Liebe ! Ihr kennt einstweilen fast nicht mehr als nur das Wort , noch aber nicht sie selbst in ihrer ganzen Fülle und Unendlichkeit . Ihr sprecht von Liebe und sprecht auch vom Leben , doch beides ist dasselbe ; nur eure Worte sind verschieden . Und weil sie das Leben ist , wird jede Lebensform und jede neu entstehende Welt aus ihr geboren . Hat diese Welt ihren Zweck erfüllt , die ihr anvertrauten Wesen zur Liebe zu erziehen , so übergiebt sie sie der Seligkeit und löst sich auf , um für dieselbe Aufgabe dann wieder zu erstehen . Dies ist der Zweck auch eurer Erdenwelt . Das Dasein auf ihr soll zum Leben , soll zur Liebe werden . Und dieses Ziel wird unbedingt erreicht , denn was ist euer Sträuben gegen die Allmacht dessen , der es will ! Ob ihr es leugnet oder eingesteht , es ist doch wahr , daß ihr in Liebe atmet und in Liebe lebt . Die größte Selbstsucht ist mit allen Regungen , die ihr entspringen , doch nichts und nichts als Liebe , wenn auch nur Liebe zu dem eigenen Ich . Daß dieses Ich ohne die andern Ichs unmöglich wäre , das ist der große , unwiderstehlich zwingende Grund , der im Verlaufe dessen , was ihr als Zeit bezeichnet , die Liebe zu sich selbst zur Bruder- und zur Menschenliebe macht . Dieser Mangel an Erkenntnis , dieses Sträuben des » Ich « gegen das » Wir « , umhüllt die Erde mit dem Dunkel , welches das auf ihr ruhende Auge der Seligen betrübt , obgleich wir wissen , daß es sich in Licht verwandeln wird und muß . Sobald wir diesem Dunkel nahen , scheide ich von dir , doch höre vorher meine Bitte : Laß es wenigstens in dir und auch um dich hell werden ! Streu Liebe aus ! Je mehr die Zahl der Menschen wächst , die dieses thun , desto mächtiger wirkt das Licht auch auf die andern , und desto eher erreicht das Geschlecht der Sterblichen das Ziel - - die Seligkeit ! - - - Nachdem er das gesprochen hatte , war es , als vermindere sich die Helle um mich her ; wir kamen durch ein immermehr sich dämpfendes Licht ; die unermeßliche Ferne , in welche ich vorher zu schauen vermochte , trat mir immer näher und näher , und in demselben Maße ging mir auch die Gabe verloren , die Worte des Engels und alles , was ich gesehen hatte , ohne Mühe zu verstehn und zu begreifen . Das ist die Erdennähe ! lächelte er wehmütig . Du hast die Furchtbarkeit der » Wage « empfunden ; vergiß sie nicht ! Laß alle die wiedergeschenkten Tage so sein , wie dein letzter war , dem du die Rückkehr zu verdanken hast , weil er der Liebe zu dem Feind gewidmet war ! Du wirst erfahren , daß es die Liebe war , die dich beschützte ; sei ihr dankbar dadurch , daß du in ihr die einzige Regentin deines weiteren Lebens anerkennst ! - - Ich weiß nicht , sah ich ihn schwinden , oder war ich es , der sich von ihm entfernte . Es wurde dunkler , immer dunkler um mich her und auch in mir selbst ; ich sah nichts mehr ; ich hörte nichts mehr und fühlte einen drückenden Schmerz auf meinem Herzen . Dann , als ich angstvoll lauschte , hörte ich eure Stimmen und öffnete die Augen . Ich lag neben einer Blutlache und besann mich auf alles wieder , an was ich nicht mehr gedacht hatte . Ich versuchte aufzustehen , und es gelang mir trotz des Druckes auf meiner Brust , der mich nicht emporlassen wollte . Jetzt hat er sich vermindert ; es ist mir wohler geworden . Und nun ich euch erzählt habe , was ich nicht aufschieben wollte , weil ich es zu vergessen befürchtete , bitte ich dich , Effendi , nach meiner Wunde zu sehen ! « Ich hatte ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zugehört , daß ich mich erst besinnen mußte , um seiner Aufforderung nachzukommen . Er mußte sich legen ; dann knöpfte ich ihm die Nimtaneh149 und das Qämihs150 auf und - - - konnte mich eines lauten Ausrufes des Staunens nicht erwehren . Es gab keine Wunde ; seine Brust war unverletzt . Ich sah nur eine dunkelgefärbte , unregelmäßig verlaufende Stelle , welche auf einen vorhanden gewesenen Druck schließen ließ . Welch ein Wunder ! Es war gar nicht anders möglich , als daß sich auf der Brust ein Gegenstand befunden hatte , von welchem die Kugel aufgehalten worden war ! Ich griff an die geöffnete Nimtaneh und fühlte in der Tasche einen viereckigen Gegenstand . Ich nahm ihn heraus . » Was suchst du da ? « fragte er verwundert . » Das ist mein Beschaïr el arba151 , welches stets in der Satteltasche steckte . Heute aber , als ich die Stelle von der Liebe zu den Feinden gelesen hatte , that ich es in die Brusttasche der Nimtaneh . Warum ich das that , das weiß ich nicht ; es fiel mir grad so ein . « » Aber ich weiß es ! Dein Schutzengel war es , der dir diesen Gedanken eingegeben hat . Das Buch hat dir das Leben gerettet ! « » Wie ? - Das Leben gerettet ? « » Ja ; steh auf und betrachte es ! Du brauchst nicht liegen zu bleiben , denn du bist gar nicht verwundet . Der Schmerz , den du auf der Brust fühlst , ist alles , was der Schuß dir hinterlassen hat . « Das gab nun eine allgemeine Verwunderung und eine noch viel , viel größere Freude . Dschafar Mirza , dem das kleine Evangelienbuch von mir geschenkt worden war , hatte es in Metall binden und ein silbernes Lesezeichen dazu fertigen lassen . Es hatte verkehrt , ich meine