. Er erzählte von Gertrud , ihrer Dumpfheit , ihrer Erweckung , ihrer Liebe , ihrem Verzicht ; von Lenore , wie er sie geliebt , ohne es zu ahnen . Und wie Lenore im Übermaß des Leidens und der Liebe die Seine geworden , und wie dann Gertrud herumgeirrt war , unselig verloren und sich getötet hatte . » Da kamen wir auf den Dachboden , und da war Feuer , und sie hing als Leiche an einer Zuckerschnur . « Und wie Gertrud als Schatten neben Lenore weitergelebt , und wie Lenore Blumenbinderin gewesen , und wie Philippine , die unbegreifliche , heute noch unbegreifliche Philippine ins Haus gekommen , und Gertruds Kind wie ein frierender Findling da gelebt , und wie dennoch das andere Kind , das Kind der Magd , ihm ans Herz gewachsen war . Und das Zusammenkommen , das Sprechen und Schweigen , das Begegnen auf den Gassen , das Hin und Her in Stuben , das Aufklingen von Liedern , das frühe Wandern mit Dörmauls Truppe , das Hereinleuchten einer Maske in das ungeschmückte Leben , und den Freund , die Hilfe , die er geleistet , den Abschied von ihm , das Bürstenmachershaus am Jakobsplatz , die drei sonderbaren Fräulein in der Langen Zeile , die Tage in Schloß Erfft , den alten Vater der Schwestern und sein geheimnisvolles Treiben , das alles schilderte er wie einer , der aus dem Schlaf redet , und es war ein Vertrauen darin , das vielleicht die schwebenden Geister der abendlichen Natur erschütterte , aber Dorotheas metallisch glänzende Augen mit keinem innigeren Licht begabte . Als er emporschaute , war es ihm , als gewahre er zwei dunkle Gestalten am Rand des Waldes , Schwestern , die trauernd und vorwurfsvoll nach ihm blickten . Er erhob sich . » Und das alles , « schloß er , » das alles , Mädchen , ist , wie Regenwasser von trockenem Boden , aufgetrunken worden von einem Werk , an dem ich nun seit sieben Jahren schaffe . Seit sieben Jahren . Noch zwei , und ich geb ' s der Welt , falls nicht vorher der schwanke Erdball in die Sonne stürzt . « Ganz von ungefähr , ganz verworren ahnte Dorothea , was für ein Mensch vor ihr stand . Sie spürte ein prickelndes Gelüste nach ihm , wie sie es bis jetzt nach seinen Erlebnissen gespürt . Sie begann ihn zu lieben , in ihrer Weise . Es trieb sie , sich bei ihm zu bergen , wie es einen Vogel bei Anbruch der Nacht unter den Wipfel eines Baumes treibt . Daniel begriff , daß die schüchterne Bewegung , mit der sie ihren Arm in seinen schob , Dankbarkeit bezeigen sollte . So führte er sie der Stadt entgegen . 15 In der frohpulsierenden Stimmung dieser Zeit schrieb und vollendete Daniel den fünften Satz seiner Symphonie , ein Scherzo großen Stils , das mit einer Klarinettenfigur wie mit einem sorglosen Lachen einsetzte . Aus dem einfachen Motiv entwickelten sich alle Möglichkeiten der Freude ; auch stiller Rückblick und Trost . Wenn die Hauptthemen , sich ihres früheren Vorrangs entsinnend , breiter fluten wollten , wurden sie immer wieder mit kunstreichen Mitteln , die launig wechselten , beschwichtigt und in die Tiefe gedrängt . Einmal flossen alle drei Themen zusammen , schienen in der Vereinigung Kraft zu gewinnen , schwollen in wunderbarer Fugierung empor , ihr Sieg schien nahe , da wurde über dem Septakkord in D das ganze Orchester vor der Tanzmelodie ergriffen , und in den Geigen flohen jene schwermütigen Schwesterweisen klagend dahin . Vor der jubelnden Steigerung des Schlusses hielt ein Solofagott die eine , wehevolle , in ferner Höhe fest . In vierzehn Nächten entwarf er dann auch den sechsten Satz . Daß ihm dergleichen vorher nie gelungen war , wußte Daniel . Wer das Außerordentliche hervorbringt , weiß es . Es packt ihn an wie Krankheit und erfüllt ihn wie ein tiefer Traum . Manchmal war die Versuchung groß , es zu verkündigen ; einem , irgendeinem , und wenn es Herr Carovius sein mußte . War die Flamme niedergebrannt , so belächelte er den Trieb . Geduld , sagte er sich dann im ruhigen Gefühl , nur Geduld . Da das Sammelwerk fertig und seine Verbindung mit dem Haus Philander gelöst war , hielt er nach anderm Broterwerb Umschau . Er hatte im Laufe der letzten Jahre viertausend Mark erspart , aber das Geld wollte er nicht anrühren . Er erfuhr , daß die Organistenstelle an Sankt Egydien frei geworden sei und ging zum Pfarrer , der ihn seinen Oberen empfahl . Es wurde beschlossen , daß er den Herren der Kirchenbehörde vorspielen solle . Dies geschah eines Morgens im Oktober . Die Prüfung fiel zur merkbaren Zufriedenheit der gestrengen Hörer aus . Er wurde also Organist an Sankt Egydien mit zwölfhundert Mark Gehalt . Wenn er an Sonn- und Festtagen die Orgel spielte , kamen immer viele Leute in die Kirche , nur um ihn zu hören . 16 Unter den Freiern , auf die Andreas Döderlein ein Auge geworfen hatte , befand sich auch der Mühlenbesitzer Weißkopf , ein Liebhaber der Musik . Er hatte Dorothea seinerzeit im Konzert bewundert und ihr einen Lorbeerkranz geschickt . Eines Mittags war Weißkopf zum Essen dagewesen , und als er fortgegangen war , sagte Döderlein zu seiner Tochter : » Meine liebe Dorothea , du darfst dich von heute ab als eine Braut betrachten . Dieser vorzügliche Mensch begehrt dich zum Eheweib . Es ist ein Glücksfall , der Mann ist reich wie Krösus . « Statt zu antworten , lachte Dorothea nur belustigt auf . Aber sie wußte nun , daß etwas geschehen müsse , und in ihrem beweglichen Gesicht zuckten Hohn , Furcht und Begierde . » Überlege dir ' s , überschlafe es , ich habe dem Manne bis morgen Bescheid versprochen , « sagte Andreas Döderlein finster . Schon vor einer Woche hatte Andreas Döderlein