, pocht gerade an dem Abend selten die Freude an die Tür . Andere Gäste sind es , die uns besuchen . Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung , deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird . Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen Bruder hereinrief , huschte die alte Frau auch gleich durch die offene Tür ins Zimmer herein . Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt , dass sie draussen stand und nur auf den Moment wartete , hereinzuschlüpfen , und den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen , denn ich fürchte mich ein bisschen vor der alten Frau und ihrem grossen Bilderbuch . Aber nun stand sie neben uns . Ta , dem auch aufgebaut wurde , hatte sie wohl eingelassen . Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des grossen Bilderbuchs ! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen . Lauter Dinge , die einst gewesen , füllten das Zimmer und umwogten uns ; kleine graue Geisterchen sassen lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem ; und auch all das , was nie gewesen , was nur gewünscht und ersehnt worden - nun lebte es für den einen Abend wieder auf . Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches . Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen . Erinnern Sie sich des einen Jahres , als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bäumchen brachten ? Ich sass in der Sänfte und hielt die winzig kleine geschmückte Tanne auf dem Schoss , und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis , mich behutsam durch die holprigen , hart gefrorenen Strassen zu tragen . Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen , als wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland lebenden Eltern und Geschwister , die er sich für diesen Abend recht nah an sein Bett hatte heranrücken lassen ? Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen Häuschen , zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen ? Tagelang vorher war grosse Aufregung , um für jeden eine Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben , und als erst die Bahn eröffnet war , fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin , um zu schauen , was etwa die dortigen europäischen Magazine böten . Sie , lieber Freund , entdeckten aber immer die reizendsten Dinge ! Vor mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr , die einst in der Direktoire-Zeit nach China kam , und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten . Das Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmückt ; darüber erheben sich vier Drachen , die die Uhr tragen , kuriose Geschöpfe , in denen der französische Künstler möglichst dem nahe zu kommen suchte , was ihm als chinesisch vorschwebte . Über der Uhr , auf einer kleinen Weltkugel , steht ein gallischer Hahn , der offenbar nach Freiheit kräht , aber ein so skeptisches Gesicht macht , als glaube er schon längst nicht mehr daran . Als Sie mir diese Uhr schenkten , sagten Sie : » Die passt so gut zu Ihnen : ein Fundament altererbten Geschmacks , der von vielen Generationen herstammt ; die Drachen , der Hang zum Absonderlichen , der Zug zum Unbegreiflichen , Mystischen , der in uns erwacht , je mehr wir sehen , dass das Exakte , Vernünftige , Realistische doch nichts erklärt und schliesslich immer wieder alles mit einem grossen Fragezeichen endet - und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn , der nach Aufklärung und Freiheit quand même ruft , der viel graue , trübe Tage erlebt hat und zu sagen scheint , nach all dem Krähen müsste die Sonne doch endlich aufgehen . « Ja , das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern des grossen Bilderbuchs ! Mein Bruder und ich sassen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter dem Weihnachtsbaum , hielten uns schweigend an der Hand und dachten vergangener Zeiten . Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen aus , die herabgebrannt waren - ganz wie an anderen Weihnachtsabenden . Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer , knisterten und glühten , und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer - ja , ganz wie an allen Weihnachtsabenden ! - 16 New York , 26. Dezember 1899 . Gestern , lieber Freund , ward ich unterbrochen und musste meinen Brief schliessen , ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu haben . Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende , sondern wir waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen . Mit allerhand Paketen beladen , fuhren wir auf der Hochbahn dorthin . Nach längerem , vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die Haustür und entschuldigte sich , » der Sam sei wohl beim Tischdecken « . Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer , wo wir einige deutsche Herren trafen , darunter auch den Generalkonsul mit seinem herzerfreuenden , ansteckenden Lachen . Der Konsul ist vor einigen Monaten hierher ernannt worden , und seine Frau ist ihm erst vor ein paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern nachgereist . Es ist ein rührend deutscher Zug , dass sie sich , selbst kaum eingerichtet , zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen haben , die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten . » Meine Frau baut auf , « sagte der Konsul . Da kam sie schon selbst herein , sehr jung , mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt , erstaunten blauen Augen , das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet . Auf dem Arm trug sie einen dicken , einjährigen Jungen ,