Fragen , Und eine Lösung ist noch nicht vorhanden . Erlauchte Prinzen , laßt Euch nicht verdrießen , Auch eures Witzes Bolzen abzuschießen . Komm , Brüderchen ! Die Königin von Ferrara gebietet . « Er faßte Don Giulio unter dem Arme und lud den Herzog und den Kardinal mit einer gezierten Handbewegung zum Vortritte ein . 6. Kapitel Sechstes Kapitel Während die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen durch den langen Mittelgang des Gehölzes schritten , stellte sich das darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger Begrüßung auf , wenn es sich nicht in anständiger Flucht auf Nebenpfaden , die zu irgendeiner geheimen Lästerbank führten , ins Dickicht verlor . Wer von ihnen hätte begreifen können , daß der Mann im Purpur mit dem bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zügen , wie sie große politische Geschäfte ausprägen , gleich einem Verdammten leidend , in den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mädchens lag . – Unglaublich . – Ähnliches sagte sich der Herzog , und der Kardinal erriet dieses schweigende Urteil . » Keine Sorge , Bruder « , begann er beschwichtigend , » wegen meiner und des Mädchens ! Ich überwinde ... eines von beiden : mich oder sie ! Nur Don Giulio muß aus der Mitte geworfen werden . Und du schaffst mir ihn weg , den mit den vorwurfsvollen Augen ! « Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden verwundert an . Dann warf er einen Blick rückwärts nach den ihm folgenden Brüdern und sah Don Ferrante , der den Gehaßten fast gewaltsam vom Wege in das Gebüsch zog . » Sieh dich um « , sagte er zum Kardinal . » Dort schleppt der Verschwörer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck , um ihn in eines seiner närrischen Komplotte gegen uns einzuweihen . Zu solchem Verrat aber , das mußt du mir zugestehen , gibt sich der leichtherzige Knabe nicht her . « » Je nach Umständen ! « zischte der Kardinal . Dann raffte er sich selbst und die Falten seines Purpurs zusammen , denn sie näherten sich dem Kreise der Herzogin . Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten Laubdache verfangen . Es war unerträglich dumpf , und wo der Horizont zwischen den Stämmen sichtbar wurde , regten unaufhörlich die lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen . In dem dämmernden Boskette des gefesselten Cupido erhob sich beim Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen ; nur die Herzogin , zu deren Füßen Angela sich barg , blieb auf ihrer Bank ruhen , dem Herzog neben sich Raum gebend . Der Perser Emin aber stand an den ehernen Cupido gelehnt , den Kreis mit orientalischen Märchen , wie es dem Herzoge schien , unterhaltend , während Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl mit dem richtigen italienischen Ausdruck unterstützte . » Wovon war die Rede , Madonna ? « fragte der Herzog . » Herr , davon « , erwiderte sie , » wie es möglich sei , daß gewisse Lichtgestalten , die in ihrer Glorie schützend über uns stehen , auch in fremde Länder und auf andersgläubige Völker ihre Strahlen werfen , wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewässers gebrochen . Davon hat uns Ben Emin eben ein schönes persisches Beispiel erzählt . « » Ich errate « , sagte Don Alfonso , den die Frage anzuziehen schien . » Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenländische Sage kommt vor . Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke . Diese freilich haben unsere Dichter – und nicht am unschuldigsten jener dort , der seine lustigen Augen hinter Cupido verbirgt – schon so abenteuerlich verkleidet , daß den Persern wenig mehr zu tun übrigbleibt . « » Auf falscher Fährte , Herzog ! « lächelte Donna Lucrezia . » So sind es denn die großen Staufen « , riet der Herzog weiter , » der Rotbart und sein Enkel , der ungläubige Friedrich , welche beide freilich den Morgenländern ihre natürlichen Angesichter gezeigt haben , und die sie nach dem Leben abbilden konnten . « » Immer weiter weg ! « schüttelte Lucrezia das leichte Haupt . » Doch , ich fürchte , selber habe ich Euch irre geführt , indem ich einen ganz Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und das Heiligste selbst in unser weltliches Gespräch verflocht . Weder Karl den Großen und seine Paladine , noch die Staufen nannte Ben Emin , sondern unsern Herrn Christus selbst . Verzeiht meiner Unvorsicht ! Es ist ferne von mir , die Kirche zu entweihen , in deren Kreis ich durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein Heil verhoffe . Die Barmherzigkeit des Himmels , die sich in Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt , das ist auch der Inhalt der persischen Erzählung , die mich verführte . Doch ich werde unklar . Höret und urteilet selbst . Ben Emin berichtet : Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jüngern aus dem Tore einer Stadt . An der Landstraße lag in der Sonne ein toter Hund , dem die Jünger mit Ekel und Schmähungen auswichen . Der Heiland aber blieb bei dem Aase stehen , und , das einzige , was daran rein geblieben war , hervorhebend , sprach er : › O sehet , wie blendend weiß seine Zähne sind ! ‹ « Die Hofleute , welche eine Erzählung im Geschmacke des Boccaccio vorgezogen hätten , fanden diese persische Legende befremdend , ja unanständig ; der Herzog aber schwieg . Donna Lucrezia , die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte , redete in bewegter Stimmung weiter : » Und ist es nicht seltsam , mein Herzog ! Wie auf einer kostbaren Tapete , gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler , wird auf der Rückseite , ich meine in der heidnischen Überlieferung , zwar nicht das volle Bild des Weltheilandes , aber doch die Purpurfarbe seiner Barmherzigkeit sichtbar ! Die heidnische