Setzt Euch neben mich . « Jenatsch betrachtete begierig die vorzügliche Etappenkarte und fand sich schnell zurecht . Er entwarf dem Herzog mit wenigen scharfen Zügen ein Bild der geographischen Lage seiner Heimat und ordnete ihr Tälergewirr nach den darin entspringenden und nach drei verschiedenen Meeren sich wendenden Strömen . Dann sprach er von den zahlreichen Bergübergängen und hob , sich erwärmend , mit Vorliebe und überraschender Sachkenntnis deren militärische Bedeutung hervor . Der Herzog war mit sichtlichem Wohlgefallen und steigendem Interesse der raschen Auseinandersetzung gefolgt , jetzt aber erhob er sein mildes , durchdringendes Auge zu dem neben ihm stehenden Bündner und ließ es nachdenklich auf ihm ruhen . » Ich bin ein Kriegsmann und rühme mich dessen « , sagte er , » aber es gibt Augenblicke , wo ich diejenigen glücklich preise , die dem Volke predigen dürfen : › Selig sind die Friedfertigen . ‹ Heutzutage darf nicht mehr dieselbe Hand das Schwert des Apostels und das Schwert des Feldherrn führen . Wir sind im Neuen Bunde , Herr Pastor , nicht mehr im Alten der Helden und Propheten . Die Doppelrollen eines Samuel und Gideon sind ausgespielt . Heute warte jeder in Treue des eignen Amtes . Ich achte es für ein schweres Unglück « , hier seufzte er , » daß in meinem Frankreich die evangelischen Geistlichen durch ihren Eifer sich hinreißen ließen , die Gemüter zum Bürgerkriege zu erhitzen . Sache des Staatsmannes ist es , die bürgerlichen Rechte der evangelischen Gemeinden zu sichern , Sache des Soldaten , sie zu verteidigen . Der Geistliche hüte die Seelen , anders richtet er Unheil an . « Der junge Bündner errötete unmutig und blieb die Antwort schuldig . In diesem Augenblicke erschien der Page mit der ehrerbietigen Meldung , die Reisebarke des Herzogs sei zur Abfahrt bereit , und Rohan beurlaubte die Freunde mit einer gütigen Handbewegung . Auf dem Heimritte erging sich Waser in Betrachtungen über die politische Rolle des Herzogs , der gerade damals seinen protestantischen Mitbürgern in heimischer Fehde einen ehrenhaften Frieden erkämpft hatte . Er meinte , freilich werde derselbe von kurzer Dauer sein und fand Gefallen daran , die Lage Rohans und der französischen Reformierten seinem Freunde mit den dunkelsten Farben zu malen . Er schien etwas empfindlich und verdüstert , daß seine Person vor dem Herzog neben Jürg sehr zurückgetreten , ja gänzlich verschwunden war . – Seit Heinrich IV. , behauptete er , setze sich die französische Politik zum Ziele , die Protestanten in Deutschland gegen Kaiser und Reich zu schützen , den Reformierten im eigenen Lande dagegen den Lebensnerv zu durchschneiden . Sie trachte , durch Wiederherstellung der staatlichen Einheit Kraft zum Vorstoß nach außen zu gewinnen . Es ergebe sich daraus das seltsame Verhältnis , daß die französischen Protestanten unterliegen müßten , damit den deutschen die diplomatische und militärische Hilfe Frankreichs , deren sie höchlich bedürften , gesichert bleibe . – So schwebe über dem Herzog trotz der Hoheit seiner Stellung und seines Charakters das traurige Verhängnis , seine Kraft in unheilbaren Konflikten aufzureiben und am Hofe von Frankreich immer mehr den Boden zu verlieren . Jetzt bringe er wohl Weib und Kind nach Venedig , um bei dem nächstens neu ausbrechenden Sturme freiere Hand zu haben . » Du bist ja ein durchtriebener Diplomat geworden ! « lachte Jenatsch . » Aber findest du es nicht in dieser Ebene entsetzlich schwül ? Dort steht eine Scheuer ... wie wär ' s , wenn wir unsere Tiere eine Weile im Schatten anbänden und du dein weises Haupt ins Heu legtest ? « Waser war einverstanden und in kurzer Frist hatten sich beide auf das duftige Lager ausgestreckt und waren entschlummert . Als der junge Zürcher erwachte , stand Jenatsch vor ihm , mit spöttischen Blicken ihn betrachtend . » Ei , Schatz , was schneidest du denn im Schlafe für verklärte Gesichter ? « sagte er . » Heraus mit der Sprache ! Was hast du geträumt ? Von deinem Liebchen ? « » Von meiner innig verehrten Braut , willst du sagen . Das wäre nichts Ungewöhnliches ; aber ich hatte in der Tat einen wunderbaren Traum ... « » Jetzt weiß ich ' s ... Dir träumte , du seiest Bürgermeister von Zürich ! « » So war es ... merkwürdigerweise ! « sagte Waser sich sammelnd . » Ich saß in der Ratsstube und hielt Vortrag über Bündnerdinge – über die Bedeutung der Feste Fuentes . Als ich geendet , wandte sich das nächstsitzende Ratsglied gegen mich mit den Worten : › Ich bin ganz der Meinung Seiner Gestrengen des Herrn Bürgermeisters . ‹ Ich sah mich nach diesem um ; aber siehe , ich saß selbst auf seinem Stuhle und trug seine Kette . « » Auch mir hat geträumt « , sagte Jenatsch , » und recht seltsam . Du weißt , oder weißt nicht , daß in Chur ein ungarischer Astrolog und Nekromant sein Wesen treibt . Mit diesem Gelehrten hab ich mich während der letzten langwierigen Synode nächtlicherweile eingelassen , um zu sehen , was an der Sache sei . « » Um Himmels willen , Astrologia ! . . . Und du bist ein Geistlicher ! « rief Waser entsetzt . » Sie vernichtet die menschliche Freiheit und diese ist die Grundlage aller Sittlichkeit ! – Ich bin ein entschiedener Bekenner der menschlichen Freiheit ! « » Das ist brav von dir « , fuhr der andere unbeirrt fort . » Beiläufig gesagt , es gelang mir nicht , aus dem Hexenmeister etwas Festes und Faßbares herauszubringen . Entweder wußte er nichts , oder er fürchtete von mir verraten zu werden . – Vorhin im Traume aber sah ich den Mann wieder vor mir und setzte ihm in zorniger Ungeduld den Dolch auf die Brust , um mein Schicksal zu erfahren . Da entschloß er sich , es mir zu zeigen , und zog mit den feierlichen Worten : › Dieser ist dein Schicksal ! ‹ den