man hätte fast meinen sollen , es läge nur an der Verstimmung der Herzogin , daß die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit bewegten , es bedürfe nur ihres guten Willens , um Alles wieder in das alte Geleise zu bringen ; denn daß nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe , daß etwas Besonderes , daß noch etwas Anderes , als der Streit mit dem Amtmanne und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei , daran zweifelte in der Herrschaft bald Niemand mehr . Aller der Leute , die , wie ihre Eltern auf den Gütern geboren und erzogen , ihre Welt in diesem engen Kreise hatten , begann sich dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen . Sie hatten stets den Glauben gehegt , daß sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe , und daß sich etwas geändert hatte , ohne daß sie sich zu erklären wußten , was sich geändert habe , steigerte ihr Unbehagen . Aber grade die Frau , welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloß Richten und in dem Leben seiner Besitzer einen so großen und unheilvollen Antheil hatte , grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung , welche die Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten ; und wenn sie davon auch nicht im Gemüthe angegriffen wurde , so nahm sie es doch mit einer Art von Schrecken wahr , daß die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften Fäden nicht das Gewebe bildeten , auf das sie es abgesehen , weil sie nicht genugsam in Betracht gezogen hatte , daß es sich mit Menschen nicht so sicher als mit todten Zahlen rechnen lasse und daß die Personen , welche sie als ihre Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte , sich plötzlich erheben und sich zu einer Entscheidung aufraffen könnten , stark genug , alle Berechnungen und Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen . Das habe ich nicht gewollt ! sagte sich die Herzogin , als der Freiherr ihr vertraut hatte , was er in sich beschlossen , und mit diesem Ausrufe wälzte sie alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen . Sie brauchte nicht einzustehen für das , was sie nicht bezweckt hatte . Sie hatte sich zerstreuen , sich unterhalten , ein wenig Einfluß auf ihre Freunde gewinnen wollen , sagte sie sich ; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen Schwerlebigkeit zu heilen , den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu strengen Gattin zu befreien gewünscht ; sich selber und seinen alten , fröhlichen Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen , indem sie nebenbei sich und ihrem Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte , und plötzlich hatte die stolze Ueberspanntheit des Freiherrn alles Maß und Ziel so völlig überschritten , daß die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand , der schwer und tief genug war , um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen . Sie konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen , denn er ganz allein und Niemand sonst trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils . Sie nannte es unverantwortlich von ihm , daß er der Baronin nicht die Hand bot , um über eine Schwäche , über einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen ; und wie natürlich , wendete ihre ganze Theilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten , der Leidenden , der Baronin zu . Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl , wenn sie sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde Angelegenheiten für die nächste Zeit enthalten wollte ; und der Caplan hatte Recht gehabt mit seinem Worte : sie kann nicht rasten und nicht ruhen ! - Die müßige Herrschsucht , das eitle Bedürfniß nach immer neuer scheinbarer Thätigkeit , die Lust , sich an fremden Empfindungen zu ergötzen , waren unersättlich und ohne Rast in der kalten , selbstsüchtigen , mit unruhiger Phantasie begabten Frau , und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge übertroffen , mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wußte , so oft die alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing . Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden , weil er der Mißbilligung kein Hehl gehabt hatte , mit der er ihr Treiben und ihren Einfluß auf den Freiherrn und auf Angelika verfolgte , und sie war seit lange bestrebt gewesen , ihn in der guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln , ja , ihn zu entfernen . Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben . Sogar der Gedanke , daß der würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde durchschaut habe und daß er es verdamme , hielt sie nicht ab , sich an ihn und seinen Beistand zu wenden , sobald sie seiner zu bedürfen glaubte ; denn wie alle Selbstsüchtigen , besaß sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der Anderen und jenen Hochmuth , der für alles gethane Uebel schnelle Vergessenheit , für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet , wenn demselben nur der Anschein eines edeln Zweckes anzudichten ist . Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles ; aber in der Gefahr , in welcher seine Freunde sich befanden , glaubte er sich jedes Mittels bediene , zu müssen , das eine Hülfe zu bieten schien , obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen und sein Glaube an die Möglichkeit , die Ehe des Freiherrn herzustellen , nur gering waren . Angelika war keine thatkräftige und war doch dabei eine stolze Natur . So lange sie sich berechtigt geglaubt hatte , mit ihrer ungetheilten Liebe die Liebe ihres Gatten , die er ihr zugeschworen , zu verdienen , so lange ihr reines Gewissen seine volle Achtung fordern konnte , hatte sie den Muth gehabt , dem Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrängniß zu Hülfe zu kommen , und es