , in den Alterthümern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte . Dem , was ich darin wahrzunehmen glaubte , zufolge , nehme ich drei verschiedene Epochen an , in welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem , was sie noch zu unsrer Väter Zeit war , gestaltet hat . Denn über das , was sie jetzt ist , sind wir , denke ich , ziemlich einverstanden . Der erste dieser Zeitpunkte ist der , da unser Land noch von ganz rohen Naturmenschen , oder richtiger gesagt , Thiermenschen bewohnt war . So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht , kann man von ihm so wenig , als von irgend einem andern Thiere , sagen , daß er eine Religion habe : es ist etwas der Religion Aehnliches , wie man einigen Thieren etwas der Vernunft Aehnliches zuschreibt . Ein dumpfes Gefühl der gewaltigen , ihm unbegreiflichen Kräfte der Natur , das bei ungewöhnlichen , vorzüglich bei