Die beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen , nur zuweilen , wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie gestärkt hatte , sprachen sie , und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen , und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus . In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung , und an einem bleichen Nachmittage , als sie , eine solche verlassend , wieder ins Freie traten , sahen sie am Horizonte Krakau , die alte ehrwürdige Polenstadt , die Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen , vor sich mit den plumpen Türmen . Sie setzten sich unter einen Eichenbaum , der spärlich gegen den rauhen Wind schützte , und verzehrten ihr hartes Brot , zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln hatte . Als das kümmerliche Mahl beendigt war , sahen sie noch lange schweigend in die traurige Welt hinein ; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde zerstreut umher - das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt ; ein Mensch war nirgends zu sehen . » Das Studium der Weltgeschichte , « hub Valerius an , » ist unser trauriger Trost ; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr , eine neue Erklärung derselben , und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost , weil wir uns immer erst beschwichtigt glauben , wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind . Menschen ! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick , damit wir unsere Schwäche vergessen . Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche Forderung , daß Polen bestehen müsse , das Schicksal entscheidet anders , wir erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement , damit wir unter einem neuen welthistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren , als beherrschte unser Geist die Welt . Menschen ! Und wir sind einer wie der andere . Ich habe nun die Polen gesehen ; sie sind wieder besiegt , und ich glaube jetzt , sie werden nie siegen , sie werden zermalmt unter einer großen historischen Kombination . Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch frische , von aller Kultur unberührte Völker . So kamen einst die Römer gegen die Griechen auf , die Germanen gegen die Römer . Die asiatischen Slawen haben ihre Zeit noch nicht gefunden , vielleicht finden sie selbige nie , sie scheinen unschöpferisch , in der Einzelheit unbegabt ; vielleicht bilden sie doch einst ein neues großes Element der Weltgeschichte . Aber ihre Vorposten sind sicher verloren , wie es einst den Vandalen , den Alanen , selbst den Hauptstämmen der Goten ergangen ist : der Wende , der Obotrite , Wilze , Leche ist früh zertreten worden , der Böhme und Mähre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen , der Pole ist tief angesteckt von alt- und neueuropäischen Verlangnissen , Ideenrichtungen , er will sogar nichts Eigenes mehr als einen Namen , er verlangt halb französischen halb sonstigen Zuschnitt ; deshalb hat der Pole keine Zukunft , er unterliegt dem eigentümlicheren Rußland . Findet dieser Repräsentant des mächtigsten Slawentums , findet er Regenten , die ohne Rücksicht auf das alte Europa Rußland in ganz eigener Nationalität zu einer Gewalt aufbilden , so kann ein neues welthistorisches Element entstehen , das bisheriges freilich zermalmen müßte . Selbst ohne so große Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte als Polen verloren sein , und was jahrhundertelang sich verliert , das wird ein anderes . Lasset singen : Jetzt ist Polen doch verloren ! Wer sich töricht unterfängt , in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern und ändern zu wollen , wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit versuchten , der beklage sich nicht , wenn er zugrunde geht . Handle , wer sich berufen fühlt , aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen , was werden soll ; wir kennen die Welt nur einen Schritt weit . Ich will in meine Heimat gehen , mir eine Hütte bauen , das Weite auch ferner betrachten , aber nur fürs Nächste wirken . Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder erwachend jüdisch Reich , ist das nicht euer Hauptunglück ? Warnet die Polen , damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europäische Juden werden ? Ihr wollt es heut noch nicht glauben , daß ihr in einem neuen Umschwunge der Welt verloren gegangen seid , und so seid ihr der ewige Jude geworden , der nicht sterben kann und überall leidet . Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen ! Wer nicht sterben kann , lebt auch nicht . Diese Welt kreist einmal nur zwischen Leben und Sterben . Wie glücklich sind die Schotten in Engländer aufgegangen , wie schwer wird den Irländern der Tod , die schon lange Engländer sind , wie bedroht jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien , wie ringt Spanien in tausend Schmerzen , weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten ! « » Wie sollen wir sterben , wir armen Juden ! weiser Christ ? « sagte Joel . » Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt , aufgeklärte Juden werdet , euch emanzipieren laßt , so sterbt ihr , freilich langsam und schmerzhaft . Von jetzt an , wo dieser Gedanke aufkommt , werden noch drei Generationen zuckend leiden , wenn ' s in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung über die Welt kommt . Gesteht ' s nur , daß ihr just darum so hartnäckig seid , weil das Christentum aus euch erwachsen ist , weil ihr die altklugen Väter bleiben , den überflügelnden Kindern nicht weichen wollt ; es gäb ' lang ' keine Juden mehr , wäre das Christentum unabhängig vom Mosaismus entstanden . « » Vorderhand will ich schachern ! « Mit diesen Worten erhob sich Joel , und die beiden Wanderer schritten im Winde , der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte , auf Krakau zu . Dritter Band Die Bürger 1. Hippolyt an Valerius .