unter fremden Leuten weiß … sie ist ja so absonderlich ; es wird Niemand die Geduld mit ihr haben , wie ich , und sie wird schlecht behandelt . “ Jacob ’ s Frau , eine sehr praktische Natur , beleuchtete die Sache von einer anderen Seite und meinte , das könne vielleicht dem Lenchen sein Glück sein . Die Seejungfer habe ja auch nicht das ewige Leben , und dann müsse das Mädchen doch hinaus . Davon aber wollten weder Suschen , noch Jacob Etwas hören , und letzterer versprach der geängsteten allen Jungfer , heute Abend noch ins Kloster zu kommen und Lenchen den Kopf zurecht zu setzen , wie er sich ausdrückte . Die Seejungfer hatte nicht übertrieben , wenn sie Magdalenen gänzlich umgewandelt nannte … Wo war die Elasticität ihrer Bewegungen geblieben ? Jene sichere , stolze Haltung des Kopfes , die an ihr stets auffallen mußte und die im Verein mit den ausdrucksvollen Gesichtszügen und dem eigenthümlich bewußten Blick auf eine große geistige Kraft schließen ließ ? … Das Aussehen des jungen Mädchens schien selbst den Klosterbewohnern aufzufallen ; denn heute , als sie der Muhme den Waschkorb bis an das äußere Thor getragen hatte und nun über den Hof langsam zurückkehrte , da schob der Nachbar , ein fleißiger Leinweber , sein Fenster auf und rief : „ Na , Lenchen , Du bist wohl so traurig , weil die ungezogenen Kinder das alte Muttergottesbild aus dem Kreuzgang drüben , Deine Marie , vor der Du so oft sinnend gesessen hast , von dem Postamente heruntergeworfen haben ? “ Magdalene sah auf , als erwache sie aus einem Traume ; er aber sagte : „ Nun ja , wenn Du ’ s noch nicht weißt , da gehe einmal hinein – ich hab ’ s heute Morgen gesehen . “ Auf des Leinwebers Mittheilung hin öffnete Magdalene die Thür und sah auch schon von Weitem das Marienbild vor dem Postament liegen . Vor einigen Wochen noch , als einer der Knaben hinaufgeklettert war und im Begriff stand , das hölzerne Gesicht [ 596 ] mit schwarzen Augenbrauen und einem eben solchen Bart zu versehen , hatte sie dem kindlichen Vandalen eine so leidenschaftliche Strafpredigt gehalten und ihn mit so zornigen Augen dabei angesehen , daß er erschrocken davongelaufen war . Heute aber hob sie still und geduldig das geschändete Bild auf , wischte die Erde aus dem Gesicht und lehnte es sorgfältig in die Ecke neben das Postament . Dann schritt sie langsam durch den großen , offenen Bogen hinaus auf den Rasenplatz , der , von Kirche und Kloster rings eingeschlossen , einsam und sonnenbeschienen dalag … Wie oft war sie flink über diesen Grasfleck weggehuscht , um gewandt auf einigen Mauervorsprüngen nach dem offenen Kirchenfenster zu klettern , in welchem sie verschwand . Dann war sie allein in der schaurig stillen Kirche ; nichts störte sie , als der Schall ihrer eigenen Schritte , oder das Gezwitscher eines Vogels , der sich draußen auf dem Hollunderbusch niederließ , neugierig den Kopf in die düsteren , kühlen Hallen steckte und dann erschrocken davon flog , um sich aufs Neue im Sonnenglanz zu baden . Hier unter diesen gewaltigen Säulen athmete sie auf , und ihrer im engen Stübchen mattgedrückten Seele wuchsen die Schwingen … Ihre Phantasie beschwor die Zeiten heraus , wo noch der Weihrauch durch diesen Raum fluthete , wo die Hora klang und prächtige Meßornate am Hochaltar schimmerten . Sie sah bleiche Nonnengesichter an der zertrümmerten Orgel sitzen und mit bebenden , blassen Händen die vergilbten Tasten berühren … wie manchmal mochten diese Töne den Schmerz eines heißen , gewaltsam unterdrückten Herzens ausgehaucht haben … Sie beobachtete die Sonnenstrahlen , wie sie durch die Reste der bunten Glasmalerei im hohen Fensterbogen glitten , die Farbenpracht zitternd auf die schlanken Säulen warfen und sie hinauftrugen in die kunstvollen Schnörkel und Rosetten der Knäufe , die wohl seit dem letzten Meißelschlag des längst in Staub und Asche zerfallenen Meisters keine Menschenhand wieder berührt hatte . Stundenlang konnte sie neben jenem alten Madonnenbilde sitzen und sich in die Heimath träumen , wo sie Tausende in heißer Inbrunst vor einem solchen Bild hatte knieen sehen , wo ihr Vater nie vorübergegangen war , ohne ehrfurchtsvoll das Haupt zu entblößen und gläubig das Zeichen des Kreuzes zu machen . … An alle diese Dinge aber schien Magdalene in diesem Augenblick nicht zu denken . Es war , als bebe sie fröstelnd vor den dunklen Kirchenmauern zurück und als fühle sie zum ersten Mal die todtenähnliche Stille des verlassenen Tempels , der im glühenden Sonnengold dalag wie ein riesiger Leichnam unter Purpur und goldenen Decken . Sie hatte sich , den Rücken nach der Kirche gewendet , unter einen alten Apfelbaum gesetzt , auf dessen verwittertem Stamm sich nur noch ein einziger , aber breiter und voller Ast wiegte . Lang aufgeschossene Gräser , an denen grüngoldene Käfer geschäftig auf- und abliefen , bogen ihre befiederten , blühenden Spitzen an ihre Kniee , und eine zahlreiche Familie großer Camillen duftete zu ihren Füßen . … Und wenn sie nun Muhme , Kloster und Stadt verließ ; wenn sie hinausging in die weite Welt , über dem Haupt mit den quälenden Gedanken einen anderen Himmel ; wohin sie blickte , fremde Gesichter , auf denen nichts Wohlbekanntes stand ; ihr ungestümes Herz inmitten einer Menschenfluth , die achtlos vorüber brauste , nichts von ihr nahm und nichts zurückgab – ja , das gerade wollte sie , allein sein , nichts mehr hören vom Vergangenen , keinem liebevoll und ängstlich fragenden Blick begegnen … vergessen , vergessen ! Darin lag die Heilung eines plötzlich aufgerüttelten Herzens , das im Riesensturm ungeahnter , neuer Empfindungen ihr ganzes Inneres aus den Fugen zu reißen drohte … Wohl fielen die Thränen der alten , treuen Muhme schwer in die Wagschale und rissen an tausend zarten Fäden ihrer Seele ; aber wie klein war dieser Schmerz gegen die Qual , die sie sich