Absicht lesen . Inzwischen war es gut , daß das Interesse Römers , hinsichtlich des Kopierens seiner Sammlungen , sich mit dem meinigen vereinigte ; denn als ich nun , gemäß seiner Aufforderung , mich wieder vor die Natur hinsetzte , erwies es sich , daß ich Gefahr lief , meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen . Es kostete mich die größte Beharrlichkeit und Mühe , ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege zu bringen , als meine Kopien waren ; die ersten Versuche mißlangen fast gänzlich , und Römer sagte schadenfroh » Ja , mein Lieber , das geht nicht so rasch ! Ich habe es wohl gedacht , daß es so kommen würde ; nun heißt es auf eigenen Füßen stehen oder vielmehr mit eigenen Augen sehen ! Eine gute Studie leidlich kopieren , will nicht soviel heißen ! Glauben Sie denn , man läßt sich ohne weiteres für andere die Sonne auf den Buckel zünden ? « usf. Nun begann der ganze Krieg des Tadels gegen das Bemühen , demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen , von neuem ; Römer ging mit hinaus und malte selbst , so daß er mich immer unter seinen Augen hatte . Es war hier nicht geraten , die Torheiten und Flausen zu wiederholen , die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte , da Römer durch Steine und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte , ob derselbe gewissenhaft sei oder nicht . Er sah es jedem Aste an , ob derselbe zu dick oder zu dünn sei , und wenn ich meinte , derselbe könnte ja am Ende so gewachsen sein , so sagte er » Lassen Sie das gut sein ! Die Natur ist vernünftig und zuverlässig ; übrigens kennen wir solche Finessen wohl ! Sie sind nicht der erste Hexenmeister , welcher der Natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will ! « Doch rückte ich allmählich vorwärts ; aber leider muß ich gestehen , daß mehr ein äußerer Ehrgeiz mich dazu antrieb als eine innere Treue . Denn es war mir hauptsächlich darum zu tun , daß die Arbeiten , welche ich selbst nach der Natur machte , nicht zu sehr zurückstehen möchten gegen meine kopierte Sammlung , und recht bald ein geistiges Eigentum von einigem Wert zu haben . Ich gelangte auch im Laufe des Sommers in Besitz von einem Dutzend starker und solider Papierbogen , auf welchen sich ansehnliche Baumgruppen , Steingerölle und Buschwerke ziemlich keck und sachgemäß darstellten , die einen Vorrat von guten Motiven enthielten , die Spuren der Natur und einer künstlerischen Leitung zeigten und desnahen , wenn sie auch weit entfernt waren , etwas Meisterhaftes zu verraten , doch als eine erste ordentliche Grundlage zu der Mappe eines Künstlers betrachtet werden konnten , welche man nicht nur der Erinnerung , sondern auch der fortdauernden Nutzbarkeit wegen aufbewahren mag . In diesen Blättern war dann noch diese oder jene Lieblingsstelle , wo ich einen glücklichen Ton getroffen und der Natur einen guten Blick abgelauscht , ohne es zu wissen , irgendein gutes Grünlich-Grau oder ein deutliches Sonnenlicht auf einem schwärzlichen Steine , womit Römer so zufrieden war , daß er es der Brauchbarkeit halber für sich kopierte . Er konnte dies unbeschadet seiner Strenge tun ; denn ich durfte nur einen Blick auf seine eigenen Studien werfen , welche er in diesem Sommer machte , so verging mir alle Überhebung , und wenn ich noch so viel Freude an meinen Schülerwerken empfand , so war diese Freude noch viel größer und schöner , wenn ich Römers glänzende und meisterhafte Arbeiten sah . Aber düster und einsilbig legte er sie zu seinen übrigen Sachen , als ob er sagen wollte was hilft das Zeug ! während ich die meinigen mit stolzer Hoffnung aufbewahrte und die Zeit nahe sah , wo ich ebensolche Meisterwerke mein nennen würde . Neben den ausgeführten Studien sammelte sich noch ein artiger Schatz von kleinen und fragmentarischen Bleistift- und Federskizzen , die alle wohl zu brauchen waren und mein erstes , auf eigene Arbeit und wahre Einsicht gegründetes Besitztum vervollständigten . Weil ich die mir durch den Aufenthalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen mußte , so konnte ich nicht daran denken , das Dorf zu besuchen , obschon ich verschiedene Grüße und Zeichen von daher erhalten hatte . Um so fleißiger dachte ich an Anna , wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten . Ich freute mich für sie meines Lernens und daß ich in diesem Jahre so reich an Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr ; ich hoffte einigen wirklichen Wert dadurch erhalten zu haben , der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem Hause die Hoffnung begründe , die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte . Wenn ich aber nach getaner Arbeit in meines Lehrers Wohnung ausruhte , seinen Erzählungen vom südlichen Leben zuhörte und dabei seine Sachen beschaute , worunter manches Studienbild einer schönen vollen Römerin oder Albanerin dunkeläugig glänzte , so trat unversehens Judiths Bild vor mich und wich nicht von mir , bis es , von selbst Annas Gestalt hervorrufend , von dieser verdrängt wurde . Wenn ich eine blendendweiße Säulenreihe ansah und mit lebendiger Phantasie das Weben der heißen Luft zu fühlen glaubte , in welcher sie stand , so schien Judith plötzlich hinter einer Säule hervorzutreten , langsam die verfallenden Tempelstufen herabzusteigen und , mir winkend , in ein blühendes Oleandergebüsch zu verschwinden , unter welchem eine klare Quelle hervorfloß . Folgten meine Gedanken aber dahin , so sahen sie Anna im grünen Kleide an der Quelle sitzen , das silberne Krönchen auf dem Kopfe und silberblinkende Tränchen vergießend . Der Herbst war gekommen , und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging und in unsere Stube trat , sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen Mantel liegen . Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu ,