lag am Aufgang zu einer dritten Treppe , die schon ins Dach und zu Windhack ' s Sternen führte . Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den Schlüssel drehte , wandte sie sich um , sah eine Weile ins Leere , schrie dann aber fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ... Es war , mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes , in dem die Dechanei gebaut war , tretend , die leibhaftige Frau Hauptmännin von Buschbeck ... Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Höhlen , dieselbe aus Haube und Schleife hervorschießende spitze Nase , dasselbe Drehen und mühlsteinartige Schroten der zahnlosen Kinnladen ... Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes ... es war Frau Petronella von Gülpen - ohne die Verschönerungen ihrer Toilette ... Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gülpen wie zum Tod erschrockenen Worte : Aber , mein Fräulein ! Wo kommen denn Sie noch so spät her ? Wo denn - um Jesu Wunden willen - waren - Sie - denn die - ganze Nacht - über - ? verschwand Lucinde ... Frau von Gülpen , die nur in diesem ihrem äußersten Négligé und sogar ohne ihre Zähne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte , war noch mehr erschrocken gewesen als Lucinde ... Lucinde hätte in diesem Augenblick den Pfau erwürgen können . Ohne eine Antwort gegeben zu haben , war sie in ihrem Zimmer verschwunden . Immer noch hörte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich draußen , immer noch hörte sie das Huschen des Pfaus , der neben der wie eine Juno keinesweges schönen , aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie mit seinem hoffärtigen kronengeschmückten Kopfe angestarrt hatte ... Es ahnte ihr für den folgenden Tag nichts Gutes ... Freilich so bitter , wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde , ahnte sie die Folge nicht ... Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten , ganz außerordentlich erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stübchen schien und das sogar verschönerte und das sogar behaglich machte , als sie dann das Fenster öffnete , den erquickendsten Lindenduft einsog ; als sie in der Ferne schon den zweiten Tag der militärischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen angekündigt hörte , erhielt sie von Windhack das Frühstück überbracht ... Er stellte es hin , während sie gerade an ihrem Haar kämmend vor dem Spiegel saß und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken mußte , und ging ... Wie sie aufgestanden war , bemerkte sie beim Frühstück ein Billet . Es war mit Geld beschwert ... Sie öffnete , las - ein Moment entschied alles ... Sie las die kurzen Worte : » Ich ersuche Sie , mein Fräulein , noch im Laufe des heutigen Tages unwiderruflich die Dechanei und für immer zu verlassen . Petronella von Gülpen . « Sie griff an ihr Herz . Im ersten Augenblick hatte es aufgehört zu schlagen . Fußnoten 1 Ein aus der geschilderten Zeit herrührender und später mit Beschlag belegter actenmäßiger Brief . 2 Auch dieser actenmäßige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt . 3 Gleichfalls actenmäßig . 10. Zur selbigen goldenen Morgenfrühe saßen der Dechant und Bonaventura in des erstern traulichem , dufterfülltem Studirzimmer zum Frühstück ... Nach der löblichen Sitte katholischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa noch in Schlafröcken und Pantoffeln , sondern waren schon ganz in ihren üblichen schwarzen Kleidern . Nun erst , an der Morgensonne , nahmen sich die grünen Decken und seidenen Vorhänge über den Büchergestellen , Bildern und Alabasterstatuetten , die schön eingebundenen Kupferstichsammlungen , französischen Ganzfranzbände mit dem Wappen der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus . Nichts sah vergilbt , verblaßt aus . Die vielen Bekanntschaften , die der Dechant in der Nähe und Ferne sorglichst pflegte , hielten alles jung und angehörig der heitersten Gegenwart ... Schon längst war zwischen Oheim und Neffen über ihr verschiedenartiges Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen . Bonaventura liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt , wie einst als Kind , die weiße , wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen : so zärtlich empfand er für ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zurückgestaute Schatz von Liebe im Herzen eines katholischen Priesters und muß irgendwie und irgendwo hinausströmen , um das übervolle Herz nicht zu zersprengen ! In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche , sein Beruf , seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen , menschenfreundlichen , lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte ihn seinen Heiligen , seinen künftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und decretirte ihm , wie Paula , die Seherin , noch einst die Mitra eines Erzbischofs , den Purpur eines Cardinals . Von dem Liebesdienste , den ihm gestern in so später Stunde gleich nach seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen , wurde nicht viel gesprochen . Das Kommen und Gehen der Menschen , Geburt , Leben und Tod ist die tägliche Erfahrung dieser Männer , wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten ... Dennoch blickte der Dechant düster und mit schmerzlicher Miene in den sonnenhellen Morgen , in die geöffneten Fenster , die grüne Linde und das Hüpfen der gezähmten und an die Brosamen des Frühstücks gewöhnten Vögel . Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer . Bonaventura war eben im Begriff , mit einem Körnchen weißen Brotes einen der Spatzen zu überzeugen , daß sich durch ihn hier nichts geändert hätte , daß jeder Hungerige getrost kommen könnte auf den Frühstückstisch , wo in altem geschnörkelten Porzellan Chocolade servirt wurde , die dem Dechanten , wie er behauptete , das Blut erwärmte und ihm mehr Lebensstimmung gäbe , als der nach ihm die Melancholie nährende Kaffee ... Er bereitete sich diese Chocolade , auch nachdem er die Messe gelesen