die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt , gezeigt und damit geklimpert , als wenn die Leute machten das rarste Geschäft um ein Ferkelchen , das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit Glückseligkeit , wie , Gott verzeih ' mir ' s , ' nen polnischen Ochsen ! Und das Treudchen da ! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenäht und ausgestichelt und hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz ' ne rauhe Hand ! Ein Mädchen so rar ! Schön genug für ' ne Prinzessin ! Und die guten Kinder ! Gott soll sie segnen ! Während Grützmacher mit Bonaventura und dem Arzte flüsterte , küßte Treudchen Ley Lucinden die Hand und dankte für die » Ehre « ihres Antheils . Sie nannte die Sprecherin Frau Henriette Lippschütz . Es war die Hasen-Jette , die Wildprethändlerin , die Witwe des jüdischen Metzgers , der die Kundschaft der Leys geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte . Fräulein , wenn sie jetzt hier haben was zu nähen - fuhr , Lucinben richtig unterbringend und sich ihr zuwendend , die Hasen-Jette fort - feine , feinste Spitzen : geben Sie ' s nicht anders als an das Treudchen ! Weine nicht , Kind ! Du bist nicht verlassen ! Dein Toni , dein Edi ... alle kommen sie in die große Stadt , ins neue Waisenhaus , wo die Kinder leben wie die Prinzen ! Sag ' ich dir , Treudchen , Betten ! Staatsbetten ! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die Decken hat mein Bruder geliefert ! Gott ! Was wird der Löb sagen , wenn er nach Hause kommt und findet Frau Ley nicht mehr - der Löb mit seinem gefühlvollen Herzen ! Bonaventura kannte auch den Löb , den Bruder der Frau Lippschütz , den berühmten Gütermakler und Handelsmann Löb Seligmann . Er durfte diesen Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben . Noch sprach er , nicht als Geistlicher , sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher , laut einen herzlichen Nachruf , tröstete die Kinder und ging zuletzt mit Grützmachern und dem Arzte . Als er sich mit ersterm über die vergebliche Verfolgung des Leichenräubers verständigt zu haben schien , bildete sich wieder jener Zug , der die Monstranz in die Kathedrale zurücktrug . Lucinde folgte ... Wie mußte sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister gedenken ! ... Das neue Waisenhaus ! Es schlug zwölf , als Lucinde übermüdet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg und wartete , bis Bonaventura aus der Sakristei zurückkehren würde . Endlich kam er ... in seinen gewöhnlichen Kleidern . Ich muß mich Ihnen anschließen ! sagte sie . Ich hatte Briefe an den Stadtpfarrer zu überbringen , deren Eile ich ganz vergessen hatte ! Ich hielt mich zu lange im Gespräch mit ihm auf , folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und muß nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurückkehren ! Kann ich es thun , als wenn ich überhaupt nicht abwesend gewesen wäre , desto lieber ! Ich fürchte Frau von Gülpen und ihre üble Auslegung ! Bonaventura , der Frau von Gülpen ' s strenge Auffassungen kannte , erbot sich gern zu dem gewünschten Beistand . Er war so menschlich in allem und kein Haarspalter und kein Mückenseiger ... So gingen beide in den Park hinunter . Wie tobte es jetzt in Lucinden , wie stockte ihr Athem ! Und doch dies ruhige Gespräch über die Vorgänge der letzten Nacht , über Grützmacher ' s Nachrichten , über Benno , Hedemann , die Herbstübungen , den kürzern Weg da oder dort , die Leidensfamilie , die eben verlassene , wieder dann die Baumalleen , die Boskete , Windhack ' s Sternwarte ... Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen , wie eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne , jeden Augenblick den Niedersturz drohend - so er , gleichsam den Arm schützend und schon zum Auffangen ausgebreitet über sie gehalten und doch vom Gleichgültigsten plaudernd und scherzend sogar ... Wie der Geliebte dann den Hausschlüssel zog , öffnete , sie zuerst in das stille Vorhaus ließ , erklärte , zwar unten zu wohnen , aber sie doch bis hinauf begleiten zu wollen , wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte , seine Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte - sollte es ihr da nicht wieder sein , wie schon oft , als müßte sie vor ihm niedersinken und ihn anflehen : Tritt lieber mit deinem Fuß auf mich , du Entsetzlicher , Kalter , Unerbittlicher ! ... An seiner Brust hätte sie jetzt ruhen , jetzt sich ausweinen , auslachen mögen ... und er sagte nichts als : Gute Nacht , Fräulein ! Sagte das ihr , die noch jung , noch schön war , die Huldigungen erlebt hatte , wo sie nur irgend erschienen war , eine Siegerin über so viel Männer von Reichthum , Ansehen , Geist ... Gute Nacht , Fräulein ... Und das in tiefster Stille ... im nächtlichen Dunkel ... Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu können ... Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ... Sie ging langsam ... halb ohnmächtig vor Schmerz über das eine » Gute Nacht , Fräulein ! « ... Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Rückkehr ... vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ... Sie mußte sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten , als sie langsam hinaufstieg ... Bonaventura war nicht mehr hörbar ... Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen , tiefen Athemzug ... Dann erschreckte sie plötzlich ein Geräusch wie von einem auffliegenden Vogel ... Es war der Pfau , der ihr neugierig , hoch aufgerichteten Hauptes entgegenschritt . Sie entlief ihm fast bis an die Thür ihres Wohnzimmers ... ... Das Thier sah so gespenstisch aus ... Ihr Wohnzimmer