hob das leichte angenehme Ding in die Höhe und besah es von allen Seiten , auf der Stelle Annas Mantel erkennend . Ich eilte damit in die Küche , wo ich die Mutter beschäftigt fand , ein feineres Essen als gewöhnlich zu bereiten . Sie bestätigte mir die Ankunft des Schulmeisters und seiner Tochter , setzte aber sogleich mit besorgtem Ernst hinzu , daß dieselben nicht zum Vergnügen gekommen wären , sondern um einen berühmten Arzt zu besuchen . Während die Mutter in die Stube ging und den Tisch deckte , deutete sie mir mit einigen Worten an , daß sich bei Anna seltsame und beängstigende Anzeichen eingestellt hätten , daß der Schulmeister sehr bekümmert sei und sie , die Mutter , selbst nicht minder , denn nach der ganzen Erscheinung des armen Mädchens glaube sie nicht , daß das feine zarte Wesen lange leben würde . Ich saß auf dem Ruhbette , hielt den Mantel fest in meinen Händen und hörte ganz verwundert auf diese Worte , die mir so unerwartet und fremd klangen , daß sie mir mehr wunderlich als erschreckend vorkamen . In diesem Augenblicke ging die Tür auf , und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gäste traten herein . Überrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen , und erst als ich Anna die Hand geben wollte , sah ich , daß ich immer noch ihren Mantel hielt . Sie errötete und lächelte zugleich , während ich verlegen dastand ; der Schulmeister warf mir vor , warum ich mich den ganzen Sommer über nie sehen lassen , und so vergaß ich über diesen Begrüßungen ganz die Mitteilung der Mutter , an welche mich auch nichts Auffallendes erinnerte . Erst als wir am Tische saßen , wurde ich durch eine gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit , mit welcher meine Mutter Anna behandelte , erinnert und glaubte jetzt nur Zu sehen , daß sie gegen früher fast größer , aber auch zugleich zarter und schmächtiger erschien ; ihre Gesichtsfarbe war wie durchsichtig geworden , und um ihre Augen , welche erhöht glänzten , bald in dem kindlichen Feuer früherer Tage , bald in einem träumerischen tiefen Nachdenken , lag etwas Leidendes . Sie war heiter und sprach ziemlich viel , während ich schwieg , hörte und sie ansah ; denn sie hatte ein dreifaches Recht zu sprechen als Gast , als Mädchen und als die Hauptperson dieses Besuches , wenn auch die Ursache traurig war . Andächtig und gern beschied ich mich und gönnte von ganzem Herzen Anna die Ehre , bei Tische mit den Eltern auf gleichem Fuße zu stehen , zumal sie durch ihr Schicksal diese Ehre mit frühen Leiden zu erkaufen bestimmt schien . Auch der Schulmeister war heiter und ganz wie sonst ; denn bei den Schicksalen und Leiden , welche uns Angehörige betreffen , benehmen wir uns nicht lamentabel , sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen Gefaßtheit , mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung , Furcht und Selbsttäuschung wie die Betroffenen selbst . Doch ermahnte jetzt der Schulmeister seine Tochter , nicht zuviel zu sprechen , und mich fragte er , ob ich die Ursache der kleinen Reise schon kenne , und fügte hinzu » Ja , lieber Heinrich ! meine Anna scheint krank werden zu wollen ! Doch laßt uns den Mut nicht verlieren ! Der Arzt hat ja gesagt , daß vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wäre . Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen , ruhig zurückzukehren und dort zu leben , anstatt hierher zu ziehen , da die dortige Luft angemessener sei . Für unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen . « Ich wußte hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen ; vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur , nicht auch krank zu sein . Anna hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an , als ob sie Mitleid mit mir hätte , so peinliche Dinge hören zu müssen . Nach dem Essen verlangte der Schulmeister , von meinen Beschäftigungen zu wissen und etwas zu sehen ; ich brachte meine wohlgefüllte Mappe herbei und erzählte von meinem Meister ; doch sah man jetzt wohl , daß er zu sehr von seiner Sorge befangen war , als daß er lange bei diesen Dingen hätte verweilen können . Er machte sich bereit , einige Gänge zu tun und Einkäufe zu machen , welche hauptsächlich in einigen ausländischen Produkten zu Nahrungsmitteln für Anna bestanden , welche der Arzt einstweilen verordnet . Meine Mutter begleitete ihn , und ich blieb allein mit Anna zurück . Sie fuhr fort , meine Sachen aufmerksam zu beschauen ; auf dem Ruhbett sitzend , ließ sie sich alles von mir vorlegen und erklären . Während sie auf meine Landschaften sah , blickte ich auf sie nieder , manchmal mußte ich mich beugen , manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den Händen lange Zeit , doch ereignete sich sonst gar nichts Zärtliches zwischen uns ; denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute , sie nur von ferne zu verletzen , häufte sie alle Äußerungen der Freude , der Aufmerksamkeit und sogar der Ehrenbezeugung allein auf meine Arbeiten , sah sie fort und fort an und wollte sich gar nicht von denselben trennen , während sie mich selbst nur wenig ansah . Plötzlich sagte sie » Unsere Tante im Pfarrhaus läßt dir sagen , du sollest mit uns sogleich hinausfahren , sonst sei sie böse ! Willst du ? « Ich erwiderte » Ja , jetzt kann ich schon ! « und setzte hinzu » Was fehlt dir denn eigentlich ? « - » Ach , ich weiß es selbst nicht , ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig ; die anderen machen mehr daraus als ich selbst ! « Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück ; neben den seltsamen