gewöhnte , ihn als seinen liebsten Spielgefährten zu betrachten . So ordnete sich bald ein für Alle sehr genußreiches Zusammenleben ; nur Ottokars Nähe schien Hippoliten noch gefehlt zu haben , um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu heben , für welche seine Natur ihn bestimmte ; bei ihm fand er im glücklichsten Verein den würdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem Zartgefühl auf das innigste verbunden ; und während Ernesto Hippolits Geist , dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichthum ausstattete , den er selbst in so hohem Grade besaß , würkte Ottokar nicht minder wohlthätig auf sein Gemüth . Er verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden , welche er selbst mühsam errungen hatte , und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer , jeder Entsagung , welche das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch heischen mochte . So waren mehrere Wochen vergangen , während welchen sich Hippolit immer fester an Ottokar anschloß , als dieser zufällig von einer leichten Unpäßlichkeit gezwungen ward , einige Tage zu Hause zu bleiben . Hippolit eilte auf die erste Nachricht davon herbei und fand ihn allein , in einem abgelegnen Kabinett , zu welchem sonst jedermann der Zutritt versagt ward , und das auch selbst er noch nie vorher betrat . Eine einzige Zeichnung über dem Schreibtisch schmückte die mit grüner Seide ganz einfach bekleideten Wände des kleinen traulichen Gemachs , sie mußte dem Eintretenden gleich in die Augen fallen , und erstarrt , bleich wie ein Sterbender blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer väterlichen Burg stehen ; dem einzigen Angedenken von ihr , das Ottokar vor jedem fremden Blick hier wie ein Heiligthum aufbewahrte . Ottokar fuhr , über den Zustand seines Freundes erschrocken , vom Divan auf , auf welchem er lag . Er mußte ihn von einem plötzlichem Uebel befallen glauben und wollte ihm zur Hülfe eilen , als dieser in aller früheren , mühsam bekämpften Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte . » Ja Du bist es , « rief er , und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem schmerzlichen Ton dieser Worte , » Du bist es ! Wer anders konnte es seyn als Du ? Wie war es möglich , daß ich Dich nicht gleich erkannte ! Nun ist mir alles klar , ja nur Dich , nur Dich konnte Gabriele lieben , und nur Du konntest ihr entsagen . O ich Verblendeter ! Daß ich erst jetzt dieses weiß ! « Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen hörte . » Gabriele ! « rief er , » kennst Du Gabrielen ? Kennst Du dieß Schloß ? « » Ob ich es kenne ? ob ich Gabrielen , ob ich Schloß Aarheim kenne ? « antwortete Hippolit ; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen färbte die erblichnen Wangen in Purpurglut . Er sprang auf und riß sein Taschenbuch hervor , in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte , die er auf Schloß Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte . » Sieh her , « rief er , » blick her , und Du , Du bist ja Icilius , unverkennbar ; mein Gott ! wie gehen mir jetzt erst die Augen auf ! « Ottokar betrachtete das Blatt ; auch er erbleichte , tief erschüttert , und kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten ; denn eine Ahnung des ganzen Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen Zügen auf . Mit einer Art Beschämung fühlte er plötzlich , wie vergleichungsweise glücklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte , während sie den bittersten Kampf mit dem Leben bestand . Schweigend standen beide einige Minuten einander gegenüber , doch dem geprüften festeren Manne gelang es eher , Fassung zu erringen als dem wild bewegten , sturmvollen Herzen des Jünglings . Ottokar nahm ihn an seine Brust , wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind , er zog ihn zu sich , er sprach ihm liebkosend zu , mit seiner sanften beruhigenden Stimme . Hippolit erkannte die Töne , die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten , er konnte ihrem Zauber nicht widerstehen , sie beschwichtigten allmählig das Toben in seinem Innern , und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des innigsten Vertrauens . Ihre Seelen , alle ihre Gedanken ergossen sich in einander ; was nie über ihre Lippen gekommen war , gestanden sie sich hier , offen , wahr , ohne Rückhalt , alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde , die bei minder Vorzüglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hätte , verband sie einander für Zeit und Ewigkeit . Den ganzen Tag hindurch ließ Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von seiner Seite . Ernesto kam hinzu , es war unmöglich ihm , was vorgegangen , zu verhehlen , und er sah mit freudiger Rührung neues , ihm unerwartetes Heil aus einer Entdeckung entstehen , die er nur deshalb so ängstlich abzuwenden gesucht hatte , weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den Glauben an die hohe Reinheit des Gemüths gebracht hatte , die ihm doch hier , fast am Ende seiner Laufbahn , aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen strahlte . Ottokar nachzustreben , in allem nur Erreichbaren , war von nun an Hippolits felsenfester Entschluß . » Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen , « sprach er in einer ernsten Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto . » Auch ich entsage , ich der Ungeliebte , der , hoffnungsloser als je , doch ewig ihr Bild im Herzen tragen muß . Ich kann sie nie gewinnen , nun so sey all ' mein Streben , ihrer werth zu werden , wie Ottokar es ist . Kein Laut , kein Blick verrathe von nun an meinen stillen Schmerz