Bäume und über stille Plätze . Der Schnee dämpfte ihren Schritt , und wenn er aufstäubte , blieb sie stehen , um Atem zu schöpfen . Da gelangte sie zum Fluß an einer Stelle , wo das Ufer flach war . Ohne zu denken , ohne zu zaudern , als ob sie blind wäre , als ob sie eine Brücke sähe , wo keine war , ging sie ins Wasser . Sie spürte , wie das Wasser in ihre Schuhe eindrang , wie es die Beine näßte , wie die Kleider sich weich und eiskalt an den Leib preßten , sie ging weiter . Die Brust tauchte ein , der Hals tauchte ein , sie ließ sich sinken , sie glitt hin , seufzte schwer , lächelte , und lächelnd verlor sie das Bewußtsein . Die Leiche wurde am anderen Tag aus Land gespült , etwas außerhalb der Stadt , und man brachte sie ins Schauhaus auf dem Rochuskirchhof . 9 Der Bildhauer Schwalbe ging in einem Totenzug . Sein Bruderskind war gestorben , und es wurde auf jenem Kirchhof begraben . Als er mit den andern am Schauhaus vorüberging , gewahrte er durchs Fenster eine Mädchenleiche . Nachdem das Kind zur Erde bestattet war , trat er dort ein . Es standen ein paar Leute an der Leiche , und einer sagte : » Es ist eine Sängerin von den Reichshallen . « Dem Bildhauer fiel der reine und schöne Ausdruck im Gesicht der Ertrunkenen auf . Er blieb lange Zeit ergriffen bei der Toten , dann ging er zum Verwalter und bat um die Erlaubnis , eine Gipsmaske abnehmen zu dürfen . Die Bitte wurde ihm gewährt , und ein paar Stunden später kam er mit dem Handwerkszeug . Als er aber die Maske abgenommen hatte , da hielt er etwas Wunderbares in der Hand . Es waren die Züge eines sechzehnjährigen Mädchens , ein Antlitz voll Süßigkeit und bittersüßer Schwermut , und das Bezauberndste darin war das selige Engelslächeln um den wehen Mundbogen . Es glich dem Werk eines großen Künstlers , und den Bildhauer erfüllte plötzlich die Sehnsucht nach seiner verlorenen Kunst . Trotzdem zwang ihn eine Woche später die Not , die Maske an den Gießer in der Pfannenschmiedsgasse zu verkaufen , bei dem er arbeitete , und der hing sie an den Türpfosten seines Ladens . 10 Im Dezember hatte Daniel kein Geld mehr , und er mußte die Partitur der Bachschen H-Moll-Messe verkaufen , die einzige Kostbarkeit , die er besaß . Der Kantor Spindler hatte sie ihm beim Abschied geschenkt , und jetzt mußte er sie zum Antiquar tragen und für ein Bettelgeld dahingeben . Wenn er nicht den ganzen Tag im Bett liegen wollte , mußte er , um sich warm zu halten , durch die Straßen laufen . In eine Wirtschaft zu gehen , verwehrte ihm seine Armut , und deshalb kam er auch nicht mehr mit den Brüdern vom Jammertal zusammen . Deshalb und auch , weil ihm vor den Leuten ekelte . Eines Abends stand er vor der Egydienkirche und lauschte der Orgel , die drinnen gespielt wurde . Der eisige Wind blies in seine Rockärmel . Als das Orgelspiel aufhörte , ging er über den Platz und lehnte sich an die Mauer eines Hauses . Er fühlte sich sehr einsam . Da kamen zwei Männer daher , die in das Haus gehen wollten , an dessen Tor er frierend stand . Der eine der beiden war Benjamin Dorn , der andere war der Inspektor Jordan . Benjamin Dorn redete ihn an , der Inspektor stand schweigend daneben , während Daniel unfreundliche Antworten gab , und er schien den Zustand des jungen Menschen lebhaft zu erfassen . Er lud Daniel ein , mit hinaufzukommen , und Daniel folgte , bis ins Mark durchkältet und an nichts weiter denkend als an einen warmen Ofen . So kam er in die Familie des Inspektors . Inspektor Jordan hatte drei Kinder , die neunzehnjährige Gertrud , die siebzehnjährige Lenore und den fünfzehnjährigen Benno , der noch das Gymnasium besuchte . Seine Frau war tot . Von Gertrud hieß es , daß sie eine Frömmlerin sei . Sie ging täglich in die Kirche und hatte eine heimliche Neigung für die katholische Religion , worüber der Inspektor , als überzeugter Protestant , sehr betrübt war . Tagsüber versorgte sie den Haushalt , und wenn sie damit fertig war , saß sie an ihrem Stickrahmen und stickte Dornenkronen , von Schwertern durchstochene Herzen und schmächtige Engel für eine überseeische Mission . Schweigend und mit immer gesenkten Augen saß sie und stickte . Als Daniel sie zuerst sah , trug sie ein laubgrünes Kleid , das über den Hüften mit einem geschuppten Gürtel befestigt war , und ihre braunen , stark gewellten Haare lagen offen auf den Schultern . So sah er sie dann stets , wenn er ihrer gedachte , auch nach vielen Jahren so , im laubgrünen Kleid , mit niedergesenkten Blicken , am Stickrahmen arbeitend und seiner Gegenwart feindselig nicht achtend . Sie war wie etwas Finsteres im hellen Raum . Anders Lenore . Sie war wie eine Lampe , die durch finstere Räume getragen wird . Seit dem Sommer war sie in der Generalagentur der Prudentia angestellt , denn sie wollte sich ihr Leben verdienen . Ihren Worten nach zu schließen bereitete ihr die Arbeit dort Spaß . Ihren Worten nach zu schließen belustigte es sie , Prämienquittungen zu schreiben , Briefmarken aufzukleben , Briefe zu kopieren und viele Leute kommen und gehen zu sehen . Der fette Generalagent Diruf und der magere Bureauchef Zittel gaben ihr Stoff zur Verwunderung , und wenn trübe Laune heranschleichen wollte , drehte man sich auf der Schraube des Sessels im Karussell , und alles war wieder gut . Sie schien ein Kind zu sein und war doch ganz Jungfrau . Auf dem blonden Kopf trug sie das runde Pelzkäppchen in vergnügter Schiefheit , und wenn sie ins Zimmer trat , war irgend etwas in