sich zu überzeugen , daß der Boden unter seinen Füßen wanke , und einen Augenblick erlag er völlig der Wucht dieser neuen auf ihn einstürmenden Sorge . Konnte man ein Weib vorsichtiger , strenger hüten , als er Ernestinen , und dennoch — dennoch war das geschehen , dennoch hatten sich in dem verschlossenen Herzen , das er längst ertötet zu haben glaubte , Triebe geregt , die ihren Weg zur Außenwelt suchten und fanden aller Vorsorge zum Trotz ! Und das Alles in einem Augenblick , wo er auf Tod und Leben mit einer Gefahr kämpfte , die eine jüngere ungebrochene Kraft erforderte , als die seine ! Es war zu viel , die Ahnung faßte ihn mit erstickender Gewalt , daß das Schicksal seinen Untergang beschlossen habe . Aber wieder raffte er sich auf und dachte und überlegte , wie es seine Gewohnheit war in jeder Not . Wie wir uns an Gott wenden , wenn Alles über uns zusammenbricht , so wandte er sich in der höchsten Angst an seinen eigenen siegreichen Verstand , der immer Hilfe wußte . Eine kurze Erholung gönnte er sich nach all den Schrecken und Sorgen , dann ließ er anspannen , um nach der Stadt zu fahren und seine Mündel abzuholen . Aber zu seiner freudigsten Verwunderung sah er sie bereits in unverkennbarer Trostlosigkeit auf dem Heimwege begriffen . „ Du bist wie die Seejungfrau in Deinen geliebten Fabeln aus dem kühlen kristallenen Element heraufgestiegen , bist vorwitzig gewesen und unter die Menschen gegangen , “ sagte er lächelnd vor sich hin . „ Sie haben Dich am Ende auch nicht so übel gefunden , aber es war doch nichts mit Dir , denn sie entdeckten wohl , daß Dein Leib in einen Fischschweif endigt und Du nicht mit ihres Gleichen leben kannst ! “ Als er näher kam , legte er sein Gesicht in finstere Falten und nachdem der Kutscher fort war , begann er in großer Sorge : „ Barmherziger Gott , so muß ich Dich finden ? Am Wege weinend , gleich einer heimatlosen Bettlerin ? “ „ Ja wohl — gleich einer heimatlosen Bettlerin ! “ wiederholte Ernestine . „ Aber Teuerste ! Ist das schicklich , hier auf offener Straße eine solche Szene aufzuführen und Dich am Boden zu winden wie ein Wurm ? “ Sie sah ihn an . Sein kahler Scheitel war von einem breiten lichtgrauen Filzhut bedeckt . Wie früher war er in einen tadellosen hellen Anzug gekleidet . Als er so vor ihr stand mit der lauernden Miene , die lange glatte Gestalt über sie gebeugt , die stechenden Blicke auf sie geheftet , da erschien er ihr wie ein Wurm und zwar ein sehr giftiger und mit unverhehltem Abscheu sprang sie auf und stieß ihn von sich . Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie mit Erstaunen : „ Wie — ist das Ernestine von Hartwich , die ich erzogen , die nichts aus ihrer philosophischen Ruhe brachte ? Oder ist sie ausgetauscht und irgend ein böser Geist hat mir ein ungeberdiges Kind hierhergelegt ? “ „ Schweig mit Deinem Spott , Oheim , “ sagte Ernestine gebieterisch . „ Er ekelt mich an ! “ — Leutholds Verwunderung wuchs mehr und mehr . „ Was ist das — welche Sprache muß ich hören ? Ist das der Ton , den man bei der Frau Staatsrätin Möllner lernt ? Wahrlich , Ernestine , ich glaube , Du bist krank . “ „ Ja , ja , ich bin ’ s und ich bitte Dich , laß mich ! Du hast nicht die Mittel , mich gesund zu machen . “ „ So weit ist es in den wenigen Tagen mit Dir gekommen , wo Du Dich in meinem Rate und Schutze entzogst ? Nun wahrlich , ich weiß nicht , was geschehen , aber sie müssen schlimm mit Dir umgegangen sein . Ich will Dir keine Vorwürfe machen , daß Du hinter meinem Rücken Bekanntschaften anknüpfst , ohne meine Erlaubnis das Haus verläßt und mich in die qualvollste Unruhe stürzest , denn ich sehe , Du bist gestraft genug — aber ich bitte Dich ernstlich , tue es nicht wieder , — Du hast ja nun erfahren , was dabei herauskommt . “ „ Oheim , sprich nicht auch Du wie mit einem Kinde mit mir , das nach erfolgter Züchtigung sagen muß , „ ich will ’ s nicht wieder tun . “ Wenn ich zurückkehren wollte in die Welt , welche ich gestern kennen lernte , so würdest Du es mir nicht wehren , denn — “ sie bediente sich unwillkürlich der Worte der Staatsrätin , „ Du kannst mir nicht verbieten , was gegen kein Gesetz verstößt . Aber ich will es ja gar nicht — nimmer , nimmermehr . Ich bin fremd unter den Menschen , ich verstehe ihre Art nicht , noch sie die meine . “ Sie sah Leuthold mit einem finstern Blick an : „ Ich weiß nicht , ob es recht war , daß Du mich so ganz als Einsiedlerin erzogen — daß Du mich so unbrauchbar für das Leben , so untauglich zum Umgang mit der Welt gemacht . Wer weiß , ob mir nicht besser wäre , ich wäre einfältigen Herzens geblieben und hätte mich nicht in Gebiete verloren , aus denen keine Rückkehr ist ? Doch es hilft jetzt nichts mehr , darüber zu grübeln . Mögst Du es verantworten , was Du aus mir gemacht . Ich kann nicht mehr umkehren , so will ich auch nicht mehr rückwärts schauen . Ich will vorwärts streben auf meinem einsamen Weg und arbeiten , wie nie ein Weib gearbeitet hat , bis der Tag kommt , wo ich sie beschämen kann , die Ungläubigen alle ! Aber Oheim , das sage ich Dir , kommt der Tag nicht , der mich durch den Ruhm entschädigt für alle Entbehrungen an Glück , die ich mir auferlegt — dann , Oheim ,