der Frömmigkeit , mit welcher der Scheinheilige auf sündige Buhlschaft ritt – ganz anders als mein fürstlich frecher und minnedurstiger Herr – und doch übermannte mich ein Mitleid mit dieser getäuschten Andacht und dann eine plötzliche Furcht , der Blasse dort , dessen Wesen mir von jeher eine mir ungewohnte Scheu angehaucht hatte , möchte den Raub seines Heiligtums an uns , meinem König und mir , insgeheim , aber unerhört und grausam rächen . In diesem Augenblicke zeigte sich die senkrechte , tiefe Staatsfalte wieder zwischen den feinen Brauen des Kanzlers . Herr Thomas trieb sein Pferd an , nicht von Ungeduld befallen , sondern von einer aufsteigenden Sorge , wie mir schien . Wieder stand die Sichel eines neuen Mondes am Himmel , als ich zum andern Male auf diesen Wegen vom Tag ereilt wurde . Der König hatte gegen Mitternacht von seiner Buhle Abschied genommen , denn es stand seine Reise nach der Normandie bevor , mich dann aber , an der Grenze des Forstes angelangt , wieder zurückjagen lassen mit der Botschaft , er begehre sie noch einmal zu umfangen und werde morgen wiederkommen . Nach ausgerichtetem Auftrage ritt ich müde und schläfrig durch den schon herbstfeuchten Wald zurück . Während mein schreitender Gaul die gelben Blätter von den Zweigen strich , hatte ich trübselige Gedanken über die Vergänglichkeit des irdischen Wesens , wie sie mir gewöhnlich sind , wann ich die bleichen Lichter der Zeitlosen auf den Wiesen erblicke . Ein helles Gewieher in nächster Nähe erweckte mich aus meiner Schwärmerei . Nach einer Wendung des Pfades erblickte ich einen gesattelten Gaul , der an das Gehege des Meierhofes gebunden stand . Ich gleite vom Pferde , führe es ins Dickicht und spähe , geräuschlos zurückgeschlichen , über den hohen Zaun des Gehöftes . Drinnen verkehrte mit dem ihn mißtrauisch betrachtenden Meier ein hagerer geharnischter Gesell , der mir erst den Rücken zuwandte , dann aber mitten im Gespräche rasch den Kopf drehend , gerade in der Richtung des Schlößchens , den scharfen Haken seines Raubvogelgesichtes zeigte . Ich erkannte den Geier , suchte meinen Gaul und setzte ihn in Galopp . Niemand anders umkreiste das Lustrevier meines Königs als der Normanne Malherbe , mir verhaßter seit Hildes Entführung als jener Kriegsknecht auf dem Passionsbilde zu Allerheiligen , welcher unserm Herrn und Heiland ins Gesicht speit und gegen den ich schon auf Kindesbeinen einen besonderen Grimm verspürte . Der Kanzler hatte den Verworfenen aus seinem Gefolge entfernt und es verlautete , er habe bei Frau Ellenor Dienst und Gunst gefunden . Ich sah , was da bevorstand . Erfuhr Frau Ellenor das Versteck der Waldelfe , so wettete ich keinen Pfennig auf ihr zartes Leben . Als ich dem Könige von dieser schlimmen Begegnung Bericht gab , schoß ihm das Blut dunkelrot zu Kopfe vor Zorn und Liebe . › Wir müssen mit der kleinen Dame über Meer ‹ , sagte er und runzelte die Brauen . › Und zur Stunde ! Bevor der Habicht die Taube zerfleischt ! ‹ Er befahl mir auf den Abend drei gesattelte Rosse und für ihn eine unscheinbare Tracht bereitzuhalten . Es war schon dunkel , als der erst spät vom Kanzler freigelassene Herr Mantel und Kappe ergriff und sich zu Pferde warf . Nach einer Stunde scharfen Rittes , schon fast auf der Hälfte des Weges , winkte er mich an seine Seite und sagte mir , ich kehre in der Frühe nicht mit ihm zurück , sondern habe morgen in dem Schlößchen zu bleiben und die Herrin mit einer Zofe nach eingebrochener Nacht auf seine nächste Burg zu bringen , von wo er sie werde über Meer geleiten lassen . Rasch waren wir am Ziel . Der Herr fand für sein Haupt einen weichen Pfühl und ich am Fuße der Mauer einen harten , den Sattel meines Pferdes , dem ich mit den zwei andern eine nächtliche freie Weide gönnte . Als sich die nebelfeuchten Wipfel des Waldes vergoldeten und ich eben die drei Tiere wieder eingefangen hatte , trat der König aus der Pforte und an seinem Arme hing ein liebliches Geschöpf nicht über fünfzehn Jahre alt . Das schönste Mädchenhaupt , das ich je erblickt habe , lehnte an der Schulter des Königs und heftete auf seine lusttrunkenen Augen zwei flehende und furchtsame Rabenschwarze Haare , von einem goldenen Stirnreif zusammengehalten , flossen aufgelöst über die zarten Schultern und Hüften nieder bis fast zur Erde . Sie war in Tränen und Herr Heinrich sprach ihr Mut ein . › Ich lasse dir diesen hier . Er ist mein treuer Knecht und wird dich hüten wie seinen Augapfel . Laß dich heut abend ohne Furcht zu Rosse heben . Es muß sein , ich will es , Grace ! Ein kurzes , und wir sind unter einem warmen Himmel wiedervereinigt . ‹ Er küßte sie , schwang sich zu Pferde und sprengte von dannen , wahrend ihm das Kind mit beiden Armen Grüße nachsendete . Mir aber war alles Blut aus dem Herzen gewichen . Die Wahrheit durchfuhr mich wie ein scharfer Strahl . Vernehmt es : der König hatte den Kanzler nicht bei einer prächtigen und ehrgeizigen Schönheit ausgestochen , Leid und Sünde ! er hatte sich an des Thomas Becket unschuldigem Kinde vergriffen . Wißt : Gnade , wie sie der König genannt hatte , war des Kanzlers leibhaftiges Ebenbild , soweit ein junges unwissendes Antlitz einem erkälteten und welterfahrenen gleichen kann . Der edle Zug seiner Brauen , seine dunkeln , schwermütigen Augen , das ernste Lächeln seines Mundes , die Sanftmut seiner Gebärde – da war kein Zweifel : Gnade , zu jung , um des Kanzlers Schwester zu sein , war sein eigen Fleisch und Blut . Herr Heinrich , ein christlicher König , hatte schlimmer als heidnisch an einer unmündigen Seele und einem kaum reifen Leibe gesündigt . Obgleich ein armer Knecht , zürnte ich mit meinem Herrn und meine Fäuste ballten sich , als hätte man mir das eigene