entstanden , daß sie alles Schreckliche , das es überhaupt gibt , erlebt habe . Jedes Traurige , das andere von sich erzählten , überbot sie sicher mit den eigenen Erlebnissen . Ihr Mann war nicht vier , sondern zehn Monate krank gewesen , sie hatte nicht nur Typhus , sondern zugleich Lungenentzündung gehabt ! - Abends , wenn sie ihre Arbeit getan , las sie in Zeitungen , die aus ihrem Lande kamen , die vermischten Nachrichten ; nur langsam , beinahe buchstabierend , kam sie dabei vorwärts , aber sie schwelgte in den Beschreibungen von Erdbeben , Brandunglücken , Stürmen , Schiffsuntergängen . All das erzählte sie weiter an Tschun . Anfänglich verstand er keine Silbe , aber täglich schnappte er ein paar Worte der fremden Sprache auf , und in erstaunlich kurzer Zeit konnte er sich ganz leicht mit der alten Französin verständigen . Die Taitai schenkte ihm ein kleines Lexikon und schrieb ihm Sätze auf , die sie ihn nachher überhörte , und Tschun lernte mit einer Leichtigkeit , die jeden an europäische Kinder gewöhnten Lehrer erstaunt hätte . Die Taitai war ganz stolz auf seine Fortschritte , aber die gelehrten fremden Herren der Gesellschaft erklärten geringschätzig : » Junge Asiaten scheinen häufig eine wunderbare Aufnahmefähigkeit zu besitzen , aber nach einiger Zeit kommen sie an einen toten Punkt , wo sich die ganze Uebermüdung ihrer erschöpften Rasse auf sie zu senken scheint und nichts Neues mehr in das blutleere Gehirn hinein will . « Tschun sah die Taitai sehr viel , denn sie hatte ihm allerhand kleine Pflichten übertragen , die ihn häufig in ihr Zimmer führten . Vor allem hatte er für den neuen kleinen Hund zu sorgen , der Tin chau genannt worden war , wie es einem Geschenk des hübschen weißen Herrn wohl anstand . Tschun mußte auch der Taitai Schreibtisch mit den tausend Nippessachen in Ordnung halten , die Pflanzen begießen , die Blumensträuße erneuern ; er servierte nachmittags den Tee , und als er erst die fremden Namen gelernt hatte , meldete er die Besuche an . Ging die Taitai malen , so trug er ihr die Sachen nach und reinigte nachher Pinsel und Palette ; beim Photographieren lernte er rasch , kleine Dienste zu leisten ; er schnitt die Seiten der vielen Bücher und Hefte auf , die jede Post brachte , er legte die Zeitungen nach Nummern . Und bei alledem fand Tschun Zeit , die Taitai selbst zu beobachten , denn sie erschien ihm als das Interessanteste in all dem Merkwürdigen , das er sah . Es war erstaunlich , was sie alles im Laufe des Tages tat ! Früh schon ritt sie mit anderen Fremden aus . Dann schrieb sie , malte , photographierte , musizierte . Zu allen Mahlzeiten kamen Gäste oder sie selbst war in eine der anderen Gesandtschaften geladen und wurde in der grünen Sänfte hingetragen . Zwischendurch kamen noch viele Besuche - am häufigsten wohl der weiße Herr , doch zuweilen auch der böse aussehende . Und alles , was die Taitai betrieb , sei es nun , daß sie Antiquitäten kaufte oder Anordnungen für Feste traf , geschah , als ob sie Eile habe und nach etwas suche . Dabei sah sie meist müde aus . Und Tschun wunderte sich , daß jemand , der so viel Geld besaß , sich so unnütz abmühte . Einmal frug er die alte Madame Angèle , warum die Taitai so schrecklich viel täte . Die zuckte die Achseln , seufzte und antwortete : » Sie will sich vielleicht zerstreuen , um zu vergessen . « » Was denn ? « frug Tschun . » Sie hat , ehe sie hierher kam , ihr einzigstes Söhnchen verloren , « antwortete Madame Angèle und setzte dann hinzu : » Ich habe drei Söhne verloren . Aber ich bekam durch den Tod meiner Kinder immer mehr Arbeit , für die Taitai dagegen heißt es seitdem nur immer mehr Amüsement . « Tschun , der nun schon gelernt hatte , daß das Beobachten zu seinem Beruf gehörte , bemerkte bald , daß die Taitai nur insofern von den anderen Fremden abstach , als sie tausenderlei Dinge mit gleichem Ungestüm betrieb , während die anderen meist nur eine Sache hatten , die sie mit Passion erfüllte . Tschun verstand auch allmählich , warum die älteren erfahreneren Boys gelegentlich wie eine unbestreitbare Tatsache erwähnten , daß die Fremden doch alle ein bißchen verrückt seien . Der Mann der Taitai , der gestrenge Ta-jen , war ganz anders als sie . Er hatte etwas Kaltes , Feierliches , als habe er nie gelacht und sei nie gerannt . Er war klein , grau und mager und reckte sich immer , als wolle er länger scheinen , als er war . Amtliche Würde und grüner Nephrit bildeten seine speziellen Marotten , und da die chinesischen Mandarine für diese beiden Dinge ebenfalls hohe Wertschätzung und Vorliebe haben , so war er ihnen der verständlichste , sympathischste unter den fremden Vertretern . Wenn Besuche zum Ta-jen kamen , empfing er sie immer in der gleichen geraden , aufrechten Haltung , die eine Hand auf der Tischkante ruhend , die andere zwischen die Weste und den tadellosen langen schwarzen Rock geschoben . So glich er dem Bild des Präsidenten seines Landes , das im großen Speisesaal hing . - » Ein Präsident « , sagten die Boys , » ist etwas Aehnliches wie ein Kaiser , nur nicht ganz so Nummer Eins . « - Der Ta-jen sprach stets langsam , als überlege er jedes Wort und als gäbe es nichts Unwichtiges auf der Welt . Am langsamsten und gemessensten sprach er mit seiner Frau . Es war , als träufle er Oel auf erregte Wogen , aber Tschun schien es , daß dieses Verfahren , statt die Taitai zu beruhigen , sie nur rastloser mache . Die Boys kannten all die Eigenheiten der verschiedenen Fremden , und sie hatten ihnen allen Spitznamen gegeben .