einem Brödchen , welches ich für meinen letzten Pfennig am Mittage in einer Stadt gekauft , durch die wir gekommen . Ich sah hie und da reife Heidelbeeren unter dem Haidekraute schimmern : ich pflückte eine Handvoll und aß sie zu dem Brode . Mein heftiger Hunger wurde durch dieses Klausnermahl , wenn auch nicht gestillt , doch wenigstens besänftigt . Ich sprach mein Abendgebet , und wählte dann , als es beendet war , mein Lager . Neben der Klippe war das Haidekraut sehr hoch : als ich mich niederlegte , wurden meine Füße ganz davon bedeckt ; es erhob sich hoch zu beiden Seiten und ließ nur einen schmalen Raum übrig , durch den die Nachtluft eindringen konnte . Ich legte mein großes Halstuch doppelt zusammen und breitete es als eine Decke über mich ; eine niedrige mit Moos bewachsene Erhöhung war mein Kopfkissen . In dieser Lage empfand ich wenigstens zu Anfang der Nacht keinen Frost . Meine Ruhe hätte stärkend genug sein können , wäre sie nicht von einem traurigen Herzen unterbrochen worden . Es klagte über seine tiefen Wunden , sein inneres Bluten , seine zerrissenen Saiten . Es bebte für Rochester und sein Schicksal : es beklagte ihn mit bitterem Mitleid : es sehnte sich nach ihm mit unaufhörlichem Verlangen : und ohnmächtig , wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln , schlug es noch mit seinen beschädigten Schwingen in eitlem Bemühen , zu ihm zu eilen . Von dieser Qual der Gedanken belästigt , erhob ich mich auf die Kniee . Die Nacht war angebrochen und ihre Planeten aufgegangen : eine sichere , stille Nacht — zu heiter für die Gesellschaft der Furcht . Wir wissen , daß Gott überall ist ; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am meisten , wenn seine Werke in größtem Maaßstabe vor uns ausgebreitet sind : und in dem unbewölkten Nachthimmel , wo seine Welten auf ihren stillen Bahnen dahinziehen , lesen wir am klarsten seine Unendlichkeit , seine Allmacht , seine Allgegenwart . Ich hatte mich auf meine Kniee erhoben , um für Rochester zu beten . Als ich aufblickte , sah ich mit thränengetrübten Augen die mächtige Milchstraße . Als ich mich erinnerte , was sie war — welche zahllose Sonnensysteme dort nur in einem schwachen Schimmer zu erkennen waren — da fühlte ich die Macht und Stärke Gottes . Ich war überzeugt von seiner Macht , das zu erhalten , was er geschaffen , ich hielt mich überzeugt , daß weder die Erde untergehen solle , noch eine von den Seelen , die sie bewohnten . Meine Bitten verwandelten sich in ein Dankgebet : die Quelle des Lebens ist auch der Retter der Geister . Rochester war gerettet : er war Gottes Geschöpf und Gott schützte ihn . Ich nistelte mich wieder an dem Busen des Hügels ein und vergaß bald im Schlafe den Kummer . Aber am nächsten Tage kam bleich und entblößt der Hunger zu mir . Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten ; lange nach dem die Bienen beim ersten lieblichen Blicke des Tages gekommen waren , den Honig von dem Haidekraute zu sammeln , ehe der Thau getrocknet war — als die langen Morgenschatten sich schon verkürzten und die Sonne Erde und Himmel erfüllte — stand ich auf und blickte um mich . „ Welch ein stiller , warmer , herrlicher Tag ! welch eine goldene Wüste dieses weite Moor ! Ueberall Sonnenschein . “ Ich wollte , ich könnte darin und auf ihm leben . Ich sah eine Eidechse über den Felsen laufen : ich sah eine Biene unter den süßen Heidelbeeren beschäftigt . Ich wäre gern in dem Augenblicke eine Biene oder Eidechse geworden , um passende Nahrung und dauernden Schutz hier zu finden . Aber ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines menschlichen Wesens : ich durfte nicht verweilen , wo sich Nichts fand , um sie zu stillen . Ich stand auf und blickte auf das Bette zurück , welches ich verlassen . Hoffnungslos für die Zukunft , wünschte ich nur , daß mein Schöpfer in jener Nacht es für gut gehalten hätte , meine Seele von mir zu fordern , während ich schlief , und daß diese ermattete Gestalt , durch den Tod von weiterem Kampfe mit dem Schicksale befreit , nur ruhig sich auflösen und sich in Frieden mit dem Boden dieser Wildniß hätte mischen können . Doch das Leben war noch in meinem Besitz mit allen seinen Forderungen , seinen Leiden und Verantwortlichkeiten . Die Bürde mußte getragen , das Bedürfniß befriedigt , das Leiden erduldet , die Verantwortlichkeit erfüllt werden , und ich machte mich auf den Weg . Als ich den Wegweiser wieder erreichte , folgte ich dem Wege , der von der Sonne abführte , die jetzt hoch und glühend am Himmel stand . Nach keinem andern Umstande traf ich meine Wahl . Ich ging eine lange Zeit weiter und als ich dachte , es wäre fast genug und ich dürfe mich wohl der Ermattung hingeben , die mich fast überwältigte — ich könne wohl diese heftige Anstrengung einstellen , mich auf einen Stein niedersetzen , den ich in der Nähe erblickte und mich ohne Widerstand der Gefühllosigkeit unterwerfen , die Herz und Glieder erstarren machte — da hörte ich den Klang einer Glocke — einer Kirchenglocke . Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges und dort unter den romantischen Hügeln , auf deren Wechsel und Aussehen ich seit einer Stunde nicht mehr geachtet , erblickte ich ein Dörfchen und einen Kirchthurm . Das ganze Thal zu meiner Rechten war mit Weiden , Kornfeldern und Gehölz angefüllt , und ein schimmernder Bach floß im Zickzack durch die wechselnden Schatten den Grün , durch die reifenden Saaten , das düstere Gehölz und die sonnige Wiese . Durch das Rollen von Wagenrädern auf der Straße vor mir von meiner Betrachtung abgelenkt , sah ich einen schwerbeladenen Wagen den Hügel herauf arbeiten , und nicht weit hinter