er nicht an bessere Stellen befördert werde , weil er den Rücken nicht zu beugen verstehe . Der eigentliche Grund seines Sitzenbleibens war freilich die Unfähigkeit , etwas Besseres zu leisten , wie er ja schon durch seine Redeblume der » enttäuschten Grundsätze « bewies , daß ihm die Kenntnis des richtigen Sprachgebrauches fehlte . Trotz aller Unzufriedenheit hing er aber wie eine Klette an seinem Posten und wäre mit Feuerhaken nicht von demselben loszureißen gewesen ; denn er gewährte ihm , wenn auch kein glänzendes , so doch ein sicheres und gemächliches Auskommen . Auch hütete er sich , da seine Trägheit eine vorsätzliche war und er es in diesem Punkte halten konnte , wie er wollte , er hütete sich vorsichtig , unter die Linie hinabzugehen , wo er weggeschickt worden wäre , wogegen er sich aus periodischen Verweisen und Aufmunterungen nichts machte . Ich liebte diesen Hausgenossen um so weniger , als er zuweilen ein stiller Vorwurf für mich war , trotz seines keineswegs mustergültigen Charakters ; denn meine Mutter hatte , im Hinblick auf sein sorgloses und geruhiges Leben , schon mehr als einmal die schüchterne Frage aufgeworfen , ob es doch nicht vielleicht besser gewesen wäre , wenn wir , dem Rate jenes Magistraten folgend , eine solche Laufbahn gewählt hätten , auf der ein so dummer Mensch so behaglich einherwandle , während ich in die weite Welt müsse und nicht wisse , wie es mir ergehen werde . Ich hatte mich aber begnügt , auf die miserable Figur hinzuweisen , die ein solcher Kerl mache , der nichts Höheres kenne und nichts erfahren habe . Als ich nun vor der Türe stand , an welcher ein artiges Messingplättchen seinen Namen und den Titel seines Ämtchens zeigte , hörte ich im Innern den Pendelschlag der Wanduhr langsam und friedlich hin- und hergehen . Es herrschte eine so tiefe Stille und Ruhe in dem Gemach , daß die Uhr sich der Abwesenheit des unzufriedenen Gesellen förmlich zu freuen schien . An dem Türpfosten lehnend , horchte ich eine Weile dem eintönig vielsagenden Liede der Zeitmesserin , die niemals denselben Augenblick zweimal mißt . Ich hörte wohl etwas heraus , aber nicht das Rechte , weil ich jung war , und stürmte endlich in unsere eigene Wohnung hinauf . Dort harrte die Mutter mit der letzten kleinen gemeinsamen Mahlzeit , die sie bereitet ; die nächste sollte sie nun allein verzehren . Die Morgensonne erfüllte das Gemach mit ihrem Scheine , und ich betrachtete , als wir einsilbig am Tische saßen , durch die Stille wie befremdet , die schlichten weißen Vorhänge , das alte Wandgetäfer , das Hausgeräte , wie wenn ich alles dies nie wiedersehen sollte . Das Frühstück war etwas reichlicher als gewöhnlich bedacht , hauptsächlich damit ich nicht in den nächsten Stunden Schon hungrig zu werden und Geld auszugeben brauchte , aber auch weil die Mutter sich mit dem Reste den übrigen Tag hindurch nähren und heute für sich allein nicht mehr kochen wollte . Als sie das beiläufig sagte , ward ich ganz betreten und wollte erwidern , sie müsse das ja nicht tun , wenn ich nicht eine traurige Vorstellung mit mir nehmen solle . Allein ich brachte kein Wort hervor , an dergleichen Äußerungen nicht gewöhnt , indessen die Mutter nach Worten suchte , um diejenigen letzten Ermahnungen an mich zu richten , die sonst einem Vater obliegen . Da sie aber die Welt nicht kannte noch die Tätigkeiten und Lebensarten , denen ich entgegenging , und doch wohl fühlte , daß etwas nicht richtig sei in meinen Geschichten und Hoffnungen , ohne daß sie nachweisen konnte , worin es lag , so beschränkte sie sich schließlich auf den kurzen Zuspruch , ich solle Gott nie vergessen . Dieses Allgemeine , welches freilich alles umfaßte und ausdrückte , was sie mir hätte sagen können , weil ich ein ungebrochenes theistisches Glauben und Fühlen in mir trug , nahm ich mit dem Schweigen entgegen , das von selbst eine Bejahung ist . Und da zugleich die Kirchenglocken einfielen und eine um die andere rasch zusammenklangen , so blieb jenes Wort das letzte zwischen uns gesprochene ; denn die Minute war da , wo ich aufzubrechen hatte . Ich sprang auf , nahm Mantel und Tasche und gab der Mutter die Hand zum Lebewohl . Unter der Stubentüre , als sie mich begleiten wollte , drängte ich sie sanft zurück , zog die Türe zu und eilte allein auf die Post , von wo ich bald darauf in einem der schweren , mit fünf Pferden bespannten Eilwagen saß , die jeden Morgen im Trabe die steilen , schlecht gepflasterten Gassen der Bergstadt hinunterrasselten . Etwa fünf Stunden später fuhr ich über eine lange hölzerne Brücke . Als ich mich aus dem Schlage bog , sah ich einen starken Strom unter mir daherziehen , dessen an sich klargrünes Wasser , das junge Buchenlaub , das die Uferhänge bedeckte , sowie die tiefe Bläue des Maihimmels vermischt widerstrahlend , in einem so wunderbaren Blaugrün heraufleuchtete , daß der Anblick mich wie ein Zauber befiel und erst , als die Erscheinung rasch wieder verschwand und es hieß : » Das war der Rhein ! « mir das Herz mit starken Schlägen pochte . Denn ich befand mich auf deutschem Boden und hatte von jetzt an das Recht und die Pflicht , die Sprache der Bücher zu reden , aus denen meine Jugend sich herangebildet hatte und meine liebsten Träume gestiegen waren . Daß es nicht in meinem Erinnern leben konnte , ich sei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinüber , aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben gegangen , dafür hatte der Lauf der Geschichte gesorgt , und darum war mir das herrliche Funkeln der grünblauen Flamme des Rheinwassers wie der Geistergruß eines geheimnisvollen Zauberreiches gewesen , das ich betreten . Ich sollte freilich auf unerwartete Weise aus solchen Träumen geweckt und meine Weiterreise zur seltsamsten Pönitenzfahrt werden ,