. Das Haus Grunzenow wurde leer von seinen Gästen ; auch die Weiber stürzten durch die Gänge und eilten nach dem Strande hinunter ! Als Ehrn Josias Tillenius , Hans und Fränzchen an dem Landungsplatz der Boote anlangten , fanden sie die Fischer sowie den Oberst von Bullau , den Leutnant und die Hofleute in harter Arbeit beschäftigt , alles zur Ausfahrt fertig zumachen , während die Frauen in fieberhafter Aufregung durcheinanderliefen und - schrien und nach dem Schein in Nordwest winkten und deuteten . Unter die Männer mischte sich Hans Unwirrsch und zog und schob mit den andern ; die Weiber suchte der Pastor zur Vernunft oder doch wenigstens zur Ruhe zu bringen , wobei ihm Frau Franziska nach besten Kräften half . Zur glücklichsten Stunde entfaltete der Wind vom Süden , ein wahrer Engel Gottes , seine Schwingen und griff in die Segel der Boote von Grunzenow ; nur die ältesten Männer , die Frauen und die Kinder blieben am Ufer zurück , während die jüngeren Männer hülfebringend ausfuhren . In dem ersten Boot , welches vom Strande sich losmachte , befanden sich der Oberst und der Pastoradjunkt ; der Leutnant Rudolf Götz war bis zum Tode erschöpft hingesunken , und seine Nichte kniete neben ihm und hielt sein weißes Haupt im Schoß ; - das furchtbare Leuchten in der Ferne aber erschien deutlicher und deutlicher . » Es ist ein Dampfer , sie könnten sonst nicht so gegen den Wind arbeiten ! « riefen einige der alten Seeleute , die zurückbleiben mußten . » Sie wollen den Strand anlaufen ! « meinte ein anderer . Allerlei Vermutungen über den Kurs des Schiffes wurden angestellt . Die einen hielten es für ein Stettiner Schiff auf dem Wege nach Stockholm , aber dagegen erhoben sich viele Einwendungen . Andere meinten , es sei das Petersburger Paketboot auf der Fahrt von Lübeck nach Kronstadt . Dieser Ansicht fielen die meisten und unter ihnen der Pastor Tillenius bei . Die Boote von Grunzenow waren längst in der zunehmenden Dunkelheit verschwunden . Man schleppte Brennmaterial am Strande zusammen und zündete ein mächtiges Feuer an und traf sowohl am Ufer wie in den Hütten andere Vorbereitungen für den Fall , daß das Volk des brennenden Schiffes von den Männern von Grunzenow heimgebracht würde . » Gott segne dich , mein Kind , mein ruhiges Herz « , sagte Ehrn Josias , dem Fränzchen die Hand drückend , » dein Hochzeitstag geht bös zu Ende , aber du bist recht zur Frau eines Fischerpastors geschaffen . Du trittst dein Amt in Ehren an ; Gott segne dich für ein langes , hülfreiches , tapferes Leben ! « Der Leutnant Götz saß auf einem umgestürzten Kahn ; die alte Plage meldete sich wieder , er hielt den Fuß in beiden Händen und biß die Zähne zusammen vor Schmerz . » Jaja , Alter « , rief er . » Da sitzen wir Krüppel im Sande und halten Maulaffen feil . Nimm mich in den Mantel , Fränzel , trag mich , nach Haus und koch mir ein Süppchen ! Sapperment , und Bullau ist zwei Jahre älter als ich ! « Ein Schrei der Menge unterbrach die kläglichen Betrachtungen des Leutnants . Der Feuerschein auf dem Meere verlor ziemlich schnell an Helligkeit und erlosch plötzlich ganz . Ein tiefes Schweigen folgte auf das schreckhafte Rufen ; die Bemerkungen , die jetzt noch gemacht wurden , geschahen im leisesten Flüsterton . Es war , als ob niemand mehr laut zu atmen wage . » Sie sind gerettet oder - verloren ! « sagte endlich der alte Pastor , nahm das Käppchen ab und faltete die Hände . Er sprach das Gebet für die Schiffbrüchigen , und Männer , Weiber und Kinder beteten inbrünstig mit ; die Väter der betenden Greise aber hatten noch das Strandrecht in seiner ganzen Scheußlichkeit für Recht erkannt und ausgeübt . Eine tödlich bange Stunde verfloß , dann tauchten wieder Lichter in der Finsternis seewärts auf . Es waren die Fackeln der heimkehrenden Boote , und nun schrie wieder alles auf , was noch der Stimme irgendwie mächtig war . Nach einer halben Stunde peinlichster Erwartung lief der erste übervolle Kahn an den Landungsplatz . » Rettung . Rettung ! Sauvé , sauvé ! « schallte es durcheinander in deutscher und französischer Sprache . In halb wahnsinniger Entzückung sanken die ersten der Geretteten nieder , küßten unter krampfhaftem Lachen und Weinen den festen Boden der Erde , umarmten und küßten die Leute von Grunzenow , die sich geschäftig , alle mögliche Stärkung und Hülfe bietend , an sie drängten . Der Oberst von Bullau und der Pastoradjunkt befanden sich nicht in diesem ersten Boot ; man vernahm aber jetzt , daß das verbrannte Schiff die » Adelaide « von Havre-de-Grâce sei , welche eine Ladung französischer Weine und einige Passagiere nach Petersburg führen sollte Die Aufregung war jedoch noch zu groß , um über die Einzelheiten des Brandes Näheres zu erfragen und zu erfahren . Vierundsechzig unglückliche , zum Teil verwundete Menschen hatten die Grunzenower an das Land gebracht ; es fehlte nur noch der letzte Fischerkahn mit dem Oberst und Hans Unwirrsch . » Sie bringen den Kapitän und die Frauen « , lautete die Antwort auf die ängstlichen Fragen des Fränzchens , » Sie müssen gleich dasein ; es ist ihnen nichts passiert . « Franziska Unwirrsch drückte die Hand auf das Herz und wandte sich wieder zu ihrem Amt zurück . Sie mußte die Dolmetscherin zwischen der französischen Schiffsmannschaft und dem Dorfe Grunzenow sein . Gleich einem hülfe- und trostbringenden Engel schritt sie in dem wirren , wilden Getümmel einher ; der Onkel Rudolf , der sein Französisch ebenfalls noch nicht gänzlich vergessen hatte , hatte den Kopf viel mehr verloren als seine Nichte . Eben kniete sie neben einem bärtigen , halbnackten provenzalischen Matrosen , welcher beide Füße gebrochen hatte , als ein erneutes Rufen die Ankunft des letzten Kahnes ankündete . Der Provenzale hielt in seinem Schmerz