Abschiede noch freundlich hinauf grüßend , worauf ihm Graf Robert noch mit zärtlicher Besorgniß Warnungen zurief , die der junge Mensch lächelnd beantwortete , indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verließ . Trübe schlichen die Stunden vorüber , der Herbst war schon weit vorgerückt , feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekümmerten Gemüthe keinen Trost , so daß nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte . St. Julien kam , um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen . Er machte dem Grafen Robert Vorwürfe , daß er den jungen Gustav hatte abreisen lassen . Wir werden uns außerdem bald genug trennen müssen , sagte er , Du hättest doch gewiß einen andern finden können , der Deine Aufträge zu erfüllen im Stande wäre . Auch die Damen sind böse , daß Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast , und es wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen , und Du , nimm es nicht übel , Du bedarfst ihn am meisten . Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder , sagte der Graf lächelnd . Lieber Freund , erwiederte St. Julien ernsthaft , wenn man nur noch wenige Wochen zu leben hat , dann sind einige Tage viel . Du weißt , wir müssen uns bald trennen , und Gott weiß , wohin dann mich das Schicksal führt . Es scheinen sich neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen , und mir blutet das Herz , wenn ich denke , daß wir , die wir hier so glückliche Tage mit einander leben , uns nun trennen und vielleicht niemals wiedersehen , denn wer kann mit Bestimmtheit wissen , ob ich aus den Kämpfen , die sich zu entwickeln drohen , lebend wiederkehre . Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes , indem er liebevoll in die dunkeln Augen blickte , die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet waren , und der junge Wertheim sagte in der übereilten Hoffnung , daß sich vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen ließe : Wenn Sie Ihre deutschen Freunde so lieben , wie Ihre Worte zeigen , warum verlassen Sie denn nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz , den ich natürlich finde , und die späte Reue , zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben ? Beleidigt blickte St. Julien auf , doch die Flamme des Zornes verschwand , als sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete , und er erwiederte lächelnd : Es wäre unpassend , wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht auf den Ruhm legen wollte , der die französischen Waffen umgiebt , und der allein hinreichend wäre , Frankreichs Krieger an ihren großen Feldherrn zu fesseln ; aber ich frage Sie , Herr von Wertheim , wenn ich so glücklich wäre , von Ihnen sehr geliebt zu werden , ob Sie in dieser Neigung , wie mächtig sie auch wäre , einen Grund finden könnten , Ihren König , Ihr Vaterland , Ihre Sache zu verlassen , wenn sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln ? Auch denken meine deutschen Freunde zu gut von mir , fuhr er etwas empfindlich fort , als daß sie einen solchen Schritt je auch nur für möglich gehalten hätten . Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte , die nicht dazu dienten die Gemüther einander zu nähern , und der Graf Robert erinnerte endlich , daß es Zeit sei , sich in den Saal zu begeben , wohin ihn alle drei Freunde etwas mißmüthig begleiteten . Die Hausgenossen waren schon versammelt , und man nahm um so lieber zur Musik seine Zuflucht , da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht wollte durchführen lassen , weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden war . Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den Saal , und man sah es ihm an , daß er mit Ueberwindung den Schluß der Musik erwartete , weil er etwas auf dem Herzen hatte , das ihm wichtiger als alle Musik der Welt schien , und sein Bestreben , sich dem Grafen zu nähern , war so auffallend , daß selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte und dem Ende zueilte , ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen . Man hatte auch kaum geendigt , als die auffordernde Miene des Geistlichen den Grafen nöthigte aufzustehen und sich ihm zu nähern , worauf dieser ein scheinbar gleichgültiges Gespräch anknüpfte , indem er mit dem Grafen durch den Saal ging und dann , wie er glaubte , unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer führte . Als sie dieß erreicht hatten , ging der Prediger einige Mal auf und nieder , und der Graf brach endlich das Schweigen , indem er sagte : Sie haben vermuthlich etwas zu berichten , das nicht angenehmer Natur ist , denn sonst würden Sie , Herr Prediger , nicht so lange mit der Mittheilung zögern . Wenigstens sonderbar ist es , erwiederte der Geistliche , und ich befürchte , Sie werden von mir glauben , daß ich mich in Ihre Familienangelegenheiten einzumischen suche , und doch konnte ich es , vermöge meines Amtes , nicht ablehnen , da ich ersucht wurde , meine Kräfte anzuwenden , um Frieden zu stiften und wo möglich zu vereinigen , was so lange schon unnatürlich entzweit ist . Wie verstehe ich das ? fragte der Graf mit finstrer Stirn . Ich will es zugeben , sagte der Geistliche mit so mildem Tone , wie er ihn nur von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte , daß der Bruder Ihrer Frau Gemahlin Unrecht gegen seine Schwester geübt hat . Er gesteht dieß selbst ein mit herzlicher Reue , aber sollen deßhalb Geschwister einander ewig zürnen ? Beten wir nicht täglich : Vergib uns unsere Schuld , wie wir vergeben . Und soll dieß