so zitternd hielt die Königin sie umfaßt . Nun hörten wir außer der Thüre eine Kette fallen , dann noch eine , die beiden Frauen schrieen laut auf - und Agathokles trat ein . Theophania nannte seinen Namen mit einem heftigen Schrei , und beugte sich mit ausgebreiteten Armen gegen ihn ; er stürzte auf sie zu , und schloß sie fest an seine Brust . Nun riß sich die Königin laut schluchzend von der Gruppe los , und eilte in ' s andere Zimmer . Ich folgte ihr , sie warf sich auf das Ruhebette , und weinte heftig , ohne zu sprechen , ohne etwas anzuhören , was ich ihr zu sagen versuchte . Im Zimmer der Gatten war Alles still und ruhig . Nach einer Stunde ungefähr rief mich ein Sclave , ich ging hinein . Welche Veränderung in der kurzen Zeit ! Still , gefaßt saß Theophania an die Brust ihres Mannes gelehnt , eine himmlische Freude war über ihre Züge ausgegossen , das jüngere Kind lag in ihrem Arm , das ältere hing an des Vaters Hand , und spielte mit seinem Gewande . Agathokles Gesicht trug neben den Spuren eines mühsamen Kampfes alle Zeichen erstrittener Ruhe , und männlicher Kraft . Nur wenn sein Blick auf die Kinder fiel , durchzuckte ein wehmüthiger Zug sein Gesicht , und er sah mitleidig auf seine Frau . Er reichte mir die Hand entgegen . Wir sehen uns zum zweiten Mal in einer wichtigen Minute , sagte er , und ich werde dir dies Mal , wie das erste , hoch verpflichtet seyn . Theophania ersuchte mich , ihr und ihrem Gemahl das heilige Abendmahl zu reichen , das sie noch nicht empfangen hatten . Er ist vorbereitet , fügte sie hinzu , als ich sie etwas befremdet ansah . Die Kinder wurden entfernt , und die beiden Gatten empfingen mit Rührung und allgemeiner Fassung die heilige Speise . Agathokles stand vom Boden auf , wo er gekniet hatte , und jetzt sah ich , daß er zitterte , und sich an dem nebenstehenden Tisch anhalten mußte , sein Gesicht wurde zusehens blässer , sein Auge war starr auf die Wasseruhr1 geheftet , die ihm gegenüber an der Wand stand . Der Offizier trat ein , und erinnerte ihn , daß die Zeit , die ihm vergönnt war , vorüber sey . Vorüber ! rief Theophania , und alle Unruhe und Heftigkeit der vorigen Stunden kam wieder in ihr Gesicht . Vorüber ! wiederholte er mit dumpfer Stimme : » Ich komme den Augenblick ! « Er verneigte sich gegen den Centurio , der das Zimmer alsogleich verließ , und ich ging aus der andern Thüre , um es der Königin zu melden , wie sie mir befohlen hatte . Ich sah sie erstarren , sie stand auf , aber sie bedurfte meiner Unterstützung , um den Porticus hinab bis in ' s Atrium zu gehen , wo wir Agathokles bereits wieder gefesselt an einer Säule gelehnt fanden . Dumpfe Laute , halb Seufzer , halb Schluchzen , tönten einzeln und heftig aus seiner Brust . Calpurnia winkte uns , sie einen Augenblick mit ihm allein zu lassen - ich ging mit den Centurionen , die ihr ehrfurchtsvoll gehorchten , hinaus . Bald darauf kam Agathokles mit bleichem verstörten Gesicht aus dem Atrium , er trat zu mir , bot mir die Hand , und empfahl mir seine Frau , seine Kinder . Die Offiziere naheten sich ihm , er eilte rasch in ihrer Mitte fort . Theophania fand ich ohne Bewußtseyn , und sie hat seitdem nur wenig helle Augenblicke gehabt . Wenn es erlaubt wäre , so etwas zu wünschen , so würde ich ihr vom Himmel zu erbitten suchen , daß dieser Zustand der Bewußtlosigkeit bis über jenen fürchterlich-ernsten Augenblick dauern möge , dem Agathokles in der künftigen Nacht entgegen geht ; denn längern Aufschub von Galerius zu erhalten , war unmöglich . So bald ich dir etwas Besseres oder Bestimmteres zu schreiben habe , sollst du Nachricht erhalten . Fußnoten 1 Die Alten hatten , um die Zeit zu messen , keine Uhren wie die unsrigen , sondern bedienten sich der Sonnen- , Wasser- und ähnlichen Uhren , in welchen eine bestimmte Quantität Materie in einer bestimmten Zeit ablief , wie z.B. in unsern Sanduhren . 114 . Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Die letzte Stunde naht , und mit vollem Bewußtseyn , in der Fülle der Jugend und Gesundheit , gehe ich ihr entgegen . Es ist seltsam , es ist ganz anders , wenn in des Greisen verwelktem Körper sich längst Alles zur Auflösung neigt , und die letzte Stunde nur der letzte Tod ist ; 1 anders , wenn eine Krankheit die künstliche Maschine zerstört , oder gewaltsam zerrüttet , und in peinlichen Gefühlen , oder dumpfer Betäubung der letzte Augenblick ein Leben endet , das diesen Namen nicht mehr verdient . Morgen um diese Zeit bin ich todt ! Das konnte ich mir , das müssen sich viele tausend Menschen sehr oft denken , denn wer weiß , wie lange ihm zu leben bestimmt ist ; aber im gewöhnlichen Leben mischt sich die Vorstellung der Ungewißheit und die tägliche Erfahrung des Gegentheils mächtig zu diesem Gedanken , und er verliert sich in ein dunkles Vielleicht , das nur bei dem Ernsteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes , und den Entschluß erzeugt , stets wachsam und vorbereitet zu seyn . Ich weiß aber bestimmt , daß morgen um diese Zeit meine letzte Stunde bereits vorüber , und der dunkle Vorhang aufgezogen seyn wird , der die Geheimnisse der Geisterwelt vor unsern Blicken verhüllt . Morgen um diese Zeit ist dieser Körper , in dem ich jetzt noch denke , handle , als eine starre , kalte Masse zu nichts gut , als in dem Schooß der Erde in seine Elemente zurückzukehren . Agathokles ist nicht mehr . Sein Wirken hat aufgehört , kein Freundesauge erblickt