noch letzte Kirmes , als sich alles im Tanze drehte , hatte Sörgel zu dem neben ihm stehenden Baltzer gesagt : » Und nun seht einmal , Heidereiter , alle sind gesunder und blühender ; aber die Hilde blüht . « Und so dachte jeder im Dorf , auch die , die ' s ihr neideten , und nur Grissel , wenn sie mit Joost ihren plattdeutschen Diskurs über Hilde hatte , fand seit kurzem allerhand an ihr auszusetzen . » Ick weet nich , Joost , dat Grafsche geiht ümmer mihr torügg , un uns ' Muthe kümmt ümmer mihr rut . Finnste nich ook ? « Und so ging es weiter . Aber so gern sie dieses und ähnliches sagte , so hütete sie sich doch , es Baltzer hören zu lassen , der seit einiger Zeit überhaupt darauf hielt , » daß ein Unterschied sei « . Es waren jetzt zwei Jahre , daß zum ersten Male von diesem » Unterschied « gesprochen worden war , und was die Veranlassung dazu gegeben hatte , das war im Sinn und Herzen des Heidereiters unvergessen geblieben . Und konnt auch nicht anders sein . Ein sehr heißer Julitag war es gewesen und alles ausgeflogen , auch Hilde zu Melcher Harms auf die Sieben-Morgen hinauf , um mit ihm zu plaudern . Aber ihr Gespräch , so leicht es sonst zu gehen pflegte , hatte heute gestockt , weil eben die Hitze zu groß war , und Hilde war höher hinaufgestiegen , um da , wo Wald und Heide aneinander grenzten , eine schattige Stelle zu suchen . Und auch zu finden . Hier hatte sie sich niedergelegt , sich ' s bequem gemacht und war eben eingeschlafen , als der Heidereiter seines Weges kam und plötzlich gewahr wurde , daß sein Hühnerhund stand . Es war nicht Jagdzeit , aber er nahm doch die Flinte von der Schulter und schlich leise heran , um zu sehen , was es sei . Da lag Hilde , den einen Arm unterm Kopf , und sah geschlossenen Auges in den Himmel . Ihr Haar hatte sich gelöst , und ihre Stirn war leise gerötet , und alles drückte Frieden und doch zugleich ein geheimnisvolles Erwarten aus , als schwebe sie , traumgetragen , einem unendlichen Glücke nach . Um sie her aber summten ein paar Bienen , und die Sonne schien , und das Heidekraut duftete . Da mußte Baltzer des Wortes wieder gedenken , das Sörgel letzten Herbst erst gesprochen hatte : » Die Hilde blüht « ; und er wiederholte sich ' s , hing das Gewehr über die Schulter und sah andächtig und verworren dem Bilde zu , bis er sich heimwärts wandte . Neben ihm her aber ging das Bild , und als eine Stunde später die Hilde nach Hause kam , vermied er es , sie zu sehen , wie wenn er etwas Unrechtes getan und durch die zufällige Begegnung ihr Innerstes belauscht oder ihr Schamgefühl beleidigt habe . Diese Verwirrung und Unruhe blieben ihm auch , und er mußte sich ' s zuletzt , alles Sträubens ungeachtet , in seinem Herzen bekennen : er habe sie mit anderen Augen angesehen als sonst . Ja , das war es . Und er schämte sich vor sich selbst . Aber zuletzt bezwang er ' s , und nur zweierlei blieb ihm in der Seele zurück : einmal , daß die Hilde kein Kind mehr sei , und zweitens und hauptsächlichst , daß sie sein Kind nicht sei . Diese zweite Wahrnehmung indessen ging niemanden etwas an , und so war es denn lediglich um des ersten Punktes willen , daß er am folgenden Tage die Grissel in seine Stube rief . Diese hatte den Türknopf in der Hand behalten und stand auf der Schwelle wie jemand , der rasch wieder fort will ; als sie jedoch merkte , daß es ein langes und breites geben würde , kam sie näher und stellte sich mit ihrer Schulter bequem an den Ofen , während der Heidereiter in ersichtlicher Erregung auf und ab ging . Endlich aber begann er : » Es ist wegen der Hilde , daß ich mit dir sprechen will . Ich denke , Grissel , wir sind einerlei Meinung und bleiben gute Freunde . Denn du bist eine verständige Person ... « » All Fruenslüd sinn unverstännig . « » Wer sagt das ? « » Joost . « » Joost ist ein Narr « , entgegnete Baltzer . Aber die kleine Zwischenbemerkung war ihm doch gelegen gekommen , und er fuhr nun freier fort : » Also wegen der Hilde . Sie ist nun achtzehn , schon ein Viertel drüber , und ist kein Kind mehr . Ich denke , sie muß nun aus dem Müßiggang heraus und sich dran gewöhnen , daß sie was unter Pflicht und Obhut hat und nicht so hineinlebt in den Tag , immer bloß bei dem Alten oben oder auf Kunerts-Kamp oder bei Sörgel drüben , der sie verhätschelt und verwöhnt . Das soll nicht sein , und ich will ' s nicht . Sie muß also Arbeit haben , und die müssen wir ihr geben . Da mein ich denn , wir geben ihr die Milchwirtschaft , das Leinenzeug und die Wäsche ... Du verstehst ? « » Wohl . Ich versteh . « » Und alles andere bleibt . Und ist bloß noch das mit der Stub oder der Kammer . Ihr waret immer zusammen , und das war gut . Aber ich denke , wir lassen ihr jetzt den Giebel oben allein , und du nimmst unten die Kammer . Die neben der Küche , die hübsche gelbe , die letzten Herbst erst gestrichen ist ; da hast du ' s warm , und ist auch bequemer für dich und brauchst nicht immer treppauf und treppab ... Du verstehst ? « » I , was werd ich nicht verstehen ! « » Und an nichts wird gerührt