in der sicheren Erwartung des Heiratsantrags den Mühlenbesitzer um ein Darlehen von tausend Mark ersucht . Der Mühlenbesitzer hatte ihm das Geld gegeben und glaubte dadurch gleichsam eine Wechselpromesse auf Dorothea zu haben . Döderlein hatte sich gebunden und war fest entschlossen , das Heiratsprojekt durchzusetzen . Doch Dorotheas Betragen ließ Auflehnung vermuten . Er war in Sorge . Er sann auf Zerstreuung . Vor sechzehn Jahren hatte er einmal eine Komposition begonnen , die den Titel führte : Allerseelen , ein symphonisches Gemälde . Fünf Seiten Partitur waren damals niedergeschrieben worden , seitdem hatte er sich keiner produktiven Arbeit mehr unterzogen . Er kramte die Handschrift aus einer Schublade und setzte sich damit aus Klavier . Er wollte dort wieder anknüpfen , wo er vor sechzehn Jahren den Faden verloren hatte , als ob die Pause in einem Mittagsschläfchen bestanden hätte . Es ging nicht . Er seufzte tief . Stumm saß er vor dem Instrument , starrte auf das Papier wie ein Schüler , der eine Rechnung lösen soll , zu der er die Regel vergessen hat und betrauerte den Verlust seiner künstlerischen Kraft . Es war alles so leer innen . Die Noten grinsten ihn spöttisch an , und seine Gedanken kehrten ungehorsam immer wieder zu dem Mühlenbesitzer zurück . Eine Weile phantasierte er auf den Tasten , da steckte Dorothea den Kopf zur Türe herein und sang mit : » Rheingold , Rheingold , reines Gold . « Wütend schlug er den Deckel zu , nahm Hut und Mantel und verließ das Haus , um den heimlichen Weg in die Vorstadt anzutreten . Als er in der Nacht zurückkam , sah er unterm Haustor Dorothea mit einem Mann stehen . Es war der Schauspieler Edmund Hahn . Im Flüsterton führten sie ein ziemlich erlegtes Gespräch , der Mann hielt Dorothea an den Armen gepackt , aber als Andreas Döderlein sichtbar aus dem Dunkel der Straße auftauchte , stieß er einen Fluch aus und verschwand eilig . Dorothea schaute ihrem Vater frech ins Gesicht und folgte ihm dann ins dunkle Haus . Oben , als er Licht angezündet hatte , wandte sich Döderlein ihr zu und fragte drohend : » Was bedeuten diese unzüchtigen Zusammenkünfte ? Antwort will ich haben . « » Ich mag deinen Mehlsack nicht heiraten , da hast du meine Antwort , « versetzte Dorothea und warf trotzig den Kopf zurück . » Na , das werden wir ja sehen , « sagte Döderlein , bleich vor Zorn , und pflügte mit den Fingern durch die schütter gewordene Lockenmähne , » das werden wir ja sehen . Marsch hinaus jetzt mit dir , ich habe nicht Lust , mich von einer solchen undankbaren Kröte um den wohlverdienten Schlaf bringen zu lassen . Morgen reden wir weiter . « Am andern Morgen eilte Dorothea zu Herrn Carovius . » Onkelchen , « stammelte sie , » er will mich an den Mehlsack verkuppeln . « » So ? Da werd ich dem Dreipfennigmusikanten wieder einmal auf die Bude steigen müssen , « sagte Herr Carovius . » Nur ruhig , Kindchen , nur ruhig ! « fügte er hinzu und streichelte zärtlich ihre braunen Haare , » der alte Carovius lebt noch . « Dorothea schmiegte sich an ihn und lächelte . » Was würdest du sagen , Onkelchen , « begann sie mit schelmischem und zugleich sehr aufmerksamem Blick , » wenn ich den Daniel Nothafft zum Mann nähme ? Der gefällt dir doch , « fuhr sie schmeichelnd fort und hielt ihn , als er zurückwich , bei den Schultern fest , » der muß dir doch gefallen . Einen will ich endlich haben , eine alte Jungfer will ich nicht werden , und beim Vater halt ich ' s nimmer aus . « Herr Carovius riß sich los . » Ins Tollhaus mit dir , du Kanaille ! « schrie er . » Da wollt ich lieber , du gingst mit dem Mehlsack ins Bett . Ist der Gottseibeiuns in dich gefahren , Dirne ? Juckt dich die Haut , dann kratz dich , oder nimm dir meinetwegen einen Stallknecht dazu wie die selige Kaiserin Katharina . Schaff dir schöne Kleider an , behäng dich mit Firlefanz , geh tanzen und sauf Champagner , mach Musik oder schmeiß deine Geige auf den Misthaufen , treib was du willst , ich geb dir Geld , soviel du willst , aber den grünäugigen Phantasten , den habergasigen Rattenfänger , den Weiberfresser und Unmusikanten , den schick seiner Wege , das tu mir um Gottes und seiner Heiligen willen nicht an , sonst ist ' s aus zwischen uns , sonst hab ich nichts mehr mit dir zu schaffen . « Ein solcher Haß , eine solche Angst war in Herrn Carovius ' Gesicht , daß Dorothea staunte . Seine Haare waren verwirrt wie die Reiser eines Vogelnests , aus seinen Mundwinkeln rann Nässe , die Augen loderten rötlich , der Zwicker saß auf der Spitze der Nase . Nichts hätte Dorothea mehr locken und reizen können als die Worte , die sie über Daniel vernommen , als das Gebaren des Herrn Carovius . Ihre Augen blickten groß , ihr Mund öffnete sich lüstern . War noch ein Schwanken in ihr gewesen , jetzt war keines mehr . Sie liebte das Geld ; sie war mit Habsucht in der Brust geboren ; aber wenn Herr Carovius ihr alle seine Schätze zu Füßen gelegt und dagegen gefordert hätte , sie solle Daniel entsagen , sie hätte es nicht vermocht , jetzt nicht mehr . Etwas grauenhaft Angenehmes zog sie nun zu dem hin , den sie so verfluchen hörte , so gefürchtet sah . In seiner Nähe war das Prickeln sinnlicher Gefahr heftiger als in der Nähe aller andern Männer , die sie kannte . Er war ihr rätselhaft und unzugänglich ; sie wollte ihn erraten und aufschließen . Er hatte so viele besessen , gewiß mehr , als er bekannt hatte ; sie wollte