. Aber gewiß ist es wahr , auf dem Turm kann ich nur Seufzer ausstoßen , und meine Gedanken sind wie abgerißne Zweige und zerstreute Blätter - Laub , das im Winterwind herumwirbelt ! - - Ich kann keins haschen , und was mir zufliegt , das zerfällt und hat keine sybillinischen Zeichen ; aber ich will nicht klagen , denn es ist ja doch nur Einbildung von mir , Du bist nur so schweigsam , weil Du so in Gedanken versunken bist , wie Du schon als diesen Herbst warst . Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen ? - Er ist doch gut , der könnt mir als von Dir schreiben . Er ist heiter und bescheiden und erzählt so viel Schönes aus seiner frühen Jugend , sein Leben ist Musik und Malerei , seine Bekanntschaft ist , wie wenn einer mit fröhlichem Gemüt umherschaut und einem unbefangnen Blick begegnet , dem er alles erzählt , was in seinem Innern vorgeht . Daß er schlecht geschrieben hat , will ich wohl glauben , aber es verdirbt mir ihn nicht , denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine , die in die hohe Meeresflut gestürzt sind ; wie es denn gewöhnlich bei guten Menschen geht , die was Schlechtes hervorbringen ; es muß ihnen ganz leicht sein , wenn sie es los sind , - so ist er auch ausnehmend vergnügt . Ich hab ihn kennen lernen , wie er als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war , da hat er mich mit seinem witzigen Humor ergötzt , und es lag so viel Wahres und Richtiges , zum wenigsten mir Zusagendes in seinen Bemerkungen , daß ich immer meine , er würde das Beste gewirkt und geraten haben , er sagte aber damals zu mir : » Ach , ich bin ein Wickelkind , mir sind die Hände mit dem Wickelband festgebunden , ich kann nur Gesichter schneiden , und da meinen die Leute , ich lach und weine im Traum , sie meinen gar nicht , daß ich mit meinen fünf Sinnen dabei bin , wenn ich was sag . « - Wenn es Dir nicht störend ist , daß er Dich einmal besucht , so schicke ich ihm einen Brief an Dich . - Vom Hölderlin hab ich auch erzählen hören , aber lauter Trauriges , was ich Dir jetzt nicht erzählen mag , denn wir beide würden nichts darüber erdenken können ; und in meinem Herzen steht geschrieben : Streue die Saat der Tränen auf sein Andenken , vielleicht daß aus diesen die Unsterblichkeit einst ihm aufs neue erblüht ! - Ach , auch er hat gesagt : Wer mit ganzer Seele wirkt , irrt nie ! Ja , wer unzerstreut und mit ganzer Seele dabei wär , der könnte wohl Tote erwecken , drum will ich mich sammlen und an Dich denken , daß ich Dich mir wach erhalte , daß Du mir nicht stirbst . - Aber ich will meinen Brief nicht so traurig schließen . - Ein Brief , den ich kürzlich von Goethe gelesen habe , den er anno Achtzehnhundert an Jacobi schrieb , wird Dich auch freuen : » Seit wir uns nicht unmittelbar berührt haben « , sagt er ihm , » habe ich manche Vorteile geistiger Bildung genossen , sonst machte mich mein entschiedner Haß gegen Schwärmerei , Heuchelei und Anmaßung , oft auch gegen das wahre ideale Gute im Menschen , das sich in der Erfahrung nicht wohl zeigen kann , oft ungerecht . Auch hierüber , wie über manches andere belehrt uns die Zeit , und man lernt : daß wahre Schätzung nicht ohne Schonung sein kann ; seit der Zeit ist mir jedes ideale Streben , wo ich es antreffe , wert und lieb . « - So sehr ich sonst eine Sehnsucht hatte , allein und heimlich ihn aufzusuchen , jetzt ist ' s nicht mehr so ; - ich möchte gar nicht zu ihm , wenn ich nicht Dich an der Hand führte - nur als zeigte ich Dir den Weg , - und nur , daß ich mir den Dank von ihm und Dir verdienen will , denn was er im Brief sagt , berechtigt Euch , gegenseitig aufeinander Anspruch zu machen , denn wie freudig würd er erstaunen über das Ideal in Deiner Brust , so wie Du Dich aussprichst in jenem Brief , wo Dir auf einmal so hell dies Ideal erschien , als sähest Du voraus in Deine Unsterblichkeit . - Und mit was könnt ich ihm entgegenkommen ? - Ich hab keine Vorrechte , ich hab nichts , als den geheimen Wert , von Dir nicht verlassen zu sein , sondern angesehen mit Deinen Geistesaugen , die Gedanken in mich hineinzaubern , welche ich nie geahnt haben würde , läse ich sie nicht in Deinem Geist . Gestern abend haben sich jung und alt beschert , mir sind die leeren Weihnachtsbäume zuteil geworden , ich hab mir sie ausgebeten , ich hab sie vor die Tür gepflanzt , man geht durch eine Allee von der Treppe über den breiten Vorplatz bis zu meiner Tür , diese grünen Tannen , so dicht an meiner Tür , beglücken mich - und die Welt ist noch so groß ! Ach es steigt mir die Lust im Herzen auf , daß ich reisen möcht - mit Dir - wär das denn nicht möglich ? - Bin ich denn so ganz gefangen , kann ich mir hierin nicht willfahren ? - Und willst Du auch nicht das Unglück meiden , jener die sterben , ohne den Jupiter Olymp gesehen zu haben ? - Ich fühl , daß mir alle Sehnsucht gestillt könnte werden , hoch auf dem höchsten Berg die Lande , die Weite zu überschauen , ich würde mich wahrlich erhaben und mächtig fühlen , denn wessen das Aug sich bemeistert , dessen fühlt der Großherzige sich Herr . Ach , Günderode , ich weiß nicht , ob Du ' s auch schon