als schleunigste Flucht . Vielleicht wäre ich Therese in den Tod gefolgt , hätte mich nicht das Schicksal , welches meiner dann harrte , abgehalten . Der fürchterliche Secirtisch der Anatomie und die lüsternen Blicke der jungen Männer , die sich lachend an meinen erkalteten Gliedern dann weideten , schreckten mich zurück . Flucht ! Flucht ! rief ich mir wohl tausendmal zu , packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und brach auf . Erst als die kleine Stadt mit ihren kahlen Bergen hinter mir lag , fragte ich mich : wohin ? Die Entscheidung war nicht schwer . Meine unglücklichen , frommen , genügsamen Aeltern lebten noch in ihrer rauschenden Bergeinsamkeit . Noch ahnten sie nichts von dem grauenvollen Unglück , das sie am Spätabend ihres Lebens ereilt hatte . Sie beteten in gottgefälliger Einfalt für ihre fernen Kinder , davon eins schon nicht mehr unter den Lebenden wandelte . Zu ihnen ! rief es in der Tiefe meines Herzens , und ich schlug den Weg nach der Heimath ein . Vor der Thür ihrer Hütte sitzend fand ich die Aeltern . Sie erkannten mich nicht in der modernen städtischen Kleidung , die ich seit meinem Dienstantritt trug . Als ich sie bei Namen rief , umarmten sie mich unter Freudenthränen . Sie fragten nach Theresen , nach ihrem Wohlbefinden . Ich senkte den Kopf und schwieg . Als sie nun eine unerfreuliche Nachricht erwarteten und heftig in mich drangen , erzählte ich mit schonendster Milde den Hergang und das traurige Ende der Schwester . Meine Mutter sank besinnungslos in die zitternden Arme des alten schwachen Vaters . Ich kniete vor beiden nieder und benetzte mit reuigen Thränen ihr Gesicht , ihre Hände . » Dummes Ding ! « hörte ich hinter mir eine nur zu bekannte krächzende Stimme höhnisch rufen . » Wie abgeschmackt für ein hübsches Mädchen von zwei und zwanzig Jahren , sich eines Kindes wegen in ' s Wasser zu stürzen ! Die hat ihren Vortheil schlecht verstanden , und da ist denn freilich weder zu rathen noch zu helfen . Sei Du klüger , hübscher Schwarzkopf , wenn Dir ' s ähnlich ergehen sollte ! Zu einem kalten Bade hat man alle Tage noch überflüssige Zeit ! « Es war die Korbmarthe , die aus dem Walde ihres Weges ziehend den traurigen Schluß meiner Erzählung mit angehört hatte und sich zu dieser gemeinen Bemerkung gedrungen fühlte . » Dumme Dirne ! Dumme Dirne ! Sich zu ersäufen in der Blüthe ihrer Schönheit ! « murmelte sie vor sich hin , indem sie an uns vorüber schritt . Die Erscheinung dieses häßlichen alten Weibes erfüllte mich mit wahrhaftem Entsetzen , reizte aber auch zugleich meinen Zorn dergestalt , daß ich mir Gewalt anthun mußte , um nicht mit Tigerwuth mich auf sie zu stürzen und ihr das Genick zu brechen . Sie schien mir eine Abgesandte der Hölle , die sich ihres Triumphs über uns freute . » Ohne ihre tiefe unerschütterliche Gottgläubigkeit würden meine Aeltern diesem Schlage sogleich erlegen sein . Die Religion , die längst einen wahrhaften Bestandtheil ihres Wesens ausmachte und in ihnen lebendig geworden war , hielt sie aufrecht , das Gebet gab ihnen Kraft und Stärke , das Entsetzliche zu ertragen . Sie flehten Gott allabendlich um Gnade für ihr verirrtes , als zwiefache Verbrecherin aus der Welt geschiedenes Kind , und wenn je das Gebet frommer Aeltern Erhörung findet bei Gott , so muß Therese durch das gläubige Bitten ihrer Aeltern begnadigt worden sein . So innig ich an meinen braven Aeltern hing , so unheimlich ward mir doch in ihrer Nähe . Ich taugte ja nicht mehr in so heilige Kreise , ich war eine Sünderin , deren Herz vor Groll und Ingrimm brechen wollte . Eine unsichtbare Gewalt zog mich hinaus in die Welt , um in ihrem Geräusch Vergessenheit und ein neues Glück zu suchen . Mich drückte , mich beleidigte die Armuth , seitdem ich wußte , wie man mit ihr verfährt , wie man sie gleich einem räudigen Hunde von sich stößt oder sie mit herzloser Gleichgiltigkeit behandelt ! Obwohl fromm und schlicht und zu genügsamem Leben erzogen , vermochte ich doch nicht mehr andachtsvoll zu einem Gott zu beten , der Tausende seiner Geschöpfe so unwürdig behandeln läßt , und das Wort Christi : Selig sind die Armen , denn das Himmelreich ist ihr ! konnte mich zu verzweifeltem Lachen reizen . Ich konnte nicht an eine Seligkeit jenseits glauben , die ich mit völliger Vernichtung meiner angeborenen Menschenwürde diesseits erkaufen sollte ! Werde reich ! schrie es Tag und Nacht in mir mit gellender Stimme , werde reich um jeden Preis und Du bist glücklich , angesehen , geehrt ! Daheim konnte ich nicht bleiben . Meine Aeltern wünschten dies eben so wenig , als ich selbst , ich war daher Willens , wieder einen Dienst , wo möglich in einer großen Stadt zu suchen . Dort hoffte ich , sollte sich Gelegenheit finden , die mir von der Natur geschenkten Gaben zu meinem Vortheil zu benutzen . Ich war ja schön , und Schönheit mit Jugend gepaart wirft man so leicht nicht vor die Thür , wenn sie den zarten Panzer des Weibes , die verlockende List , anlegen . Ich wandte mich nun zuerst nach Hannover , da ich aber bei meiner schnellen Dienstentlassung und der Verwirrung , in die mich der unerwartete Tod meiner Schwester versetzt , ein Zeugniß meines Wohlverhaltens mir ausstellen zu lassen vergessen hatte , fand ich nicht sogleich einen Dienst , wie ich ihn wünschte . Es schien mir sogar , als zweifle man an meiner Unbescholtenheit , wozu ich vermuthlich selbst Anlaß gab durch freundliches , einschmeichelndes Betragen , das mehr von forcirter Koketterie als von reizender Natürlichkeit an sich haben mochte . Es vergingen ein paar Wochen und meine Baarschaft schmolz zusammen . Da machte ich an einem öffentlichen Orte die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen , aber , wie ich auf den ersten