werde ich Dir fluchen ! “ Sie hatte die letzten Worte mit einem Ausdruck gesprochen , vor dem selbst der kaltblütige Leuthold erbleichte . Er übersah rasch die ganze Lage . Er erkannte , daß sie ihrem Ehrgeiz ein Opfer gebracht haben müsse , welches sie nachher selbst als unverhältnismäßig empfunden . Sein gewandter Verstand reimte sich den Vorgang bald zusammen . Es war ihm ein Schlag , über dessen Tragweite er sich nicht täuschte . Er fühlte , daß er hier an einem Wendepunkt stehe , wo die höchste Vorsicht geboten und wagte nicht zu sprechen , bevor er überlegt , was das Beste sei . So gelangten sie stumm bis zur Pforte ihres Gartens . Er öffnete und ließ Ernestinen eintreten . Als sie an dem Hügel vorbeikam , wo sie Abends zuvor das Gespräch mit Johannes gehabt , brach sie in Tränen aus . Leuthold sah sie befremdet an , sie bezwang sich und ging raschen Schrittes weiter . Er hatte wieder , wie immer , als kaltes Wasser auf sie gewirkt , die Wunde blutete nicht in seiner Nähe . „ Ich war empört , als ich diesen Morgen bei meiner Ankunft erfuhr , was geschehen , “ begann er endlich . „ Man ist ja bei dieser Rotte seines Lebens nicht mehr sicher . — Jedenfalls müssen wir nun ernstlich daran denken , von hier fortzuziehen , denn unter diesen Blödsinnigen ist unseres Bleibens nicht mehr . “ Er beobachtete sie scharf . Ernestine machte eine abwehrende Bewegung . „ Wie ? Du wolltest nicht ? Was könnte Dich hier fesseln , wo Alles Dir feindlich ist ? “ Ernestine schwieg . Nach einer Pause sagte sie , dumpf : „ Es ist gut . Du hast mir den Vorschlag gemacht — lass das genug sein . Ich werde es bedenken . “ Sie traten in das Haus . „ Ernestine — ich habe Dir den ersprochenen Sphygmographen mitgebracht , willst Du ihn sehen ? “ 90 „ Nein , ich will auf mein Zimmer und ruhen . “ Leuthold war ratlos . Er wollte sie jetzt nicht sich selbst überlassen . Er wollte ihre Aufregung benützen , um ihr das Geheimnis zu entlocken , das sie vor ihm hatte . Schon war sie an der Tür — da rief er ihr nach : „ A propos , Ernestine ! 91 Ich gratuliere Dir . “ „ Wozu ? “ „ Ich habe heute Morgen eine Indiskretion begangen und die Abhandlung auf Deinem Schreibtisch hervorgesucht , die Du mir so lange vorenthalten . Ernestine , ich kann Dir sagen , ich bin ganz erstaunt ! Das überflügelt Alles , was Du bisher gemacht — das wird wie eine Brandfackel in die Gelehrtenwelt einschlagen ! “ Ernestine ließ die Türfalle los , die sie schon gefaßt hatte und sah ihn trübe an : „ Glaubst Du ? “ Sie schüttelte das Haupt : „ Sie werden es doch nicht aufkommen lassen . “ „ O , das denke nicht . So etwas muß sich Bahn brechen , dessen sei versichert . Wie bist Du nur auf diesen großartigen Einfall gekommen ? “ „ Wie man am Ende auf Alles kömmt — durch Ideenverbindung . Wenn es sich nur begründen läßt ? “ „ O , gewiß , gewiß , ich verbürge mich , daß es richtig ist . Mädchen , Du hast eine große Zukunft . Ich glaubte Dich zu kennen , aber Du überraschest mich immer aufs Neue durch Deinen wachsenden Genius . “ „ Ach , Oheim , ich wage kaum mehr zu hoffen , Ich weiß jetzt , wie verächtlich die Männer der Wissenschaft von gelehrten Frauen denken . Mit dem Reden ist nichts getan , ich müßte Beweise schaffen können , unumstößliche Beweise , — müßte ein Verfahren ausfindig machen , das Allen zugänglich wäre . Tatsachen fordert die heutige Wissenschaft und kann ich die nicht beibringen , so werde ich diese vorurteilsvollen Köpfe nie überzeugen . “ „ Sei versichert , daß Jeder , der das liest , angeregt wird , Versuche über diesen Punkt zu machen . Überlaß Du ’ s den Technikern , das richtige Verfahren aufzufinden . Das Verdienst der Idee bleibt immer das Deine ! “ „ Und wenn sie es auch der Mühe wert finden , die Sache zu prüfen , es aber verkehrt anfangen und nicht zu dem erforderlichen Resultat gelangen — dann ist und bleibt es eben nur eine Hypothese und ich bin eine gelehrte Schwätzerin . Auch die du Chatelet wurde verlacht , als sie zuerst den großen Gedanken aussprach , daß die verschiedenen Spektralfarben verschieden erwärmen . Was half es ihr , daß nach vierzig Jahren endlich Rochon das Verfahren entdeckte , das den Beweis für ihre Behauptung lieferte ? Sie war längst zu Staub zerfallen , und man legte nicht einmal den Lorbeer der Autorschaft auf ihr Grab.92 Ach , es ist ein elendes Dasein , wie lange , wie lange werden wir uns noch so Schritt für Schritt durchkämpfen müssen ? “ Sie hatte sich unwillkürlich von der Tür ihres Zimmers entfernt und dem Onkel genähert . Er ergriff ihre gerungenen Hände , er fühlte sie wieder in seiner Gewalt . „ So lange , bis es ein Weib geben wird , das die Kraft hat , dem Manne zu widerstehen . Sie sind alle Brunhilden — diese großen Heldinnen . Jede fiel einem Siegfried zum Opfer , der ihre Stärke brach.93 Du , Ernestine , Du bist vielleicht das einzige Weib , das seine Aufgabe mit ruhigem Blute und klarem Sinn durchführen wird . Du erliegst keiner niederen Regung , unverwandten Auges strebst Du Deinem Ziele zu . Du wirst das Vorurteil der Welt brechen — Du wirst es und kein Mensch soll ahnen , wer Dir dazu half . Ich habe es längst verlernt , für mich zu denken und zu sorgen . Du bist mein Stolz , Du bist mehr als mein Kind , Du bist das