seine Todesschar hindurchjagten , und er sah endlich , wie sich ein Wiesenstreifen plötzlich mit gelben Schafpelzreitern füllte , Baschkiren und Kalmücken , die nun nach Art eines Wespenschwarms ihre Opfer niederstachen . All das sah er , und dazwischen , wie eine Melodie , die er nicht loswerden konnte , hörte er die Worte des alten Compans : » Sire , es liegt in der Schanze . « Es klang ihm noch im Ohr , als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg . Hier fand er alles hell und licht . Frau Hulen mußte sich die Stunde seiner Rückkehr genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt haben , jedenfalls brannte schon die kleine grüne Studierlampe auf seinem Schreibtisch und schien ihn zu sich einzuladen . Er ließ auch nicht lange auf sich warten , nahm Platz und warf einen Blick auf die Bücher , Blätter und Briefe , die noch ebenso lagen , wie er sie vormittags , als er sich für das Jürgaßsche Frühstück rüstete , zurückgelassen hatte . Renatens Brief überflog er noch einmal , ohne daß sich der Eindruck sonderlich gesteigert hätte ; es blieb , wie es war ; der äußere Schaden durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kommen . Andererseits trieb es ihn auch wieder , seinen Gedanken , die das Sorgenvolle eines zweiten stattgehabten Brandunglücks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist nicht verkennen konnten , womöglich eine freundlichere Richtung zu geben , und die zur Hand liegenden Bücher sollten ihm dabei behülflich sein . Zuoberst lag noch immer der Band Herder . Als er ihn wieder aufschlug , fiel sein Auge auf dasselbe Lied , dessen Schlußzeilen ihn am Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten , und abergläubisch , wie er war , sah er darin ein Zeichen von wenig guter Vorbedeutung . Er schloß verdrießlich das Buch , das ihm die gewünschte Freudigkeit nicht geben wollte , und weiter suchend , entdeckte er endlich ein broschürtes Heft , auf dessen zitronengelbem Umschlag , neben seinem eigentlichen Titel : » Chants et Chansons populaires « , noch von Tante Amelies charakteristischer Hand die Worte geschrieben standen : » Dedié à son cher neveu L. v. V. par Amélie , Comtesse de P. ; Château de Guse , Noël 1812 . « Lewin , voller Mißtrauen in den literarischen Geschmack der Guser Tante , hatte sich noch nicht entschließen können , in das Büchelchen hineinzusehen ; lächelnd griff er jetzt nach demselben und blätterte darin . Eine der kleineren Abschnittsüberschriften , die er sich , vielleicht nicht ganz richtig , mit » Kinderreime « übersetzte , reizte flüchtig seine Neugier , und er begann zu lesen : Ma petite fillette , c ' est demain sa fête . Je sais pour elle ce qui s ' apprête : Le boulanger fait un gâteau , La couturière un petit manteau ... » Das ist ja allerliebst « , sagte er , » und ganz , wonach ich mich gesehnt habe . Wie mir diese Reime wohltun ! « Und er las unter steigendem Interesse bis zu Ende . Die Zeilen hafteten sofort in seinem Gedächtnis ; aber das genügte ihm nicht , er wollte sie deutsch haben , wobei dahingestellt bleiben mag , ob nicht vielleicht schon die nächste Kastaliasitzung mit aufmunterndem Winken vor seiner Seele stand . Jedenfalls war es unter dem Einfluß einer freudig erregten Stimmung , die auch dem Übersetzer rascher die Feder führt , daß er wie im Fluge die Reimpaare der zierlichen kleinen Strophe niederschrieb . Nur der » petit manteau « der couturière hatte ihm eine kleine Schwierigkeit gemacht . Die letzte Zeile stand noch kaum auf dem Papier , als es klopfte und Frau Hulen eintrat . Sie brachte den Tee . » Setzen Sie sich , Frau Hulen , ich will Ihnen etwas vorlesen . « Die Alte blieb an der Tür stehen und sah verlegen auf ihren jungen Herrn . Jetzt erst merkte dieser , daß er , in dem Übermut plötzlicher guter Laune , einen gewagten Schritt getan habe , und die Reihe des Verlegenwerdens kam an ihn . Er getröstete sich jedoch , wie so viele vor und nach ihm , mit der alten Anekdote , daß auch Molière das Urteil seiner Haushälterin zu Rate gezogen habe , und sagte deshalb , während Frau Hulen das Teebrett niedersetzte , mit ziemlich wiedergewonnener Unbefangenheit : » Hören Sie nur zu ; es ist nicht schlimm . Zu meiner Enklin Namenstag Ihr jeder etwas bringen mag : Der Bäcker bringt ein Kuchenbrot , Der Schneider einen Mantel rot , Der Kaufmann schickt ihr , weiß und nett , Ein Puppenkleid , ein Puppenbett , Und schickt auch eine Schachtel rund Mit Schäfer und mit Schäferhund , Mit Hürd ' und Bäumchen , paarweis je , Und mit sechs Schafen , weiß wie Schnee ; Und eine Lerche , tirili , Seit Sonnenaufgang hör ich sie , Die singt und schmettert , was sie mag , Zu meines Lieblings Namenstag . Nun , Frau Hulen « , schloß Lewin seine Vorlesung , » was meinen Sie dazu ? « Die Alte zupfte an ihrem Haubenband und sagte dann : » Sehr hübsch . « » Das ist mir zuwenig . « » Ja , junger Herr , ich kann es doch nicht wunderschön finden ! « » Warum nicht ? « » Es geht alles so klipp und klapp wie ein Fibelvers . « » Das ist es ja eben ; das soll es ja . Ganz richtig . Sie sind doch eine kluge Frau , Frau Hulen , und wenn ich wieder einen Fibelvers schreibe , so sollen Sie auch wieder die erste sein , die ihn zu hören kriegt . « Es schien nicht , daß die Mitteilung einer derartig bevorstehenden Auszeichnung von derjenigen , an die sie sich richtete , in ihrem ganzen Werte gewürdigt wurde ; Frau Hulen suchte vielmehr , während sie sonst das Plaudern über