. » Ganz recht , « bekräftigte Leonhart . » Dieser derbe sächsische Bauer gemahnt am meisten an Bismarck , falls wir nach einer Parallele suchen . « Nach einer Pause fuhr er fort : » Bezeichnet Bismarck einen Uebergang oder einen Höhepunkt , ein Bleibendes im kreisenden Werden der Dinge ? Wir wissen es nicht . Eins aber wissen wir : daß auf ihn die Definition paßt , die Carlyle , der Prediger der Heroen-Verehrung , einem Helden giebt : Es ist jederzeit die Eigenart des Helden , auf die Realitäten zurückzukommen , sich auf die Dinge , statt auf den Schein der Dinge zu stützen . Auch hat die Prophetenstimme des modernen England sich dahin erklärt : Bismarck sei eine Art Cromwell , soweit dies in unsrer armseligen Zeit möglich . Wirklich ähnelt der grimme Feind des deutschen Plapperments dem parlamentauflösenden Lord-Protektor durch eherne Thatkraft und Zähigkeit sowie eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Zugreifen . « » Hm , ja . « Der Graf nickte nachdenklich . » Selbst das Verhältniß Bismarcks zu Moltke mag Vergleich-Jäger an dasjenige Cromwells zu Blake erinnern . Allein von der mystischen Gefühlstiefe und düstern schmerzvollen Gluth des Puritaners kann man doch nur mangelhafte Spuren in dem praktischen preußischen Weltmann entdecken . « » Na überhaupt ! Das wollen wir denn doch dahingestellt sein lassen , ob man Bismarck zu den Genies vom ersten Range wie Napoleon und Cromwell rechnen dürfe . Von jener Universalität der Begabung , wie sie solche Feldherrnherrscher bekunden , kann hier ja nicht die Rede sein . Freilich , die originale Fortentwickelungsfähigkeit einer schöpferischen Einbildungskraft , welche mir das eigentliche Wesen des Genies auszumachen scheint , besitzt ja der Einiger Deutschlands auch . « » Wieso ? « » Nun , seine patriotische Idee , von der er dämonisch beherrscht blieb , reifte unablässig in ihm fort . Er trug sie mit sich , er modelte sie stetig um und paßte sie rastlos allen sich bietenden Verhältnissen an . « » Schon recht . Aber der ekelhafte Götzendienst seiner knechtischen Schmeichler muß doch jeden unabhängigen Mann zum Widerspruch reizen , « erwiderte Krastinik . » Hm , er bleibt nun eben doch der größte Meistervirtuose der diplomatischen Technik . Wenn man seine Leitung unsrer auswärtigen Geschäfte sorgsam prüft , so wird man zum Verständniß dieser eigenthümlichen Genialität gelangen . « » Und über ihn als Charakter ... « » Ach , darüber reden wir doch lieber nicht . Eine optimistische Anschauung zu theilen oder anzufechten , kann keinem Verständigen belieben , da den Zeitgenossen ein genügendes Material zu Gebote sieht . Es gehört der Tiefblick eines Dichter-Psychologen dazu , « Leonhart betonte diese Worte mit verstecktem Selbstbewußtsein , » um die Widersprüche im Charakter dämonischer Individualitäten zu lösen und zu verknüpfen . « » Das soll wohl heißen : Die Feinde des Bismarckschen Charakters wie die Verehrer desselben haben alle beide recht und alle beide Unrecht ? « » Just so , exactly , « Leonhart liebte es , solche englische Brocken einzustreuen - » sobald man einseitig bei Fehlern oder Vorzügen des Privatmenschen verweilt . Na , und dann gehört es ja zu den unleugbaren Schwächen dieses großen Mannes , jede Antastung seiner unfehlbaren Makellosigkeit als eine Art Gotteslästerung , auch Bismarckbeleidigung genannt , aufzufassen : Das ist eben sein Größenwahn . Da behält ein gescheidter Mann seine Ansicht am liebsten für sich , heut wo das Denunciantenthum förmlich herangezüchtet wird . Denn wer die Macht hat , hat immer Recht . Uebrigens , wem steht heut ein maßgebendes oder gar abschließendes Urtheil zu ! Seichte und selbstische Parteimeinung deckt sich nimmer mit dem unbestechlichen Wahrspruch , den dereinst überlegene Wissende vor dem Richterstuhl der Geschichte fällen werden . « » Jaja , ein Urtheil über Männer der That ist überhaupt schwer , « bemerkte der Graf sehr richtig . » Die Gedankenfaulheit urtheilt ja da immer nur nach dem Erfolg . Das mechanische Getriebe der Welthändel unterscheidet sich doch gar sehr von den ewigen Thaten der Kunst und Wissenschaft . Wie kann eine feststehende Werthung möglich sein , wo so Vieles vom Zufall und den untoward events abhängt ! Und ist nicht Bismarck Opportunist durch und durch ? « » Das ist kein Vorwurf , sondern ein Lob für den Staatsmann , der nur von den Schiebungen der Möglichkeiten bestimmt wird und dessen Größe gerade in dem klaren Blick für das augenblicklich Nothwendige besteht . Und hat etwa der gewaltige Mann je darüber den einen Zweck vergessen , den er mit eherner Konsequenz durch sein ganzes thatenreiches Leben verfolgte ? « » Na , ein selbstloser Idealist kann er doch wenigstens nicht genannt werden . Stets hat er verstanden , sein eigenes Wohl mit der Wohlfahrt des Vaterlandes zu vereinen . Und dabei klagt er noch über die sprichwörtliche Undankbarkeit der deutschen Nation ! « » Ja , « sagte Leonhart lächelnd , » man denkt unwillkürlich an das boshafte Pamphlet Swifts über den schweren Undank , mit welchem Marlborough sich belastet erklärte - in der runden Summe von 54000 Pfund Sterling ! Im Gegentheil , es ehrt die Nation in der Gegenwart und stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft , wie es in dem herrlichen Briefe des Kaisers vom 1. April 1885 heißt , wenn sie das Große anerkennt . Denn wahrlich , dieser Bismarck ist nach Luther und Friedrich unser verdientester Mann . « » Nun ja , er besitzt ein Willenszentrum von außerordentlicher Stärke , wie schon seine Bulldoggennase beweist , « meinte der Oesterreicher achselzuckend . » Aber das Geheimniß seiner Erfolge liegt doch in der Bornirtheit und Verlotterung der herkömmlichen Diplomatie , mit welcher er zu ringen hatte . An seiner Stelle mit seiner Macht könnten Viele das Gleiche leisten . Pah , mein Bester , die betreffenden politischen Schiebungen bestimmen meist die Politik halb willenlos und als Leiter von 46 Millionen kann man schon gebietend auftreten . Hat doch sogar Excellenz Windthorst in offenem Reichstag ähnliches verlauten lassen ! « Leonhart