gebehrdest Dich als völlig erwachsene Dame mit Deinem entsetzlichen Reifrock und den Schleppkleidern , die zu Dortens Aerger den Sand von Flur und Treppen wegfegen ; hast Englisch und Französisch gelernt und Deine Nase in Chemie und andere hochgelehrte Sachen gesteckt , und bist so kindisch dabei geblieben , daß ich nächstens die Schulregeln wieder dort neben das Uhrgehäuse werde hängen müssen … Uebrigens – Du verdienst es zwar nicht – will ich Dir einen Trost geben : der saubere Herr hätte auch ohne Dein Zutun seine Heldentat heute ausgeführt , ich hab ’ es nicht anders erwartet . Dem mag ’ s wohl in den Fingern gezuckt haben , bis er über das arme , alte Gartenhaus hat herfallen dürfen ! “ „ Das glaube ich eben nicht , Tante , “ entgegnete das junge Mädchen und hob lebhaft den Kopf in die Höhe . „ Er hat mir durchaus nicht den Eindruck eines bösartigen Menschen gemacht ; ich bin fest überzeugt , hättest Du ihm ruhig vorgestellt – “ „ Ei , da will wieder einmal das Ei klüger sein , als die Henne ! “ schalt die Hofrätin , in der Tat jetzt heftig erzürnt . „ Ruhig vorstellen , ich , eine von den Erich ’ s , dem da drüben ! Meine Großmutter hätte eher mit eigener Hand den Pavillon in Brand gesteckt , als den Hubert ’ s ein gutes Wort d ’ rum gegeben . … Komme mir nie wieder mit dergleichen Redensarten , Lilli ! Ich bin alt geworden in dem Bewußtsein , daß die Hubert ’ s auf unsere Linie einen Flecken geworfen haben , und den Groll und Schmerz darüber nehme ich mit in ’ s Grab … Hörst Du , Lilli , ich will nie wieder eine Bemerkung über den da drüben hören , nicht einmal seinen Namen , weder im Scherz , noch im Ernst ! … Und noch Eines , Kind ! Wenn ich einmal die Augen zugetan habe , dann hast Du hier zu befehlen , und es ist Alles Dein , was den Erich ’ s gehört hat seit undenklichen Zeiten . Müßte ich mir aber denken , daß nach meinem Tode etwas von meinem Grundbesitz , und sei es auch nur ein Zollbreit Gartenboden , in die Hände Derer da drüben käme , ich stiftete lieber gleich Haus und Garten als Armenspital für ewige Zeiten ! … Da hast Du mein unabänderliches Glaubensbekenntniß , und nun will ich Dir schließlich noch sagen , daß ich Dein heutiges Benehmen bitter tadle . Wie kannst Du Dich mit einem völlig fremden Manne in einen Wortwechsel einlassen , noch dazu mit einem Manne , der … hast Du vergessen , was gestern Dorte von ihm sagte ? Solch Einer ist nicht wert , daß ein Frauenzimmer von Reputation mit ihm spricht , denn er denkt gewöhnlich schlecht von den Frauen und beurteilt alle nach einer Sorte . “ Eine tiefe Gluth stieg in Lilli ’ s weißes Gesicht bis hinauf an die dunkle , graziös geschwungene Linie der Haarwellen ; aber sie warf den Kopf zurück , und um ihre Lippen trat der stolze Zug , der dem kindlich weichen Antlitz oft so unerwartet den Ausdruck geistiger Reife und Ueberlegenheit geben konnte . Alles , was sie mit Herrn von Dorn gesprochen , glitt noch einmal an ihrem prüfenden , inneren Auge vorüber . Die von ihrer englischen Gouvernante unzählige Mal wiederholte Anstandsregel , welche ein Gespräch mit einem nicht vorgestellten Herrn verbietet , war ihr freilich ein wenig spät eingefallen ; gleichwohl , hatte sie ihn mit ihren Antworten nicht ebenso energisch hinter die Schranken völligen Fremdseins zurückgewiesen , als wenn sie ihm schweigend den Rücken gekehrt hätte ? … Der ihr noch vor wenig Augenblicken so peinliche Gedanke , daß sie doch wohl zu rauh und unliebenswürdig gewesen sei , war jetzt ein wahrer Trost für sie . Die vornehme Erscheinung des Blaubartes , die ihr wider Willen imponirt hatte , stand ja nicht mehr vor ihr und deshalb gewann die Warnung und Bemerkung der erfahrenen Tante um so rascher die Oberhand . Sie beschloß unwiderruflich , dem Pavillon nicht nahe kommen zu wollen , so lange keine feste Scheidewand zwischen hier und drüben wieder aufgerichtet sei … sie wollte dem Blaubart beweisen , daß sie in der Tat jede Begegnung mit ihm vermeide ; dann werde er schon merken , daß sie nicht zu der sogenannten „ Sorte “ gezählt werden dürfe . Ueber diese Angelegenheit fiel nun zwischen der Hofrätin und dem jungen Mädchen kein Wort mehr . Die Bilder und Möbel waren geräuschlos in die grüne Stube geschafft worden , und in ihrem kleinen Zimmer hatte Lilli den Puppen eine Ecke eingeräumt . Am Abend kam eine alte Freundin der Tante und blieb zum Tee , der in der sogenannten Frühstückslaube getrunken wurde , und als die Nacht hereindämmerte , da saßen die beiden alten Damen noch und sprachen von längstvergangenen Zeiten , von Träumen und Enttäuschungen , von Hoffen und Entsagen . Lilli saß auf einem niedrigen Gartenstuhl , hatte die Hände um die Kniee gelegt und hörte aufmerksam und bewegt zu , wie da ein erblaßtes Bild um das andere aufstieg , während sie hinaussah in die schweigende Abenddämmerung . Ihr umherschweifender Blick wurde plötzlich gefesselt durch einen hellen Gegenstand , der sich gleichsam von einem mattschimmernden Nachtviolenbusch ablöste und langsam weiter schritt . Sie erkannte sehr bald die Beschaffenheit des kleinen Nachtwandlers : ein weißes Huhn war dem Hofraum entkommen und spazierte , in völliger Gemütsruhe hier und da die lockere Erde aufkratzend , über die Gurkenbeete . Zum Glück für Dorte – denn sie hatte die Aufsicht über das Geflügel – bemerkte die Hofrätin die scharrende Missetäterin nicht . Lilli erhob sich leise und unbemerkt , um womöglich das dräuende Ungewitter vom Haupt der pflichtvergessenen , alten Köchin noch rechtzeitig wegzulenken , allein das Tier rannte wie besessen bei ihrer Annäherung über die Beete , huschte durch Gebüsch