Partie ihr zu verhelfen , hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen , und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswerth : eine Pflegetochter hüten , an die keine Blutsbande sie fesselten , zu einer Verbindung das Auge zudrücken , die sie ungern sähe , und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten , von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen . Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüth herunterbringen ! - In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältniß der Geheimräthin mit dem Legationsrath . Der Legationsrath behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe , und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau . Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte . Die Gevatterinnen wussten , daß er nur seltene Besuche machte , immer in der allgemeinen Besuchsstunde , sie wussten von der Dienerschaft , daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege . Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft , oder betrafen Geschäfte . Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten , und Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe , die er für die sichersten hielt , anempfohlen . Er war ein Freund des Geheimrathes , den dieser oft stundenlang in seinem Studirzimmer festhielt . Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz . Und wie theilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall , der das Haus betraf , benommen , wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann . Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen , obgleich Geheimrath Mucius gesagt , er könne sich noch zehn Jahre quälen . » Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin , « hatte er zum Geheimrath gesagt , » die immer besorgte , daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde . Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Aerzte erkannt ! « Als man Johann an einem Morgen todt neben seinem Bette gefunden , und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten , war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen . Hier ging ihr der Athem aus , die Kräfte versagten , und sie war in die Knie gesunken . Ihr Gatte und der Legationsrath mussten die Ohnmächtige aufheben . Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen . Die Dienerschaft zerfloß in Thränen : » Warum erschrecken , meine Freundin , über Etwas , das nur eine Wohlthat des Himmels ist , für den armen Dulder , für uns Alle , die wir seine Leiden sehend mit ihm litten ! Preisen wir vielmehr die Hand , die dies gethan . Sein Wille geschehe , der es gut , schnell und kurz gemacht ! « Gestärkt durch seinen Zuspruch , hatte sie nachher an der Leiche gestanden , ihre Züge beobachtend . » So ist es recht , « hatte er gesagt : » dem was wir als gut erkannt , fest ins Auge gesehen ! Wem helfen Thränen , wem weichliches Gefühl des Mitleids ! Indem wir das eine Nothwendige erkannt , stärken wir unsere Nerven , um der Nothwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken , und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen : Tod , wo sind nun deine Schrecken ! « Sie war gestärkt worden . Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt . Die Dienerschaft , die Nachbarschaft waren davon gerührt , und das Lob der Geheimräthin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet . Im Hause der Geheimräthin war es sehr still hergegangen , sagten wir , heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche . Die Regimenter von Larisch und Winning , von der Weichsel zurückberufen , marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort , der fränkischen Grenze . Die Straßen waren belebt , die Fenster besetzt . Der Durchzug erfolgte unregelmäßig , bataillonsweise ; die Truppen , in Eilmärschen aus Polen herangezogen , hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt , sich zu einem Paradezug zu ajustiren . Während Monturen , Gesichter , Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen , wirbelten aber die Trommeln und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft ; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch . Aus den Fenstern schwenkte man Tücher , auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand ; man reichte ihnen zu trinken , und während die Schnapsflaschen und die Semmelkörbe umhergingen , schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter . In der Küche der Geheimräthin brodelte ein Waschkessel , Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Chokolade der Gäste zu sorgen . Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern . Es gehörten nicht Alle zu einander . Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor : Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten , Herrn Laforest , die Antwort ertheilt : Sein König wisse nicht , worüber er sich mehr zu verwundern habe , über die Gewaltthat des französischen Heeres , oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür . Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten , das Opfer gebracht , die seinen theuersten Pflichten nachtheilig werden könnten . So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen , als daß derselbe Ursachen gehabt , die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für werthlos zu halten , und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden . Frieden wolle Preußen auch noch jetzt , halte sich aber nun verpflichtet , seinem Heere die Stellung zu geben , welche zur Vertheidigung des Staates unerlässlich sei . » Ja , es werden drei Heere gebildet , wie ich aus sicherer Quelle weiß , « bemerkte Jemand . Ein Anderer setzte hinzu : » Und es bleibt