Ich bitte Sie , liebe Staatsrätin , lassen Sie meinen Kutscher anspannen “ , sagte eine der beleidigten Mütter , „ man ist ja hier seines Lebens nicht sicher ! “ „ Das Souper ist serviert “ , erwiderte die Staatsrätin , „ ich bitte die Damen und Herren mit den Kleinen ins Haus zu gehen ; — für das Leben Ihrer Kinder leiste ich Bürg ­ schaft , so lange Sie meine Gäste sind ! “ setzte sie mit einem feinen , vornehmen Lächeln hinzu . Die sämtlichen Damen riefen nun ihre Töchter und Söhnchen zu sich hin , wie um sie vor den Ränken des kleinen Ungetüms zu schützen , das noch immer wie be ­ täubt und vernichtet drüben auf der Wiese stand und mit blutendem Herzen zusah , wie sich die Kinder lachend und schäkernd an ihre Eltern drängten , wie sie kosten und küßten , zutraulich und ihres süßen Rechts bewußt . — Jedes hatte eine Mutter — oder einen Vater , der es lieb ­ koste — nur sie — sie allein war rechtlos und ausge ­ stoßen , und Niemand dachte daran , daß sie müde und durchnäßt sei — Niemand kümmerte sich um sie . Die reizende kleine Angelika ward von einem Arm auf den anderen gezogen und konnte nicht weg , die Staatsrätin redete den Gästen zu , ihr nicht den Mißgriff anzurechnen , daß sie ein Kind eingeladen , welches sie nicht gekannt , — sie habe doch nimmermehr voraussetzen können , daß Herr von Hartwich seine Tochter so schlecht erziehen lasse . — Ernestine hörte das Alles . Sie vermochte sich nicht mehr aufrecht zu halten , sie sank in die Kniee und verbarg schluchzend ihr Gesicht . Die Staatsrätin konnte jetzt erst loskommen , um für sie zu sorgen . „ O Du arme Kleine , Du bist ja ganz naß und Niemand denkt daran ! “ rief sie mitleidig bei Ernestinens Anblick . „ Geh nur schnell ins Haus und lasse Dir von meinem Mädchen frische Strümpfe und Schuhe anziehen ; rechts neben der Salontür ist mein Schlafzimmer . Gehe ja gleich hinein — hörst Du ? ich kann jetzt von meinen Gästen nicht weg . “ — „ Verzeihen Sie mir — ich bin unschuldig an Allem ! “ stammelte Ernestine . „ Das bist Du im Grunde auch , liebes Kind “ — sagte die Staatsrätin ernst — „ ich bedaure Dich nur — ich zürne Dir nicht ! Aber nun mach ’ und laß Dich umkleiden — ich schicke Dir dann die Speisen auf mein Zimmer , Du wirst gewiß lieber allein essen ! “ Damit eilte sie wieder zur Gesellschaft und in dem ­ selben Augenblicke fuhr ein Einspänner vor , ein jünger Mann von ungefähr zwanzig Jahren und auffallender Schönheit sprang heraus und auf die Staatsrätin zu . „ Mein Johannes “ , rief diese , „ kommst Du doch noch ? Ich hatte Dich nicht mehr erwartet ! “ Der Jüngling küßte ihr die Hand und verneigte sich vor den Übrigen . Das Auge der Staatsrätin ruhte auf ihm mit jenem seligen Stolz , mit dem das Weib nur zwei Menschen im Leben anblickt : einen geliebten Bräutigam und einen wohlgeratenen Sohn . Die Gesell ­ schaft umringte ihn glückwünschend zu dem heutigen Fort ­ schritt auf der Bahn des Gelehrten , die kleine Angelika sprang jubelnd an ihm empor , jedes der anwesenden Kinder wollte eine Hand oder einen Kuß . Es war ein allgemeiner freudiger Aufruhr . Plötzlich rief die Staatsrätin erschrocken : „ Die kleine Ernestine ist fort ! Mein Gott , das durchnäßte zarte Kind , in der kühlen Abendluft , — ich kann es ja nicht verantworten ! Johannes , lieber Sohn — laufe , schnell , hol ’ sie zurück . “ — „ Was denn — wen denn ? “ fragte dieser verwundert . „ Aber , liebe Staatsrätin “ , sagte die Mutter des Jungen , den Ernestinens Wurf getroffen , „ wie mögen Sie sich nur um die Kröte so ängstigen , — die hat ein zäheres Leben als unsere Kinder ! “ Die Staatsrätin streifte sie mit einem verächtlichen Blick und fuhr zu Johannes gewendet fort : „ Es ist ein blasses , ärmlich gekleidetes Mädchen von etwa zehn bis elf Jahren , — Du kannst sie nicht verfehlen , wenn Du auf der Straße nach Hartwichs Gute gehst — es ist dessen Tochter . Eile , Johannes — eile ! “ — Dieser gehorchte sogleich und sie führte nun ihre Gesellschaft zu der glän ­ zenden , reichbesetzten Tafel . Ernestine lief indessen , so schnell sie konnte , durch das Gehölz und atmete erst auf , als sie das Haus hinter sich hatte , in dem es ihr so schlecht ergangen war . Jetzt ließen aber auch ihre Kräfte nach , die nassen engen Schuhe und Strümpfe klebten kalt und bleischwer an ihren Füßen und lähmten ihre Schritte , sie fühlte jetzt erst , daß sie einen nagenden Hunger habe und es drängte sich ihr die erste Nahrungssorge ihres kurzen Lebens auf , — denn sie zweifelte , daß ihr Jemand noch so spät etwas zu essen geben werde ; es war ja schon dunkel und bis sie nach Hause kam , mußte es halb zehn Uhr werden , — da lag Frau Gedike längst zu Bett . Und doch war das noch nicht das Schlimmste , was ihr bevorstand , der Stroh ­ hut , dessen Rand sie immer noch um den Hals hängen hatte , — der zerrissene Strohhut brachte ihr sicher da ­ heim eine schwere Züchtigung . Sie setzte sich auf einen Hügel am Saume des Wäldchens und nahm die Krempe herunter , um sie zu betrachten und zu überlegen , wie sie Wohl wieder an das Deckelchen zu befestigen sei , das sie in der Hand trug . Der Baum über ihr schüttelte teilnehmend den Kopf und warf ihr eine Menge Blätter und Käferchen