widerwärtigen Luzerner gehört ? Wo waren Sie , als ich den Streit hatte ? « Bernstein zieht die Brauen in die Höhe und blickt mit runden Augen durch die Brille . » Weiß nicht . Komme eben vom Präpariersaal . Nichts gehört . « Bernstein liest wieder . » So hören Sie jetzt . Oder - Sie haben wohl keine Lust ? « » Ach - nein . Ich lese . « Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern . Aber ihre Gedanken sind bei dem Zusammenstoß mit der Roheit , den sie heut wieder erlitten , und instinktiv nur drückt sie die Kleinen an sich . Wie einsam ich bin , fährt es ihr schmerzhaft durch die Seele . Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen . Das ist sein Amt und sein Vergnügen . Er klingelt , bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle entreißt . Zwicky spielt oft mit den Kindern , er packt sie derb an , aber sie haben ihn gern . Käthe bringt das Mittagessen . Es ist genießbar , mehr nicht . Die Kartoffeln sind sogar angebrannt . » Aber , Käthe ! « ruft Josefine . Bernstein blickt von seinem Buche auf , er macht ein finsteres Gesicht . » Beschämen Sie das Mädchen nicht , wir essen die Kartoffeln doch . « » Wir sind nicht so verwöhnt , « fällt Zwicky ein . Nur der dritte Student sagt nichts . Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln zu verdrießen . Sein Schweigen beunruhigt Josefine . Diesem Neuen gegenüber fühlt sie sich als » verantwortlicher Minister , « wie sie das nennt . » Es tut mir sehr leid , Herr Dubois - Käthe hat vielleicht etwas anderes . « Dubois murmelt und errötet . Der wird nicht lange hier bleiben . Diese Art fühlt sich in der kleinen Republik » Zum grauen Ackerstein « nicht behaglich . Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause , der dritte ist immer ein Wandergast , sonderbar ! - Lateinstunde bei Zwicky , dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr . In die Stadt , eilig , sonst sind die Läden geschlossen und das Wachspüppchen für Rösli nicht mehr zu haben . In den Anlagen um die Universität rauscht der Sturm , er jagt Josefine den steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben , wo die kahlen Bäume mit ihrem breiten Geäst die Laternen fast verdecken . Wachspuppe - morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie - und der will Arzt werden ? darf Arzt werden ? Sind wir wirklich nur geduldet , wie die Kollegin sagt ? Ach , das zahme , zahnlose , wehrlose Frauenvolk ! Die Entstehung des Glykogens ist mir nicht klar , da frag ich Bernstein - noch kein Brief vom Vater - ach , mein kleiner Uli , so lang hab ich dich nicht gesehen ! - Und der will Arzt werden ! Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen ? - Georges - Ein Schauder schüttelt Josefine , jemand faßt sie am Genick und dreht ihr den Kopf nach rechts hin . » Dort ! « Von Mauern umgeben , von Anlagen umschlossen , liegt dort das Haus des Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schloß . Was tut er jetzt ! Sie haben ihn mit Schreinerarbeit beschäftigt , aber er hat kein Geschick für mechanische Arbeiten . Fortwährend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug . Dann geht er müßig und brütet vor sich hin . Ach , qualvoll ! qualvoll ! Nur den Weg nicht gehen , der sich an der Zuchthausmauer entlang windet ! Sie standen nicht immer , diese Mauern . Es kam ein Tag , da wollte man dies schreckliche Haus stürmen und die Gefangenen befreien . Den schmalen gewundenen Weg kamen sie herauf , wollten die Türen erbrechen . Damals ist hier scharf geschossen worden , und nachher hat man die festen Mauern angelegt . Josefines Herz bebt mit den Sturmstößen um die Wette . Wenn solch ein Tag wiederkäme wie der von 1871 , von dem ihr der Vater als Augenzeuge erzählt hat , und sie dabei , und sie in der vordersten Reihe ! Sie wird doch in der vordersten Reihe sein , wenn es zu befreien gilt ! Komm heraus , du Armer , Verachteter , unseliger Mann du ! Fühle die Luft , den Alpenwind von den Bergen herunter . Sieh , die Sonne scheint noch ! Die Erde steht noch fest . Der See rollt seine blitzenden Wellen . Wer hat dir das Schandkleid angezogen ? Wer hat dir die rote Nummer auf die häßliche Jacke genäht ? Ihre Seele strömte in ihre Augen , sie flossen über . Wie Georges vor ihr gestanden ist , wenn sie ihn besuchte ! Wie ihm die graugelbe Jacke am mageren Leibe hängt ! Wie gelb sein Gesicht geworden ist , wie fahl sein Haar , wie matt seine Augen , wie schlürfend sein Schritt . Ein gebrochener Mann ! Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hände zeigt und auf seine Brust schlägt und ächzt . » Morphium , Josefine , bring mir Morphium ! Aber genug ! Ich will nicht an der Schwindsucht sterben , das geht mir zu langsam . Du kannst es leicht verschaffen , mußt es tun ! Ich hinterlasse einen Brief , in dem ich sage , daß ich das Gift noch selbst in Besitz hatte . Auf dich fällt kein Verdacht ! Laß mich sterben . « Entsetzliche Stunden , diese Besuche im Zuchthause . Krankmachende , wirrmachende Minuten . Nun haben sie ihn nach Neuenburg übergeführt , seit einem halben Jahre ist er fort von hier . » Aus Schonung ! « sagte der Direktor . » Ihre Besuche lassen stets eine hochgradige Aufregung zurück bei dem Gefangenen ; in der Zwischenzeit findet er sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier . « Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefühl behandelt