die je einer gemacht . Denn bei der ersten Wechselstelle der nachbarländischen Post lag auch die Zollstätte mit dem fürstlichen Kronwappen , und während das Gepäck der übrigen Reisenden kaum geöffnet und leichthin geprüft wurde , erregte mein unförmlicher Koffer eine genauere Aufmerksamkeit der Zollbeamten ; was am gestrigen Abend so sorglich eingepackt worden , mußte unbarmherzig herausgenommen und auseinandergelegt werden bis auf die Bücher am Grunde , und diese wurden erst recht abgedeckt . So kam der Schädel des armen Zwiehan zutage und erweckte wiederum eine Neugierde anderer Art kurz , es wurde nicht geruht , bis der ganze Inhalt meiner Kiste auf dem fremden Boden umhergestreut lag . Mit kaltem Lächeln schauten sodann die martialischen Grenzwächter zu , als ich hastig und bekümmert meine Habseligkeiten wieder in den Kasten warf und preßte und kaum alles unterbringen konnte , während die übrigen Reisenden bereits im neuen Postwagen saßen und der Wagenführer mich zur Eile antrieb . Er half mir noch den Deckel zudrücken und schließen , und als die Bediensteten das schwere Möbel wegtrugen , lag richtig der Schädel auf der leeren Stelle und war , hinter dem Koffer versteckt , vergessen worden . Er hätte auch nicht mehr Platz gefunden . So hob ich ihn denn auf , nahm ihn unter den Arm , trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf der ganzen Reise auf dem Schoße , in ein Tuch gewickelt , das ich für etwaigen Nachtfrost zum Schutze des Halses mit mir führte . Eine Art natürlicher Pietät oder Gewissensfurcht hielt mich ab , das unbequeme Wesen unterwegs auf gute Weise wegzuwerfen oder zurückzulassen , nachdem ich es einmal zu leichtsinnig vom Friedhofe geraubt hatte ; wie ja auch der verworfenste Mensch immer noch Anlaß findet , mit einem Zuge der Menschlichkeit , wenn auch noch so wunderlich angewendet , sich auszuweisen . Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner Reise , die große Hauptstadt , welche mit ihren Steinmassen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene sich dehnte . Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand , suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der Stadt . Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme ; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz , helle gegossene Erzbilder , funkelneu , schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung , wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben , indessen bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geputzten Leuten begangen wurden . Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die dunkelblaue Luft , Paläste , Theater , Kirchen bildeten große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten , neu und glänzend , und wechselten mit dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser . Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik , Geläute , Orgel- und Harfenspiel ; aus mystisch-verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse ; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise vorüber , Studenten in verschnürten Röchen und silbergestickten Mützen kamen daher , gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz auf ihre Nachtwache , während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten Tanzsälen zogen , von denen Pauken und Trompeten herübertönten . Alte dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen schwarzen Priestern , die zahlreich umhergingen ; in offenen Hausfluren dagegen saßen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänsen und mächtigen Krügen ; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei , kurz , ich hatte genug zu sehen , wohin ich kam , und wurde darüber so müde , daß ich froh war , als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und Totenkopf ablegen konnte . Elftes Kapitel Die Maler Gehe ich mit der Erinnerung meinem damaligen Wandel nach , so gestaltet sich derselbe erst um die Zeit wieder etwas deutlicher , wo ich gegen anderthalb Jahre am Musenorte mehr oder weniger inkognito zugebracht . Denn weder meine Vorbereitung noch meine Lebenskunde waren geeignet gewesen , mein Tun und Lassen rasch in eine feste Form zu leiten . In diesem Übergangsschatten herumsuchend , sehe ich mich eines Nachmittags bei guter Zeit die Palette reinigen und die Pinsel auswaschen , mit denen ich den Kampf mit einem auf Hörensagen begonnenen Ölmalen führte . Ich sehe mich noch den schlichten breitrandigen Hut ergreifen , den ich längst statt des sentimentalen Sammetbarettes trug , und den Weg zu einem neuen Bekannten antreten , um denselben noch bei der Arbeit zu finden und ihm eine flüchtige Weile zuzuschauen , ehe wir den verabredeten Gang ins Freie unternahmen . Ohne alle Empfehlungen angekommen und auch ohne Mittel , mich in die Werkstatt eines in der Wolle des Gelingens sitzenden Meisters einzudingen , war ich darauf angewiesen , in den Vorhöfen des Tempels zu stehen und da oder dort durch die Vorhänge zu gucken , was immer seine Schwierigkeit hatte . Denn von den Scholaren , wie sie im Durchschnitte sind , war nichts zu lernen , und sobald die jungen Leute durch den Verkauf eines Werkleins sich als angehende Meister betrachten lernten , wurden sie in der Mitteilung ihrer Kunstgeheimnisse zugeknöpft und einsilbig . Schon war ich einmal zurückgeschreckt worden , als ich mich auf ausdrückliche Einladung hin bei einem Derartigen schüchtern zum Besuche meldete und er mich an der Türe mit der hochmütigen Entschuldigung abwies , er halte soeben Konferenz mit seinem Literaten , um » den Mann « für die Besprechung eines neuen Bildes zu instruieren . Auch in der Idealwelt der Kunst sind Kümmel und Salz reichlicher als Ambrosia , und wenn die Leute wüßten , wie klein und ordinär es in den Köpfen mancher Maler , Dichter und Musikanten aussieht , so würden sie einige dem Völklein nur schädliche Vorurteile aufgeben . Mein neuer Freund , Oskar Erikson , war jedoch eine gerade und einfache Natur . Mit seiner ganzen langen und breitschultrigen Gestalt und in seinem dichten Goldhaar , welches vom hoch einfallenden Lichte gestreift wurde , saß er vor einem winzigen Bildchen