Endlich erinnerte sich der Prinz , daß es Zeit sei , zu gehen . Er bat , die Gedichte mitnehmen zu dürfen , um sie zu Hause in Ruhe zu lesen und nahm dann Abschied , indem er sagte , er werde sie selbst wiederbringen . So wohltätig bewegt fühlte er sich nach diesem Besuch , daß er sich sagte , welches Glück es für ihn sein würde , wenn er später in seiner Sphäre einem weiblichen Wesen begegnen könnte , das diesem zarten , tiefempfindenden , geistig hochbegabten Mädchen ähnlich wäre ; und als neben diesem sanften , lieblichen Bild plötzlich das der Herzogin vor ihm auftauchte , erschrak er fast vor der Erinnerung an die dämonische Gewalt , die ihre alles überstrahlende Schönheit über ihn hatte und der er in ihrer Gegenwart immer unterlag . So friedlich beglückend war ihm das Zusammensein mit Rosa , wo keine leidenschaftliche Erregung das stille Weben reiner Sympathie von Herz zu Herzen störte , so sehr fühlte er sich danach wieder in die frühere Harmonie seines Wesens zurückversetzt , daß es ihn beinahe jeden Tag zu ihr führte . Der Austausch ihrer Gedichte gab unaufhörlichen Stoff zu Gesprächen , die sie in alle Sphären des intellektuellen Lebens führten , wobei er immer neue Seiten der auserwählten edlen Natur der jungen Dichterin kennenlernte . Die sanfte Freude , die ihr Antlitz verklärte , wenn er erschien , war ihm , ohne daß er es sich ganz gestand , eine unschuldige Befriedigung auch seiner Eigenliebe , denn es fehlte ihr nicht an Huldigungen aller Art , die ihrem Talent und ihrer Holdseligkeit in der Gesellschaft entgegenkamen , die aber unbemerkt an ihr abglitten . Dieser Umstand stimmte ihn so heiterliebenswürdig , daß Raden sich vergnügt die Hände rieb und zu Holberg sagte : » Bester Professor , wir sind gerettet . « Auch die Signora Amadei baute täglich kühnere Pläne auf die Besuche des Prinzen und sah schon in Gedanken Rosa als dessen anerkannte Mätresse in einem Palast der deutschen Hauptstadt , von Luxus und Überfluß umgeben , und sich dabei als Gesellschaftsdame in kostbaren Kleidern und Schmuck , ein ununterbrochenes Wohlleben führend . Doch hütete sie sich wohl , Rosa ihre ehrgeizigen Pläne ahnen zu lassen , da sie befürchten mußte , daß diese aus der seligen Höhe , in der ihre reine Seele schwebte , herabgestürzt , den Verkehr mit dem Prinzen abbrechen und fliehen würde . Die einzige , die diesem häufigen , vertrauten Verkehr mit Besorgnis zusah , war die einfache Frau aus dem Volke , Vittoria , die , wie gesagt , eine wahre Begeisterung für die junge Improvisatrice empfand , deren Inspirationen sie mit Entzücken und Verständnis erfüllten , obgleich sie weder lesen noch schreiben konnte . Aber sie hatte jene spontane Empfindung für das Schöne , die dem italienischen Volke angeboren ist und nur durch eine falsche Zivilisation in den Klassen der Gesellschaft , die von dieser beherrscht werden , sich in ihr vulgäres Gegenteil verkehrt . Jemehr sie aber die Dichterin verehrte und liebte , jemehr fürchtete sie für deren Ruhe und Ruhm von den häufigen Besuchen des schönen jungen Fürsten . Sie beurteilte diesen nach der Art der jungen , vornehmen Römer und argwöhnte , daß der Umgang mit dem reizenden jungen Mädchen nur ein für diese gefährlicher Zeitvertreib für ihn sei . Rosa , jemehr sie sich von ihrer Begleiterin abgestoßen fühlte , als ihr allmählich deren niedriger Sinn immer mehr offenbar wurde , schloß sich auch ihrerseits immer zutraulicher der einfachen Frau an , deren natürliches , vornehmes Gefühl ihr verwandt war . Sie ging nie aus dem Haus , ohne wenigstens mit einem Gruß bei Vittoria im Laden vorzusprechen , und diese benützte jeden Augenblick , wenn sie die Amadei hatte ausgehen sehen , um hinaufzueilen und wenigstens kurze Zeit mit Rosa zu verplaudern . Mit dem angeborenen Zartgefühl edler Naturen aber hatte sie noch nicht gewagt , einer Warnung Ausdruck zu geben , da sie sehr wohl aus Rosas Äußerungen erriet , wie stark ihr Glaube an den edlen Sinn des Prinzen sei und daher nicht den Argwohn in ihrem reinen Herzen wecken wollte . Der Prinz erschrak fast , als er nach Verlauf einiger Wochen plötzlich ein Billett von Giulia erhielt , worin sie ihm ihre Rückkehr meldete und ihn beschwor , am Abend zu ihr zu kommen ; sie sei allein , da der Herzog noch etwas in Perugia zurückgeblieben wäre . Sie fügte hinzu , er dürfe ihr nicht fehlen , denn sie sei krank vor Sehnsucht , ihn wiederzusehen . Nun hatte er aber Rosa versprochen , an dem Abend in die Gesellschaft bei einer vornehmen Engländerin zu kommen , wo sie improvisieren sollte . Er war in dieser Zeit stets zugegen gewesen , wenn sie improvisierte , und das Glück , ihn unter ihren Zuhörern zu wissen , begeisterte sie so , daß sie sich mit ihren Inspirationen zu einer Höhe erhob , die selbst die strengsten Kritiker zur Bewunderung hinriß . Es wurde ihr eine solche Fülle von Huldigungen zuteil , daß jede minder reine und ideale Natur der Eitelkeit und dem Übermut unabweislich anheimgefallen wäre , während Rosa sich nur darüber freute , weil es sie gewiß machte , daß sie auch Waldemars Beifall verdient habe . Er wußte , es würde sie bitter schmerzen , wenn er nicht in die Gesellschaft käme , und es kostete ihn einen Kampf , sie zu enttäuschen , aber das Billett Giulias brachte ihm ihre bezaubernde Persönlichkeit plötzlich wieder nahe , ihre unverhohlene Liebe entzündete seinen Wunsch , sie wiederzusehen , er sagte sich , es würde undankbar von ihm sein , sie warten zu lassen , und er versprach sich aufs neue , sich nicht hinreißen zu lassen und die Grenzen warmer , ergebener Freundschaft nicht zu überschreiten . Er beauftragte Raden , die Gesellschaft zu beehren und Rosa zu sagen , er werde sie am folgenden Tag besuchen . Raden erschrak etwas , als der