nicht annimmt - wo wir doch jleich zu Abend essen sollen . - Aber sie bat - ich soll mal fragen - tiefe Trauer trägt sie - ja und dann - es hinge mit Herrn Jeheimrat zusammen , sagt se . « Mutter und Sohn sahen sich an . Sophie dachte : seine Frau ? ! Kam sie vielleicht , um ihr selbst noch zu danken ? - Wollte sie Fragen stellen ? Sich von der letzten Stunde erzählen lassen , die der Verstorbene außerhalb seines Hauses verbrachte ? Aber Raspe dachte : Sie ! » Sie ! « Denn in seiner Gedankenwelt spielte eine Frau des Verstorbenen gar keine Rolle - er kannte nur eine Tochter . - Was gab es da zu besinnen ! Sophie sagte : » Laß mich allein mit ihr - zuerst - aber komm nach zehn Minuten . - Ich möchte , daß Du sie sähest - mir Dein Urteil sagtest - also ja , Therese , führen Sie die Dame hier herein . « Herzklopfend stand sie mitten im Zimmer . Oh , sie wußte , nun würde gleich eine sehr , sehr schöne Frau hereinkommen , wunderbar jugendlich erhalten , mit köstlichem braunen Haar , dem in den letzten zwei , drei Jahren ein kupferroter Schimmer gegeben worden war . Sie sah ja diese Frau in ihrer rauschenden , geschmeidigen Eleganz , mit ihren weißen Schultern und dem bandartigen Halsschmuck von Perlen zuweilen auf ganz großen Festen . Nun kam eine schmale schwarze Gestalt herein , deren Kopf durch einen runden großen Hut von Krepp und einen dichten Schleier ganz versteckt war . Aber gleich wurde der Schleier zurückgeschlagen , und Sophie erriet auf der Stelle : seine Tochter ! Warm wallte in Sophiens Gemüt eine Bewegung auf - Rührung - fast Freude . Am liebsten hätte sie diesem jungen , von Trauerfloren umwallten Geschöpf ihre Arme entgegengebreitet . Tulla stand und sah sich , noch von der Schwelle her , rasch um - sah , daß der Gobelin , der vor der Türöffnung hing , die zu einem andern Zimmer führte , sich noch ein wenig bewegte , so , als sei dort eben jemand hinausgegangen . Schon aber war die Frau neben ihr und erfaßte ihre Hand und führte sie förmlich ins Zimmer . Tulla fühlte ein liebevolles Entgegenkommen . » Schickt Ihre Mutter Sie zu mir ? « fragte Sophie in jenem schonenden Klang , den die Stimme Leidenden und Trauernden gegenüber annimmt . » Nein - ach Gott - nein - ich bin heimlich hier - ganz allein bin ich gekommen - zu Fuß , « sagte Tulla und nahm den Platz im Ecksofa ein , dabei sah sie unverwandt Frau Sophie ins Gesicht . Und dachte : ach ja - sie sieht gut aus - » Allein auf der Straße ? Heimlich ? Und wenn man Sie vermißt ? « » Kein Mensch vermißt mich . Ich hab ' Mademoiselle mein rosa Chiffonkleid geschenkt - sie soll Mama sagen , ich liege mit Kopfweh zu Bett - wenn Mama überhaupt nach mir fragt - aber sie wird schon nicht - sie liegt selbst zu Bett - aus Langerweile und liest , und vielleicht muß Mademoiselle ihr Karten legen - das kann Mademoiselle großartig « - Sie sprach wie ein unreifes Kind - aber nicht im Ton der Klage , sondern in vollkommener Einfachheit , wie von den gewohntesten Zuständen . » Und was führt Sie her ? « fragte Sophie , etwas zurückhaltender - weniger liebevoll - ohne es selbst zu wissen - abwartend und erstaunt . » Ich mußte Sie etwas fragen . - Ihr Herr Sohn hat heute Viktor was gebracht - ich hab ' Ihnen vielleicht auch was zu bringen « - - Sie zögerte einen Augenblick - in einer plötzlichen Verlegenheit - fingerte an dem Bügel ihrer Handtasche - und stieß endlich heraus : » Gehört das Ihnen ? Sind die von Ihnen ? « Und sie öffnete ihre Tasche und nahm ein Päckchen heraus ... Sophie fühlte sich erblassen . Ihre Briefe . In der Hand seiner Tochter . Tausend Fragen überstürzten sich in ihrem Kopf . Mit zitternder Hand nahm Sophie das Päckchen . » Wie kommen Sie dazu , liebes Kind ? Und woher wissen Sie ... ? « Das junge Mädchen besann sich ein wenig . Es war so schwer , anzufangen . Sie saß mit geneigtem Kopf . Und da fiel der schwere Krepp wieder herab und hing wie eine Trauerfahne vor ihrem Gesicht . Sophie wollte ihr dann behilflich sein , all diese Schleierüberfülle auf den Hut zurückzuschlagen - dabei waren sich die beiden Gesichter sehr nahe - sie blickten sich in die Augen - in einer scheuen , zärtlichen Neugier .... Sophie sagte : » Nehmen Sie doch den Hut ab - diesen schrecklichen Hut ... « Und das junge Mädchen zog gehorsam sofort die Nadeln heraus und legte den Hut auf den nächsten Stuhl , den ihre ausgestreckte Hand erreichen konnte . Nun sah Sophie mit ihren Maleraugen und mit den Augen der liebevollen , mütterlichen Frau den feinen jungen Kopf und fand die Züge des Toten darin - seine dunklen Augen mit dem Feuer starken Lebens ... » Nun sagen Sie - woher wissen Sie ... « » Sie haben ihn verstanden - Sie ! Verzeihen Sie mir - ich habe die Briefe gelesen - alle ... « Und plötzlich fiel sie Sophie um den Hals und weinte - weinte . - Das Herz der alternden Frau , dies verarmte und noch blutende Herz erriet : das waren die ersten Tränen , die seine Tochter tröstlich weinte - die ersten , ihren jungen Gram lösenden und mildernden Tränen . - Vielleicht hatte sie bisher allein , verborgen , ohne Mitgefühl zu sehen , weinen müssen . Und Sophie nahm dies verwaiste arme Kind in ihre Arme und ließ ihr Zeit , sich zu fassen . Dann hob Tulla von selbst an zu erzählen .