Vaters geblieben , der allerdings politischer Flüchtling ist . “ Raven runzelte die Stirn . „ Das war eine Unvorsichtigkeit , die ich bei Ihnen am wenigsten vorausgesetzt hätte . Sie mußten sich sagen , daß ein solcher Besuch nothwendig bemerkt und verdächtigt werden mußte . “ „ Es war ein Freundschaftsbesuch , nichts weiter . Ich kann mein Wort darauf geben , daß er auch nicht die entfernteste politische Beziehung hatte ; es handelte sich um reine Privatverhältnisse . “ „ Gleichviel , Sie haben Rücksicht auf Ihre Stellung zu nehmen . Die Freundschaft mit dem Sohne eines politisch Compromittirten könnte allenfalls noch als unverfänglich gelten , wenn sie Ihnen auch schwerlich als Empfehlung für Ihre Carriere dienen dürfte , den Verkehr mit dem Vater aber und den Aufenthalt in seinem Hause mußten Sie unter allen Umständen vermeiden . – Wie ist der Name jenes Mannes ? “ „ Doctor Rudolf Brunnow . “ Der Name kam fest und klar von den Lippen Georg ’ s , und jetzt war er es , der das Antlitz seines Chefs unverwandt beobachtete . Er sah , wie etwas darin aufzuckte , unheimlich und gewaltsam , wie eine jähe Blässe die ehernen Züge überflog und die Lippen sich fest auf einander preßten , aber das alles kam und ging mit Blitzesschnelle . Schon in der nächsten Minute siegte die Selbstbeherrschung des Mannes , der gewohnt war , seiner Umgebung stets ein unbewegtes Gesicht zu zeigen und für sie undurchdringlich zu sein . „ Rudolf Brunnow – so ? “ wiederholte er langsam . „ Ich weiß nicht , ob Excellenz den Namen kennen ? “ wagte Georg zu fragen , aber er bereute sofort seine Uebereilung . Die Augen des Freiherrn begegneten den seinigen , oder vielmehr , wie Gabriele zu sagen pflegte , sie bohrten sich so tief ein , als wollten sie die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen . Es lag ein finsteres , drohendes Forschen in diesem Blicke , welcher den jungen Mann warnte , auch nur einen einzigen Schritt weiter zu gehen ; er hatte das Gefühl , als stände er an einem Abgrunde . „ Sie sind mit dem Sohne des Doctor Brunnow eng befreundet ? “ begann der Freiherr nach einer secundenlangen Pause , ohne die letzte Frage zu beachten , „ also auch wohl mit dem Vater ? “ „ Ich habe ihn erst jetzt kennen gelernt und in ihm einen trotz mancher Schroffheit und Bitterkeit doch durchaus verehrungswürdigen Charakter gefunden , dem meine volle Sympathie gehört . “ „ Sie thäten besser , das nicht so offen auszusprechen , “ sagte Raven in eisigem Tone . „ Sie sind Beamter eines Staates , der über solche Persönlichkeiten ein für alle Mal den Stab gebrochen hat und sie noch jetzt unnachsichtlich verdammt . Sie können und dürfen nicht in vertraulicher Weise mit denen verkehren , die sich offen zu seinen Feinden bekennen . Ihre Stellung legt Ihnen Pflichten auf , vor denen derartige Freundschafts- und Gefühlsregungen zurücktreten müssen . Merken Sie sich das , Herr Assessor ! “ Georg schwieg ; er verstand die Drohung , die sich hinter dieser eisigen Ruhe barg ; sie galt nicht dem Beamten , sondern dem Mitwisser einer Vergangenheit , die Freiherr von Raven wahrscheinlich längst begraben und vergessen wähnte und die sich jetzt so urplötzlich vor seinen Augen erhob . Jedenfalls vermochte die Erinnerung daran den Freiherrn nicht länger als einen Augenblick zu erschüttern , und als er sich jetzt erhob und entlassend mit der Hand winkte , lag wieder der alte unnahbare Stolz in seiner Haltung . „ Sie sind jetzt gewarnt . Was bisher vorgefallen ist , mag als eine Uebereilung gelten ; was Sie in Zukunft thun , geschieht auf Ihre Gefahr . “ – Georg verbeugte sich schweigend und verließ das Gemach . Er fühlte wieder , wie so oft schon , daß Doctor Brunnow Recht gehabt , als er ihn vor der dämonischen Macht des einstigen Freundes warnte . Der junge Mann mit seinem hohen Ehrgefühl und seinen reinen Grundsätzen hatte sich nach jener inhaltschweren Eröffnung berechtigt geglaubt , den Verräther seiner Freunde und seiner Ueberzeugung aus tiefster Seele zu verachten , aber das wollte ihm nicht mehr gelingen , seit er wieder in den Bannkreis jener mächtigen Persönlichkeit getreten war . Die Verachtung wollte nicht Stand halten vor jenen Augen ; die so gebieterisch Gehorsam und Ehrfurcht heischten ; sie schien abzugleiten an dem Manne , der das schuldige Haupt so hoch und stolz trug , als erkenne er überhaupt keinen Richter über sich . So wenig sich Georg von der hohen Stellung und dem herrischen Wesen seines Vorgesetzten imponiren ließ , so wenig vermochte er sich dessen geistiger Ueberlegenheit zu entziehen . Und doch wußte er , daß ihm früher oder später ein erbitterter Kampf mit dem Freiherrn bevorstand , der mit der Entscheidung über die Zukunft Gabrielens auch sein Lebensglück in der Hand hielt . Auf die Dauer konnte das Geheimniß ja doch nicht bewahrt bleiben – und was dann ? Vor den Augen des jungen Mannes tauchte das Bild der Geliebten auf , die seit gestern mit ihm unter demselben Dache weilte , ohne daß es ihm möglich gewesen war , sie auch nur zu sehen , und daneben das eiserne , unerbittliche Antlitz dessen , den er soeben verlassen – er ahnte erst jetzt , wie schwer der Kampf war , mit dem er sich seine Liebe und sein Glück erobern mußte . Einige Wochen waren vergangen . Die Baronin Harder und ihre Tochter hatten die nöthigen Besuche zur Anknüpfung des gesellschaftlichen Verkehrs gemacht und empfangen , und Erstere bemerkte mit Befriedigung die große Rücksicht und Aufmerksamkeit , die man ihr um des Gouverneurs willen überall erwies . Noch mehr befriedigte sie die Entdeckung , daß ihr Schwager in der That nichts weiter von ihr verlangte , als die Repräsentation seines Hauses ; es wurden ihr keinerlei lästige und unbequeme Pflichten zugemuthet , wie sie im Anfange