, Lesüeur ' s letztes Begehr zu versäumen , tauchte auch die Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm auf ; und als er fortwandelte , schien er sich nur der rettungslose Sünder ! Das Stift war ein großer , ehrwürdiger Palast . Sein Bau und seine eben so alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katharina von Medicis herstammen , und obwol man die Guisen als Eigenthümer dieser Besitzungen nannte , glaubte man sie doch von der Königin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken bestimmt . Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Ansprüchen gemäß und von mancher geheimnißvollen Einrichtung durchkreuzt , die dem Beobachter sagen mußte , man habe andere Zwecke hier verfolgt , als offenes Haushalten im Glanze der damaligen Zeit . Jetzt bewohnte wahre Frömmigkeit diese schönen , wohlerhaltenen Räume ; und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des Baues , zu andern Zwecken einst empor geführt . In dem Augenblicke , als Leonin mit dem kleinen Führer sich dem Portale des Stiftes nahte , verschwand die Prozession der Mönche in seinem innern Raume , und Leonin eilte dem Knaben voran , wie getrieben , sich dem Zuge anzuschließen . Die Chorherren erfüllten den prachtvollen Portikus des Hauses , sie hatten das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrüßt . Der Abt , der den Fremden sogleich für den erwarteten Grafen Crecy hielt , wollte ihn anreden ; aber Leonin , nur die Prozession suchend , warf seine Augen ängstlich umher ; und ohne die Begrüßung des ehrwürdigen Abtes zu erwiedern , eilte er , den Mönchen zu folgen , die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu führen versprachen . Niemand hinderte ihn . Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand , der sich selbst Hülfe schaffen mußte . Leonin trat mit ihnen zugleich in ein großes Gemach , welches sich als die Werkstatt Lesüeur ' s verrieth , da in der Mitte desselben , auf einem Gerüste , mit Blumen und Zweigen geschmückt , in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich ein Bild erhob , das , obwol es Leonin die Rückseite zukehrte , ihn vermuthen ließ , daß es das letzte Werk des jetzt sterbenden Künstlers sei . - Die drei hohen , weiten Fensterthüren nach dem Garten waren geöffnet - der Frühling lag vor der Schwelle - glänzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine , gelbliche Grün des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schöne alterthümliche Gemach und auf die ehrwürdigen Gestalten der Mönche , die , des Einlasses harrend , einen Kreis um den Geistlichen bildeten , der , von Chorknaben umgeben , in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz , in ihrer Mitte stand . Es war der ehrwürdigste Anblick andächtiger Erhebung - die harmonische Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hülfsleistung , von der sinnlichen Außenwelt zufällig auf eine Weise unterstützt , als ob ein Bestreben eingetreten wäre , sich dem Zwecke gemäß zu zeigen . Wie lange hatte Leonin nichts Aehnliches erlebt - wie begierig sog er die Erschütterungen ein , die er dadurch erfuhr ! Die Thüren öffneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites geräumiges Gemach und , den Thüren gegenüber , ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhängen . Leonin war auch hier bis zur Thüre gefolgt ; aber von dem fungirenden Geistlichen beordert , gab ihm ein dienender Bruder die Weisung , den Kranken nicht durch seinen von ihm so heiß ersehnten Anblick in seiner geistlichen Fassung zu stören . Leonin sah die Thüren sich vor ihm verschließen . Betäubt lehnte er sein Haupt gegen die Pfosten - horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmäßig wiederkehrender Responsorien , welche die Mönche abhielten und damit den Fortgang der heiligen Handlung bezeichneten . In jedem Augenblicke entkörperte sich sein Zustand mehr und mehr . Er wähnte in die heiligen Beschwörungen , die in sein Ohr drangen , mit eingeschlossen zu sein - von ihnen fortgezogen , hatte sich sein deutliches Bewußtsein in ein unbestimmtes , inbrünstiges Verlangen nach dem versöhnenden Troste der Religion aufgelöst , und eine körperliche Erschöpfung vollendete einen augenblicklichen Stillstand seiner überspannten Lebensgeister . Erst , als seine Füße unter ihm wichen , erwachte er , und von einem Geräusche hinter sich erschreckt , raffte er sich zusammen und erblickte , sich umwendend , vor Lesüeur ' s Bilde den Knaben , der ihn geleitet , in Thränen auf seinen Knieen liegend und frische Frühlingsblumen davor ausbreitend . - Langsam folgte er der Richtung . Er stand vor Lesüeur ' s Bilde , ohne es anzusehn , den weinenden Knaben liebevoll betrachtend . Doch dieser war fertig oder wollte mehr Blumen suchen - er enteilte in den Garten . Leonin sank in einen Lehnstuhl , in dem Lesüeur vielleicht sein Bild vollendet hatte . Da glaubte er sanfte Musik sich nahen zu hören - horchend richtete er sich auf . - Großer Gott , Fennimor stand vor ihm ! - verklärt - auf lichten Wolken schwebend - um das weiße Unterkleid den blauen , duftigen Mantel mit Sternen auf den Schultern - die Märtyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesäumten braunen Locken - den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges - das süße Lächeln um den schönen Mund - den Palmenzweig in der zarten , weißen Hand ! Sie schwebte vor , wie es erschien ; der leichte , nackte Fuß berührte kaum den Rand der Wolken , die sie zu umwölben strebten . Sanft schien sie vorgebogen , den Palmenzweig - das Friedenszeichen - hülfreich bemüht der Welt zu bieten , Trost und Vergebung kündigend aus der Welt , aus der sie wieder nur gekehrt , Alle liebend einzuladen , die mühselig und beladen im Erdenjoche keuchten . » Fennimor , Fennimor , « rief Leonin und stürzte auf seine Knie - » Du ladest mich zum ewigen Frieden ! Zu Dir gehöre ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust - Du rufst mich zu unserer Heimat - hier bin ich ! Nimm '