. Dir , versetzte Diagoras , hoffe ich , ohne deiner Vernunft etwas Ungebührliches zuzumuthen , ziemlich begreiflich zu machen , wie ich gerade durch die vollständigste Befriedigung der besagten Schwärmerei zu dem Atheism gekommen bin , dessen ich mit und ohne Grund , je nachdem man ' s nimmt , beschuldiget werde . Alle Menschenkinder kommen , denke ich , mit mehr oder weniger Hang zum Wunderbaren auf die Welt . Bei mir äußerte sich dieser Naturtrieb von früher Jugend an sehr lebhaft , aber mit einer Gegenwirkung verbunden , die ihm alle seine Schädlichkeit benahm . Ich horchte nämlich mit dem größten Vergnügen auf alle Erzählungen dieser Art ; Milesische Mährchen , Zauber- und Gespenstergeschichten , theurgische Wunder , Theophanien , und alle die übernatürlichen Dinge , die sich täglich ereignet haben sollen als die Götter noch unter den Menschen wandelten , und die Erde mit ihren Söhnen und Töchtern erfüllten , kurz , alle diese Kindereien , wovon die Griechen immer so große Liebhaber waren , hatten auch für mich einen ungemeinen Reiz ; aber ich glaubte kein Wort davon . Sie belustigten und beschäftigten bloß meine Einbildungskraft und meinen Witz ; jenes desto mehr , je unglaublicher sie waren ; dieses , indem sie mich zum Nachdenken anreizten , wie es mit diesen Dingen natürlich habe zugehen können , d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Täuschung gekommen , und wie es möglich gewesen , solche Albernheiten selbst den einfältigsten Menschen weiß zu machen . Diese Anlage bei mir vorausgesetzt , wird dir alles Uebrige sehr begreiflich werden . Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln , besonders von dem zu Delphi , gehört ; als ich heran gewachsen war , hörte ich auch zuweilen , wiewohl immer mit geheimnißvoller Zurückhaltung , von den Eleusinischen und andern Mysterien reden . Dieses Geheimthun der Eingeweihten reizte meinen Vorwitz , hinter die wunderbaren Dinge zu kommen , die , wie ich nicht zweifelte , in diesen Mysterien zu sehen und zu hören seyn müßten . Ich versuchte es auf alle Weise , fand aber , daß ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen würde , als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren ließe . An Gelegenheiten dazu konnte mir ' s nicht fehlen . Mein Vater war einer der ansehnlichsten Handelsleute in Melos . Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach den vornehmsten Häfen des Aegeischen , Ionischen und Karpathischen Meeres , und hatte allenthalben Correspondenten , mit denen er in gastfreundlicher Verbindung stand . Frühzeitig mit dieser Art von Geschäften bekannt gemacht , wurde ich von meinem zwanzigsten Jahre an , unter der Führung eines alten Dieners bald dahin bald dorthin verschickt . Diese Reisen gaben mir Gelegenheit , mich mit den Orgien von Lemnos , Kreta und Cypern bekannt zu machen : aber was ich dadurch erfuhr , war so unbedeutend , daß es zu nichts diente , als meine Begierde nach wichtigern Entdeckungen desto stärker anzufeuern . Ich machte mir einen Plan , meine Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais ( welche nach dem gemeinen Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen theurgischen Weisheit sind ) anzufangen , sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern , Syrern , Phöniciern und Griechen übergegangenen Mysterien auf dem Wege den sie genommen zu verfolgen , und nicht eher zu ruhen , bis mir in diesem Fache nichts mehr zu ergründen übrig wäre . Ich führte diesen Plan aus , sobald ich durch den Tod meines Vaters das Vermögen dazu bekam . Ich brachte mehrere Jahre damit zu ; und da wir natürlicherweise nach dem , was an uns in die Augen fällt , beurtheilt werden , so konnt ' es nicht fehlen daß ich mir durch eine so ungewöhnliche Anwendung meiner Zeit und meines Vermögens den Ruf eines bis zur Schwärmerei religiösen Menschen zuzog ; einen Ruf , den ich selbst , so lang ' er meinen Absichten beförderlich seyn konnte , auf alle Weise zu unterhalten beflissen war . « » Auf der letzten Reise , die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte , ward ich zufälligerweise mit dem berühmten Abderiten Demokritus bekannt , den eine ähnliche Wißbegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb ; nur daß seine Absicht mehr auf Naturgeschichte , und auf die physischen , astronomischen und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester , Magier und Orphiker , als auf die religiösen gerichtet war . Wer die Mitbürger dieses außerordentlichen Mannes kennt , sollte glauben , sein Genius habe Mittel gefunden , sich alles Verstandes , den die Natur unter die Bewohner von Abdera vertheilen wollte , für ihn allein zu bemächtigen . Mir wenigstens ist unter so vielen merkwürdigen Männern , deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir Gelegenheit verschafften , keiner vorgekommen , der mit einem so hellen und so viel umfassenden Geist einen so unermüdeten Fleiß in Erforschung der Natur , und mit beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmuth im Umgang vereinigte wie Demokritus . Von der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fühlte ich mich so stark von ihm angezogen , daß ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wünschte ; und auch er faßte so viele Zuneigung für mich , daß er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen übrigen Wanderungen zu begleiten , sondern auch Vergnügen daran fand , mich in seinen eigenen Mysterien einzuweihen , welche mir , wie du gerne glauben wirst , eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen , womit ich einige der besten Jahre meines Lebens vertändelt hatte . Die Bekanntschaft mit diesem Manne hätte mir viel Ungemach und die Nothwendigkeit , mein Daseyn in einer Felsenkluft zu verheimlichen , ersparen mögen , wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen könnte , oder richtiger zu reden , wenn ich meinen Eifer , die Menschen vernünftiger zu machen als sie zu seyn fähig sind , im Zaume zu halten gewußt hätte . « Was du mir da sagst ,