- auch keine Mutter ! - Und dennoch meinte er , nie etwas Schöneres gehört zu haben . Denn jede niedere Pflicht , die sie geleistet , hatte sie durch Liebe geadelt , und von dem Fräulein und dem alten Herrn Baron wußte sie tausend rührende Züge anzugeben , auf allen Plätzen im Schloßgarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet , und aus den Büchern , die sie sich verstohlen vom Söller geholt , hatte sie erstaunliche Dinge über fremde Völker und Länder herausgelesen , und sonderbare Vorgänge zu Wasser und zu Lande , und alles hatte sie behalten . Wohl hatte der Diakonus recht gehabt , als er die Lisbeth mit der Blume verglich , die in Dust und Moder erblüht war . Die Natur hatte an diesem blonden Mädchen ihre Allmacht bewähren wollen . Sie hatte sich in einem Maienrausche vorgesetzt , durch die Tat zu sprechen : » Sehet da mein Werk ! Eure Erziehung ist Stückerei und Flickerei . « - In der Seele dieses Mädchens war alles neu , ganz , frisch , jungfräulich . Dieses Mädchen war verständig , wie ein Rechenmeister , und hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten , den sie ihrem Pflegevater verschaffen wollte , und dieses Mädchen war doch auch ganz lyrisch , ganz hingerissen , ganz quellendes und wiedergebärendes Empfangen . Über ihr Antlitz zogen die Geister der Dinge , die sie sah und hörte , ein sichtbarer Reigen . Wenn der Jäger ihr von den klugen Gesprächen der Weisen erzählte , so lag ein feines Verstehen um die Lippen , wenn er ihr sagte , daß Karl von Anjou mit finsterem unbeweglichem Gesichte zugesehen , als er den jungen unschuldigen Konradin hinrichten lassen , so faltete sich die reine Stirn und Tränen flossen unter diesen lieben zornigen Falten ; aber eine süße Trunkenheit , ein seliger Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz , wenn er ihr das grüne , wilde Murgtal schilderte und dazu mit seiner tiefen , wohlklingenden Stimme das Lied sang : Süßer , goldner Frühlingstag ! Inniges Entzücken ! Wenn mir je ein Lied gelang , Sollt ' es heut nicht glücken ? Alles , was er in diese unberührte Brust säte , das keimte , sproßte , wurzelte darin , blühte und trug Frucht . Der Jäger ward nicht müde , ihr aus seinem Vorrate zu geben , denn er empfing wieder das hundertste Korn ; seine Welt kam ihm verklärt , gelichtet , vergöttlicht zurück aus dem Lächeln Lisbeths und von ihren frischen Lippen . So wogte es zwischen ihnen hin und wider , ein Seliges , Unausgesprochenes , Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende . Jegliches gefiel ihm an ihr . Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand reichte und wohl fühlte , daß der leise Druck leiser erwidert wurde , so durchschauerte ihn die Freude , und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand drückte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb , gleich als wollte sie sagen : » Verschwenden wir das Beste nicht ! « so gefiel ihm das auch . Ebenso war es mit den Blicken . Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben an ihm und dann nicht wieder , er mochte es mit dem seinigen auffordern , wie dringend er wollte . Daß sie in allem Maß hielt , gefiel ihm so sehr . Ja , es gefiel ihm sogar , daß ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war , und die weißesten Zähne zum Vorschein kamen , wenn sie lachte oder lebhaft sprach . Denn dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem Gesichte etwas reizend Kindliches , lieblich Unfertiges , was wie alles in ihr auf die letzte , süßeste Vollendung durch den Hauch der Zärtlichkeit harrte . So gingen ihnen die Tage hin , einer nach dem andern im Oberhofe . Der Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein , mußte zwar geschehen lassen , was er nicht hindern konnte , aber er schüttelte häufig den Kopf , wenn er seine jungen Gäste so viel miteinander gehen und verkehren sah . Dann pflegte er für sich zu sagen : » Es ist unrecht von so einem Junker . « - Seine rauhen Gedanken flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe , die zur Blüte aufbrechen wollte . Er nahm sich vor Lisbeth bei erster günstiger Gelegenheit zu warnen . Wovor ? - Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld , Demut , der keuscheste Traum eines guten Geistes . Noch war das Wort Liebe nicht über ihre Lippen gekommen und geküßt hatten sie einander auch noch nicht . Wenn er zu Nacht in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank , so hatte er vorher die Luke aufgestoßen und die Sterne schienen ihm wie Lisbeths Augen tief in das Herz hinein , bis er entschlummerte . Wenn sie ihr Bettchen unten im Stüblein suchte , so kniete sie am Stuhle vor dem Bettchen nieder , und faltete die Hände und meinte , ein schönes Gebet zu sprechen , obgleich ihre Lippen kein Wort sagten . Er rief oben leise für sich hin , wenn seine Wimpern sich schlossen : » Der ganzen Welt möchte ich vertrauen , wie sie mir so wohl gefällt . « - Sie flüsterte , indem sie sanft ihre Wange an das Kissen drückte : » Er ist der beste Mensch , den ich noch gesehen habe « - und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht . Das waren die Tage , von welchen geschrieben steht : Sie blühen einmal und nicht wieder ! Fünftes Kapitel Die Störung . Was sich in einer Dorfkirche zutrug Endlich hatte der Jäger die Feder geschnitten . Er schob Lisbeth ein Blatt Papier hin und bat sie , zu versuchen , ob sie schreibe . Sie tat es , konnte aber damit nicht zurechtkommen , sie