recht aufgewacht . Es war so stillkaltes Wetter , Nebel um alle Berge , nicht einmal der Uetli zu sehn . Die vielen Nadelbäume standen da wie schwarze Säulen , die dünnen schaudernden Birken sahn aus wie die Schatten ihrer selbst , eisgrauer , pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenplätzen , der Springbrunnen vor der Universität war eine Fontäne aus Eiszapfen , und die rote , zierliche , pfeildünne Kirchturmspitze - es ist die Predigerkirche - schwamm undeutlich im kalten grauen Dunst . Ganz verlassen sah die große Eingangstreppe aus , denn der Nachtwind hatte den alten , grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehäuft . Ich kam in unser Auditorium und fand an der Thür den Zettel vom Professor , daß er heiser sei . Fröstelnd , unbehaglich und verlassen strich ich auf dem kalten Korridor umher , wo noch die Hängelampen brannten und die Studierenden lautlos und gähnend ihre Ueberröcke und Mäntel ablegten . - Da sah ich die offene Thüre zum Laboratorium , und es schien mir verlockend , hinein zu gehn . Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe , aber im Saal , dessen Glasthüren eben so gastlich offen waren , sah ich doch niemand , zum Glück . Ich ging auf den Zehen hinein . Eben wurde es hier ordentlich hell , es gab auch große Fenster genug , an zwei Seiten . Vor den langen Arbeitstischen an den Fenstern standen einladend die kleinen , gelben Hocker , - oh wie gern hätte ich mich dort mit hingesetzt ! In der Mitte des Raumes neben einem eisernen Pfeiler stand ein Arbeitstisch , über dem eine Gasflamme brannte , und auf der Gasflamme kochte etwas , es brodelte traulich in einem Glasgefäß , das in einem Topf mit Wasser hin und her wackelte . Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit füllte den ganzen Raum . Auf den Tischen , unter Glasglocken und in Glaskästen vor den Fenstern wuchs allerlei Grünes , auch Aquarien sah ich von verschiedenen Größen , und alles ward grüner im heller werdenden Licht . Plötzlich bemerkte ich , daß jemand hereingekommen war , er an einem Schrank herumschloß und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum andern ging und die Mikroskope verteilte . Er putzte und wischte daran und grüßte mich stumm , ohne sich zu wundern . Ich wollte mich flüchten , aber da kamen mehrere Studenten und Studentinnen herein , und auch sie schienen sich nicht zu wundern , daß ich da war . Ich sah zu , wie der Herr , jedenfalls der Assistent , nun vor jeden Platz zwei Wassergläser stellte und sie vorsichtig füllte , voll Selbstvorwurf den Kopf schüttelnd , wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel : er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort . Inzwischen waren schon soviele Praktikanten da , daß es summte , wie in einem Bienenschwarm ; sie liefen umher mit ihren Schlüsseln , um die Schiebladen zu öffnen und Objektträger und Präparirnadeln herauszunehmen . Der Professor war auch schon da , nach rechts und links nickte er , und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle , eigentümliche Gesicht mit den lebensprühenden Augen . Er rauchte noch schnell eine Zigarre fertig , während er neben der großen Tafel stand und tüchtig daran wischte . Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten , ob ich bleiben dürfe , als auch die junge Frau Professorin erschien , von der ich schon wußte , daß sie seine Assistentin sei . Sie sah sehr lieb aus , eine rundliche , kleine , blonde Dame , rotbackig von der Kälte , mit so freundlich bereitwilligen Augen , daß ich mein Anliegen gern bei ihr vorbrachte . Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz an . Ich hörte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde , aber das Ganze war als Ganzes schön , und einzig gefiel mir die Professorin-Assistentin , die überall am schnellsten entdeckte , wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter konnte oder eine besondere Auskunft wünschte . Dann , sofort war sie da , und ihre immer streng wissenschaftlichen Erklärungen wurden wahrscheinlich mit nicht geringerem Interesse angehört , weil sie von einem so frischen , jugendlichen , roten Munde kamen ! Und so viele , viele Menschen haben keine Ahnung davon , daß dieses Schöne existiert , und so viele , viele Frauen glauben , es sei etwas Unnatürliches , Unpassendes , wohl gar Ungehöriges , die Frau im wissenschaftlichen Beruf ! Wie schade für sie selbst ! Könnte ich sie doch alle herrufen in das botanische Laboratorium ! - » Die Frau gedeiht ausschließlich in der Familie « , sagen diese . Aber , - ist sie denn so herrlich gediehen ? Ist sie nicht grade in der Familie verkümmert ? zwergwüchsig geworden ? Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen Kleinigkeiten , - er muß ja auch draußen auf die Geldjagd gehn , das begreift selbst die Beschränktheit ! - die Frau aber erstarrt darin , nimmt alles Nebensächliche für die Hauptsache und schätzt das Wesentliche gering . Das Urteil wird gefangen , der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhängt . Hinaus ! Hinaus ! Wir haben so lange » im Familienkreise « gehockt , daß wir kurzsichtig wie die Schnecken geworden sind , und furchtsam überall unser Dach mitschleppen möchten . - 17. Februar . Es giebt hier ein Sprichwort : » Es kann Einer seinem Heu Stroh sagen « , daß heißt , mit seinem Eigenen nach Gutdünken verfahren . Ja , so haben sie mir gethan daheim . Sie haben mir nur Stroh gesagt , sie haben mich wertlos gemacht vor sich selbst , vor mir selbst , vor allen , die mich kannten . Warum ? Weil ich anders bin als sie ! Aber heißt denn anders sein immer schlecht , wertlos sein ? Sie fahren noch jetzt damit fort . Mama schreibt mir heute : » Papa