niederzusetzen , um mich unter der Hecke auszuruhen . Während ich dort saß , vernahm ich das Geräusch von Wagenrädern und sah eine Kutsche näher kommen . Ich stand auf und erhob den Kopf , der Wagen hielt an . Ich fragte , wohin er gehe : der Kutscher nannte einen entfernten Ort , wo Herr Rochester , wie ich wußte , keine Verbindungen hatte . Ich fragte , was ich zu zahlen habe , wenn er mich mitnähme ; er sagte dreißig Schillinge ich antwortete , ich habe nur zwanzig , worauf er sagte , er wolle sehen . Er erlaubte mir , mich in das Innere des Wagens zu setzen , derselbe leer war : ich stieg ein , die Thür wurde zugemacht und der Wagen rollte weiter . Lieber Leser , mögest Du nie fühlen , was ich damals fühlte ! Mögen deine Augen nie so stürmische , so glühende , so herzentpreßte Thränen vergießen , wie aus den meinen strömten . Mögest Du Dich nie in so hoffnungslosen und qualvollen Gebeten an den Himmel wenden , wie in jener Stunde von meinen Lippen kamen : denn nie mögest Du gleich mir fürchten , für den geliebten Gegenstand das Werkzeug des Uebels zu sein . Zweites Kapitel Zwei Tage sind vergangen . Es ist ein Sommerabend : der Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt : er wollte mich nicht für die Summe , die ich ihm gegeben , weiter mitnehmen , und ich besaß keinen Schilling mehr in der Welt . Die Kutsche ist jetzt schon eine Meile weit entfernt und ich bin allein . In diesem Augenblicke bemerke ich , daß ich vergessen habe , mein Packet aus der Wagentasche zu nehmen , wo ich es sicher untergebracht : dort bleibt es und muß es bleiben ; und jetzt bin ich von Allem entblößt . Whitcroß ist keine Stadt , nicht einmal ein Weiler , es ist nur ein steinerner Pfeiler , den man aufgestellt , wo vier Wege sich kreuzen : weiß angestrichen , vermuthlich um in der Ferne und in der Dunkelheit gesehen zu werden . Vier Arme strecken sich oben aus : Die nächste Stadt , wohin sie deuten , ist der Inschrift zufolge zehn Meilen weit entfernt . Aus den wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich , in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin ; eine nördliche Grafschaft ist es mit düsterem Moorland von Hügeln durchzogen , das sah ich . Im Hintergrunde und zu beiden Seiten sind weite öde Flächen ; hinter jenem tiefen Thale zu meinen Füßen erheben sich wellenförmige Berge . Die Bevölkerung muß hier sehr spärlich sein und ich sehe keine Wanderer auf den Straßen , die sich weit , breit und einsam nach Osten , Westen , Norden und Süden erstrecken ; sie durchschneiden alle das Moorland und das Haidekraut wächst hoch und wild bis an ihren Saum . Doch zufällig könnte ein Wanderer vorüberkommen , und ich wünsche nicht , daß mich jetzt ein Auge sähe ; Fremde würden sich wundern , daß ich hier zwecklos und verloren bei diesem Wegweiser verweile . Man könnte mich befragen und ich vermöchte nur eine Antwort zu geben , die unglaublich scheinen und Verdacht erregen würde . Kein Band fesselt mich in diesem Augenblick an die menschliche Gesellschaft — kein Zauber , keine Hoffnung ruft mich dahin , wo meine Mitgeschöpfe sind — Niemand , der mich sähe , würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich hegen . Ich habe keine Verwandte , als die allgemeine Mutter Natur : ich will an ihre Brust eilen und Ruhe suchen . Ich ging geradezu in das Haidekraut : ich eilte zu einer Vertiefung , die das braune Moor tief durchzog : ich ging bis an die Kniee in dem hohen Kraute und fand endlich eine von Moos geschwärzte Granitklippe in einem verborgenen Winkel , unter welcher ich mich niedersetzte . Hohe Ufer umgaben mich ; die Klippe beschützte mein Haupt und über ihr war der Himmel . Einige Zeit verging , ehe ich mich selbst hier ruhig fühlte : ich fürchtete , wildes Rindvieh möchte in der Nähe sein oder ein Jäger oder Wilddieb mich entdecken . Wenn ein Windstoß über die Einöde dahinfuhr , blickte ich auf und fürchtete , es komme ein Stier ; wenn ein Brachvogel pfiff , glaubte ich , es sei ein Mann . Als ich aber meine Befürchtungen ungegründet fand und von dem tiefen Schweigen beruhigt wurde , welches bei Anbruch der Nacht herrschte , faßte ich Vertrauen . Noch hatte ich nicht nachgedacht ; ich hatte nur gehorcht , beobachtet , gefürchtet ; jetzt bekam ich die Fähigkeit des Nachdenkens wieder . Was sollte ich thun ? Wohin sollte ich gehen ? O unerträgliche Fragen , da ich Nichts thun und nirgend hingehen konnte — da ich noch mit meinen ermatteten , zitternden Gliedern einen weiten Weg zurücklegen mußte , ehe ich eine menschliche Wohnung erreichen konnte — da ich kaltes Mitleid erflehen mußte , ehe ich ein Obdach erhalten konnte : da ich widerstrebendes Mitgefühl belästigen , fast gewisse Weigerung zu erwarten hatte , ehe man meine Erzählung anhören oder eines meiner Bedürfnisse befriedigen konnte ! Ich berührte das Haidekraut : es war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages . Ich sah nach dem Himmel ; er war rein ein freundlicher Stern funkelte gerade über der Schlucht . Der Thau fiel , aber nicht stark ; kein Lüftchen regte sich und die Natur schien mir gütig und wohlwollend : ich dachte , sie liebe mich , ausgestoßen , wie ich war ; und ich , die ich von den Menschen nur Mißtrauen , Zurückweisung und Beleidigung erwarten konnte , hing mich ; an sie mit kindlicher Zärtlichkeit . Für diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast sein , wie ich ihr Kind war : meine Mutter nahm mich ohne Geld und ohne Belohnung auf . Ich hatte noch ein Stück Brod : das Ueberbleibsel von