Gästen nennen zu können . So geschah es , daß sie sich von nun an zuweilen am dritten Orte sahen ; bald aber kam er auch in ihr Haus , oft und öfter , zuletzt fast täglich , wenn auch nur auf Augenblicke . Was er für seine Vorlesungen , was er sonst zur Veröffentlichung niederschrieb , es war zuvor in geistigem Austausch zwischen ihnen hin und wider gegangen . Sie wurde allmählich sein Gewissen in diesen Dingen ; er konnte ihrer Bestätigung kaum noch entbehren . – Mittlerweile war ihr Kind geboren und nach kaum Jahresfrist wieder gestorben . Sie hatten sich dadurch unwillkürlich nur um so fester aneinandergeschlossen ; sie ahnten wohl selber kaum , daß ihr Verhältnis allmählich ein Gegenstand des öffentlichen Tadels geworden sei . Auch dem Gemahl der jungen Frau schien dies verborgen geblieben ; sein Amt vergönnte ihm nur geringe Zeit in seinem eigenen Hause ; er suchte überdies nicht dort , sondern in den tausend kleinen Dingen bei Hofe den Schwerpunkt seines Lebens . – Endlich , wie es nicht ausbleiben konnte , kam ihnen selbst der Augenblick plötzlicher Erkenntnis . – Sie sah es noch , wie er damals die Blätter , aus denen er ihr gelesen , zusammenrollte , wie seine Hand zitterte und wie er durch die Tür verschwand . Kein Wort einer schmerzlichen Erklärung war zwischen ihnen laut geworden ; aber sie wußten es beide , er , daß er nicht wiederkehren dürfe , sie , daß er nicht wiederkehren würde . – – Es war zu spät gewesen . Rastlos und heimlich hatte das Gerücht geschafft , und schon war auch das letzte Körnchen zugetragen , das die über ihren Häuptern drohende Lawine herabstürzte . Sie mußte in eine Trennung von ihrem Gemahl willigen ; seine Stellung zum Hofe und zur Gesellschaft verlangten das . – Öde , trostlose Tage folgten . – – – – – – – – – – Rudolf hatte die Geschichte seiner Verwandten gelesen , soweit jene Blätter sie enthielten . Er blickte durch das Fenster den Buchengang hinab . Dort am Ende desselben hinter der Lindenallee lag der Tannenwald , in dem damals um einen ihm unbekannten Menschen von niedriger Herkunft ihre heißen Tränen geflossen waren . – » Und wie kam es dann später ? « fragte er nach einer Weile , während er die Blätter aus der Hand legte . Sie blickte auf , als müsse sie erst den Sinn zu dem Wortlaute finden , der eben an ihr Ohr gedrungen war . » Dann « , sagte sie endlich – » dann kam ein Augenblick der Schwäche . « Rudolf nickte . » Ich weiß , du hast ihn wiedergesehen . « Eine dunkle Röte bis unter das schwarze Haar überlief ihre Stirn . » Nein « , sagte sie » das war es nicht . Aber ich war so jung ; ich duldete es , daß mich mein Vater einem fremden Mann zur Ehe gab . « » Noblesse oblige ! « erwiderte er leichthin . » Was hätte denn geschehen sollen ? « » Sprich nicht so , Rudolf ; die Anmaßung wird nicht schöner dadurch , daß man sie als ein apartes Pflichtgebot formuliert . « » Es hat sich so gefügt « , sagte er mit einer gewissen Strenge , » daß du durch diese Grundsätze gelitten hast . « Sie nickte . » Oh « , rief sie , » ich habe gelitten ! Und nach Jahren , als mein Herz bitter und mein Sinn hart geworden – es ist wahr , wir haben uns wiedergesehen ; und jene armselige Ehe ist darüber fast zerbrochen . – Aber – sie logen , sie logen alle ! « Sie war aufgesprungen und preßte zitternd ihre Hände gegeneinander . – » So « , rief sie , » so , Rudolf , habe ich mein Herz gehalten . « » Und doch « , erwiderte er , » ich lebte damals viele Meilen von deinem Wohnorte , und doch habe ich auch dort gehört , wie sie es sich gierig in die Ohren raunten . « Er verstummte plötzlich , als habe er zuviel gesagt . Aber sie blickte ihn finster an . » Sprich nur « , sagte sie ; » ich weiß es alles , alles ! « Er sah ihr voll leidenschaftlicher Spannung in die Augen . » Und jenes Kind ? « fragte er endlich . » Es war das meine « , sagte sie , und ihre Stimme bebte vor Schmerz . » Das deine ; – und nicht auch das seine ? « Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an , während eine Flut von Tränen über ihr Gesicht stürzte ; Trotz und Verachtung gegen die Menschen , die sie besudeln wollten , fraßen an ihrem Herzen . » Nein , Rudolf « , rief sie , » leider nein ! « – Einen Augenblick stand sie hoch aufgerichtet ; dann warf sie sich in den Lehnstuhl und drückte beide Hände vor die Augen . Der junge Mann war neben ihr aufs Knie gesunken ; sein Blick ruhte angstvoll auf ihren blassen Fingern , durch welche immer neue Tränen hervorquollen . Einmal erhob er die Hand , als wolle er die ihrigen herabziehen ; aber er ließ sie wieder sinken . – Als sie ruhiger geworden , ließ sie einige Sekunden ihre Augen auf dem jungen Antlitz ruhen , aus dem die Anbetung wie ein Opfer zu ihr emporstieg . Bald aber lehnte sie den Kopf zurück und starrte mit zusammengezogenen Brauen gegen die Zimmerdecke . » Geh jetzt , Rudolf ! « sagte sie leise . Der junge Mann ergriff die Hand , die wie leblos in ihrem Schoße lag , und küßte sie . Dann stand er auf und ging . Es war dämmerig geworden ; ein greller Abendschein leuchtete an der Wand ; aber in den Ecken und am Kamin dunkelte es schon , und allmählich