noch minder waren es beide in den bewußten Kunstgriffen , die jenem natürlichen Ränkespiel in die Hand arbeiten . Aber sie sahen mit Blicken , welche die Liebe schärfte , die einfache Liebe , die sie verstanden . Und da konnte ihnen denn nicht entgehen , daß Max Rosen niemals beflissener entgegenkam , den Zauber seiner Persönlichkeit niemals verführerischer zur Geltung brachte , die Wichtigkeit seiner philanthropischen Pläne , die Vorzüge seiner gesellschaftlichen Stellung niemals geschickter hervorhob , als wenn er Rosen in Lydias Gegenwart sah . Nicht die leichte Eroberung , die schwere war sein Ziel , ohne Zweifel sein ernsthaftes Ziel , und seine gröbliche Täuschung nur die , daß er in tändelnder Laune auf Eigenschaften zu wirken hoffte , welche eine reine Seele nicht einmal begreift , eben darum aber - so widerspruchsvoll geht es in den Phantasien solcher Pseudoidealisten zu - , eben weil sie jede niedrige Regung ausschloß , ihm diese reine Seele zu der begehrenswertesten machte . Denn hätte Lydia das lockende Spiel verstanden und ihm nicht widerstanden , würde sie ihm der Mühe des Spiels noch wert erschienen sein ? Nicht mehr ungetrübt der Sohn , wohl aber der Vater hoffte noch , daß auch die sonst so scharfsichtige Rose dieses Ränkespiel durchschaue und daß sie mit unberührtem Herzen sich nur von der glänzenden Neuheit der Weltfreude blenden lasse . Indessen auch dieser dämonischen Blendung mußte gesteuert werden , und wenn den Bitten nur wiederum Bitten , der Mahnung Liebkosung , der Warnung ein Schelmenlächeln entgegengesetzt wurden , so blieb endlich nur das Gewicht der väterlichen Autorität , um die Wagschale in die Richte zu bringen . Die jenseitigen Wiesen , über die im Herbst der Fluß getreten , waren zugefroren , auf weiter Strecke eine Eisbahn bildend , welche Max , ein gewandter Schlittschuhläufer , wie als echter Hartenstein der gewandteste Reiter , Schütze und Fechter , täglich benutzte , - vielleicht weil sie aus den Fenstern des Schlosses überschaut werden konnte . Auch die Pfarrkinder waren vom Vater zu dieser Übung angehalten worden , und Rose hatte sie erst aufgegeben , als ihr Dezem auf die Universität zog und sie nun die Schlittschuh sich eigenhändig anschnallen und ohne jeglichen Zeugen ihre Kunststückchen hätte machen müssen . Jetzt aber wachte plötzlich die alte Lust in ihr wieder auf , und Tag für Tag wurden ein paar frohe Stunden auf dem glatten Spiegel vergaukelt . Da Freundin Sidoniens Gesundheit ihr nicht gestattete , als Eismutter am Ufer auf und ab zu spazieren , wurde Freund Dezimus um seinen Anstandsschutz ersucht , und er - ja , was bleibt denn solch einem Quasibräutigam übrig , wenn sein Quasibräutchen nach langer Siechenhaft das Bedürfnis kräftigender Luftbewegung fühlt ? - was , als erst dem Bräutchen und dann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen und bescheidentlich nebenher zu schleifen , wenn die beiden anderen Hand in Hand kunstvolle Kreise und Achten ziehen ? Eines Nachmittags kehrte er mit Rosen von solcher Leistung zurück ; er schweigsam und mutlos wie alle Tage , aber auch sie nicht mit den purpurnen Wangen und freudeblitzenden Augen wie bisher ; sie fröstelte und ließ das Köpfchen hängen . Der Baron war nicht auf dem Eise gewesen , weder er noch seine Schwester hatten den Tag über etwas von sich sehen oder hören lassen . Der Vater war im Begriff , mit zitternder Hand die Adresse auf einen Brief zu schreiben ; sie lautete an seine Tochter Erika , deren Mann vor kurzem als Bauinspektor in eine näher gelegene Stadt versetzt worden war . Der Greis sah auffällig bleich aus , doch klang seine Stimme ruhig , als er den Sohn bat , den Brief , den er zu eiliger Bestellung empfohlen hatte , heute noch nach der Post zu tragen . » Das trifft sich gut , Dezimus ! « rief Rose plötzlich belebt . » Du gehst mit mir über das Gut und holst mich dort auf dem Rückwege wieder ab . Ich habe Sidonien ein Stickmuster versprochen , das ich ihr heute noch bringen möchte . « Rasch wollte sie auf und davon ; der Vater aber äußerte mit Entschiedenheit , daß es zu einem Besuch auf dem Gute zu spät am Tage sei . So legte sie denn Hut und Pelzpelerine ab , indem sie die Lippen ganz allerliebst zu einem Kinderschippchen verzog und sich knapp auf die Kante des Stuhls , nach welchem der Vater , dem seinen gegenüber , deutete , niederließ . Den Sohn , der sich entfernen wollte , bat er , so lange zu verziehen , bis er seiner Tochter eine Eröffnung gemacht haben werde . » Du hast dir , « so hob er darauf zu Rosen gewendet an , » seit Jahren einen Besuch bei deiner Schwester gewünscht . Heute willfahre ich diesem Wunsche . Ich habe Erika geschrieben , daß sie dich am übernächsten Tage zu erwarten hat . Dezimus wird die Freundlichkeit haben , dich zu begleiten und bis zum Sonntag zurückgekehrt sein . « Rose lachte anfänglich über den wunderlichen Einfall ; als sie jedoch des Vaters unzerstörbaren Ernst erkannte , wurde sie blaß , streichelte ihm die Wangen und sagte mit ihren schmeichelndsten Tönen : » Wie kannst du nur daran denken , Väterchen , daß ich dich verlassen würde jetzt , wo du deiner kleinen Rose doch ein wenig mehr als in früherer Zeit bedürftig bist ? « » Ich fühle mich entschieden kräftiger als noch vor kurzem , « versetzte der Vater . » Und habe ich denn nicht meinen Dezimus ? Stieße mir aber während seiner Abwesenheit ein Rückfall zu , würde die gute Lydia mir gewiß nicht fehlen . « » Aber welchen Grund kannst du haben , mich fortzuschicken und eine Fremde an meine Stelle zu setzen ? « fragte Rose gereizt , wie neuerdings immer , wenn Lydias lobend erwähnt wurde . » Da du den Grund nicht fühlst , würdest du ihn auch nicht verstehen , « antwortete der Vater