ohne dich elend werden muß . Da hat der kindliche Gehorsam ein Ende , wenn die Eltern , an einem Vorurteil hängend , das ganze Lebensglück der Kinder zerstören wollen . « » Ach , Joseph , deine Mutter ist nicht allein zu berücksichtigen – auch die meine . Sie ist streng rechtlich und wird mir sagen – ich weiß es vorher , denn mir sagt es mein Gewissen , und das spricht stets wie sie – , es sei Sünde , einer so vortrefflichen Mutter den Sohn zu entreißen ; und dann wird sie sich anklagen und sich namenlos unglücklich fühlen , durch eine vorschnelle Handlung – denn das ist doch wohl die Aufnahme des Kindes in unser Haus – sowie durch den schrecklichen Verdacht , der auf ihr ruht , dich und mich elend gemacht zu haben . Aus dem Grunde , Joseph , darf meine Mutter nie erfahren , was zwischen uns abgemacht war , und wir ... wir wollen das auch zu vergessen suchen . « Joseph stand erst wie versteinert , dann schleuderte er Maries Hand , die sie ihm tiefbewegt bot , von sich und stieß ein so entsetzliches Lachen aus , daß das junge Mädchen schauderte . » Wie du das so leicht sagst ! « knirschte er . » Ich möchte es nicht einmal denken , weil es mich um den Verstand bringt ... und du ? ... Ja , ja , du hast mich gern , aber wie ? ... Wenn sich die Verhältnisse dieser Liebe nicht gleich anpassen lassen , so streift man sie ab , wie einen Rock , den der Schneider nicht recht gemacht hat ... Ha , ha ... vielleicht hast du auch über Nacht dein Gelöbnis bereut – schwach sind die Weiber alle ! « » Joseph , Gott mag dir vergeben ! – Du versündigst dich grausam an mir ! « » So ? ... Ich soll wohl auch noch die Hand streicheln , die mich umbringt ? « » Ich bitte dich um Gottes willen , mäßige dich ! « » Nein und abermals nein ! ... Du freilich kannst nicht begreifen , was ich leide . Dir genügt die Erfüllung deiner Pflichten . Da kommt zuerst deine Mutter , dann die meine , dann kommen ganz wildfremde Menschen , und zuletzt bleibt ein armseliges Plätzchen für mich , wofür ich mich auch noch schön bedanken soll ... Du hast gelogen , hast schändlich an mir gehandelt ! Du bist eine Heuchlerin , die kein Herz hat ... aber du sollst mich kennenlernen ... du gehörst mir für Zeit und Ewigkeit ! ... Denke ja nicht , daß du je in deinem Leben loskommst – eher gibt es Mord und Totschlag ! « Marie ließ diesen Sturm der Leidenschaft widerstandslos über sich dahinrasen . Jedes beschwichtigende Wort entflammte Josephs Wut immer mehr und brachte ihn außer sich . Auch schwand ihre künstlich aufrechterhaltene Ruhe immer mehr vor der Macht dieser Leidenschaft , deren Höhe sie nicht geahnt hatte ... Gerechter Gott , wie wurde sie geliebt ! ... Und diesem Glück sollte sie entsagen ? ... Es war ein übermenschliches Opfer , und doch mußte es gebracht werden . Sie durfte Joseph unmöglich in dem Vorsatz , seine Mutter zu verlassen , bestärken , und daß diese wiederum nicht nachgeben würde , das wurde ihr aus seinem Reden klar ... Sie konnte und durfte ja der alten Frau nicht einmal unrecht geben , denn einen geachteten , unbescholtenen Namen mit einem befleckten zu verbinden , davor wird selbst die mildeste Denkungsweise zurückbeben ... Sie durfte mithin nicht schwanken in ihrem Vorsatz – ohne alle Hoffnung aber konnte sie Joseph auch nicht von sich stoßen – bei seinem Ungestüm ließ sich in dem Fall irgendein verzweifelter Schritt voraussehen . Sie faßte deshalb nochmals seine Hand und beschwor ihn unter Tränen , nur einmal zu schweigen und auf sie zu hören . Er warf einen finsteren , scheuen Blick auf ihre verweinten Augen und preßte die Lippen fest aufeinander . » Joseph « , sagte sie sanft , » glaubst du denn wirklich , ich wäre imstande , dir je die Treue zu brechen ? Und wenn es Gottes Wille ist , daß wir getrennt werden sollen , so wirst du erleben , daß dir trotzdem mein ganzes Herz bleibt ... Aber wir brauchen ja auch nicht gleich das Schlimmste anzunehmen . Haben wir nicht täglich vor Augen , daß sich mit der Zeit auch die Verhältnisse ändern ? ... Ich glaube ganz gewiß , daß der Augenblick nicht mehr fern ist , der die Nachrede , die meinen Namen verunglimpft , zuschanden macht – wenn dann deine Mutter sieht , wie irrig sie in der Sache berichtet worden ist , wird sie dann nicht auch zu der Überzeugung kommen , daß meine Mutter ebenfalls unschuldig verleumdet sein könne ? « » Und mit dieser Vertröstung soll ich mich begnügen ? Soll mit einem Fünkchen Hoffnung mein Leben hinschleppen , während ich glücklich sein könnte ? ... Nein , ein solcher Schwachkopf bin ich nicht , daß ich die Hände in den Schoß legen und geduldig warten sollte , bis vielleicht ein glücklicher Zufall nach so und so viel durchhofften Jahren eine Änderung herbeiführt ... Du weißt also doch noch , Marie , daß du mir gestern Treue geschworen hast ? « fragte er plötzlich . » Ja , Treue bis in den Tod ! « entgegnete das junge Mädchen mit erschöpfter Stimme . » Gut – ich glaube dir ... Ich werde alles tun , um dein Gewissen in bezug auf meine Mutter zu beruhigen . Bleibt sie aber bei dem Vorsatz , mich unglücklich zu machen , dann frage ich nach nichts mehr – hörst du , Marie ? ... Auch nicht danach , ob du willst oder nicht – ich halte mich an dein heiliges Versprechen und will doch sehen , wer mich zwingen kann , mein gutes Recht aufzugeben . « Er