der Scholastik , und zum Teil noch gleichzeitig mit den späteren Entwicklungen derselben durch Occam , auftrat , zeigt nun alle diese Elemente vereinigt , und zugleich das Ehrwürdige , wie das Subtile und Dürftige jener Richtung . Ganz bewußt , mathematisch-streng , nicht etwa schwachgemütlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke , von diesem gehn sie aus ; in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der Begriff , und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik , kurz jene Bilder sind nichts als gemalte Scholastik . Diese verfiel , der Glaube verlor von seiner Strenge , der Geist suchte in Freiheit sein Ziel , und konnte auf diesem Wege der ganzen Fülle der Realitäten nicht entbehren . Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode nach , von welcher Cimabue und Giotto die Anführer sind . Das Strengkirchliche tritt mehr und mehr zurück , Maria wird ein schönes , wunderbares Weib , Christus ein begeisterter Lehrer , statt der symmetrischen bildet sich die dramatische Gruppe aus , und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und triangulären Linien malen , so sind es doch Muskeln in Handlung , mithin nur Träger einer geistigen Bewegung . Auch hier ist es nicht die sinnliche Natur , welche gesucht wird , sondern der Geist spiegelt in ihr , welche alle Bilder wiedergibt , nur seine eigne Emanzipation ab . Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen nach und nach ab . Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie , wollüstiger Materialismus , kokettierende Selbstsucht . Alle diese Übel hat die Kunst mitgelitten . Wir sind nun auf dem Punkte angelangt , wo wir uns von geistiger Schwelgerei übersättigt fühlen , das heftigste Bedürfnis nach einem Obersten , Leitenden empfinden , und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen würden , wenn er nur dahin führte , in unsre Unordnung Ordnung zu bringen . Ich frage : Liegen einer solchen Stimmung die freien , sinnlichglänzenden Kunstwerke nahe ? Wird uns aus den fliegenden Gewändern , aus dem gefälligen Faltenwurfe , und den runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kälte entgegenhauchen ? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen , symbolischen Bildern empfinden ? - Und in diesem Sinne muß ich unsrer Freundin vollkommen recht geben , und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten , daß wenn in unsrer Zeit eine eigentlich große Kunst entstände ( was ich aber aus vielen Gründen für mehr als zweifelhaft halte ) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke Ähnlichkeit haben müßte . Diese Rede , welche manchen Widerspruch fand , wurde von Wilhelmi mit so geschickten und glänzenden Wendungen verfochten , daß er endlich alle Opponenten zum Schweigen brachte . Die Meyer genoß ihren Triumph , und holte leise ein paar uns noch unbekannte Täflein herbei , von welchen allerhand heilige Gestalten , so schmal , als man sie nur verlangen konnte , auf Goldgründen die Beschauer ansahn . Eine allgemeine Erbauung griff um sich ; man fragte die Besitzerin , aus welchem Kloster diese Schätze herrührten , welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem dreizehnten Jahrhundert zuschrieb . Unsre Wirtin lächelte und sagte : Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblühn einer großen Kunst unter uns , so viel ist aber gewiß , daß es Gemüter heutzutage gibt , in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert . Ja , meine Freunde , diese Tafeln , von welchen Sie glauben , sie seien ein halbes Jahrtausend alt , sind vor noch nicht zwei Monaten , und hier in meinem Hause gemalt . Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft , und fuhr fort : Ich halte einen frommen Jüngling bei mir verborgen , welcher diese Bilder verfertigt hat . Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft , und fühlte mich verpflichtet , ihm fortzuhelfen , da ich sah , daß der Geist der Väter auf ihm ruhe . Noch mehreres als dieses hat er bereits geliefert . Ich sehe Ihr Erstaunen über das wundersame Talent , und da wir so freundlich beisammen sind , so erlauben Sie mir , ihn unter Ihnen einzuführen , Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen . Gewiß , Sie werden ihn lieben und fördern , wie ich . Gegenwärtig malt er an einem Heilande , mit mystisch geschlitzten Augen , welcher die Welt segnet , überaus ähnlich einem lieben Bilde , dessen ich mich aus einer böhmischen Kirche erinnre . Wenn es Ihnen ebenso viele Freude macht , wie mir , das stille Weben des Genius zu belauschen , so folgen Sie mir zu jenem Schiebefensterchen , durch welches ich oft stundenlang , von ihm unbemerkt , in seine stille Werkstatt blicke , und meinem Angelo ( denn so nenne ich ihn wegen seines engelreinen Gemüts ) zusehe . Wir erhoben uns , und zufällig war ich in dem Zuge nach dem Schiebefenster der vorderste . Ich schob sacht das Vorhängelchen von den Scheiben hinweg , und sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners . Hier bekam ich aber etwas zu schauen , worauf ich keinesweges gefaßt war , und welches mir zugleich bewies , daß unsre Zeit wenigstens noch zwischen der Sehnsucht nach dem Symbolischen und dem Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne hält . In der Werkstatt lag nämlich auf einem dunkelroten Teppich , der über ein Ruhebett gebreitet war , ein schönes Mädchen , in dem Zustande , wie sie Gott der Herr erschaffen , und in der Stellung der Danae oder Leda ; denn der Einzelheiten erinnre ich mich so genau nicht mehr . Der Byzantiner stand neben ihr , mit Kohle und Malerstock bewaffnet , und rückte an ihren Gliedmaßen , um die Stellung noch natürlicher zu machen . Ich hütete mich wohl , meine Überraschung laut werden zu lassen , sondern trat , nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung genossen , still zurück . Nach mir gelangte ein Pietist zum